17. April 2015

"Rotbartsaga. Das Vermächtnis des Kapitäns Carl Carlszoon" von Wolfgang Schwerdt

Es war reiner Zufall, so behauptet der Autor der Rotbartsaga, dass er auf die Geschichte des legendären Schiffskaters Rotbart gestoßen sei. Auf jeden Fall habe ein alter Holländer damit zu tun, dass er Carlszoons Cottage an der Mündung des Mystic-River an der Nordwestküste von Connecticut USA entdeckte. Dort fand er nach eigener Aussage auf dem Dachboden Dokumente, Tagebücher und eine Unmenge Souvenirs des holländischen Kapitäns Carl Carlszoon. Der reiste im 17. Jahrhundert um die Welt und hat in seinen Journalen viel über seinen treuen Begleiter, den Schiffskater Rotbart, berichtet.

Das Buch erzählt, wie aus dem Sohn einer Katzenspelunkenbetreiberin auf der holländischen Insel Texel der legendäre Schiffskater Rotbart geworden ist. Neben realen historischen Ereignissen findet sich eine gehörige Portion Seemannsgarn. Etwa, wenn der Autor beschreibt, wie er vom Geist Carl Carlszoons in das Amsterdam des 17. Jahrhunderts entführt wurde, oder wie ihm ein schamanisches Medaillon den Zugang zum geheimnisvollen Speicher des 1701 verstorbenen Kapitäns eröffnet haben soll.

Fünf Reisen hat der sagenhafte Schiffskater gemacht, die ihn in alle Teile der Welt geführt haben. Einzelne Episoden dieser Reisen geben einen Vorgeschmack, was den Leser in den folgenden fünf Bänden der Rotbartsaga erwartet.

Gleich lesen: Rotbartsaga. Das Vermächtnis des Kapitäns Carl Carlszoon

Leseprobe:
Rotbarts Begeisterung für die Gelage des Königs [Schiffskater Roi de Merguéz] hatte weniger mit den erlesenen Speisen zu tun, die der schwarzweiße Schiffskater seinen KollegInnen auftischte. Bevor er sich zu den gemeinsam schmatzenden Felinen gesellte, schlug er sich daher im Laderaum mit einer ordentlichen Portion Ratte den Bauch voll. Pasteten und anderer Menschenfraß waren nicht sein Ding. Überaus unterhaltsam waren aber die Geschichten, wie Le Roi die erlesenen Speisen für seine Empfänge organisierte. Rotbarts Vermutung, dass die königliche Beschaffungskriminalität durchaus für die eine oder andere Zwistigkeit unter den Zwei-beinern verantwortlich sein könnte, war dabei nicht ganz von der Pfote zu weisen.
Mit zunehmender Dauer der Fahrt gestaltete es sich naturgemäß immer schwieriger, etwas über die natürliche Katzennahrung hinaus zu organisieren. Selbst die wurde immer magerer. Die speziellen Vorräte von Kapitän und Offizieren neigten sich langsam ihrem Ende zu. Die Fische, die der Mannschaft an den Haken gingen, reichten kaum zur Versorgung der Menschen an Bord. Der König hatte sich bisher noch nie dabei erwischen lassen, wenn er die Vorratskammern oder die Kombüse inspizierte, um sich seinen Anteil an den dortigen Delikatessen zu sichern. Aber je knapper die Nahrung, desto sorgfältiger wurde sie vor dem Zugriff hungriger Menschen und gieriger Tiere geschützt. Da auch verurteilte Diebe und Kriminelle an Bord waren, fiel der Verdacht zunächst nur selten auf die vierbeinigen Mannschaftsmitglieder, wenn mal wieder der eine oder andere gerade gefangene Fisch aus der Pütz verschwand. Ein schlechtes Gewissen hatten die Katzentiere nicht und [Schiffskater] Molière brachte die moralische Verfassung seiner Spezies auf den Punkt:

„Das Böse liegt im Aufsehn, das es macht, im Lärmen, das die Welt darüber schlägt. Die Sünde im Geheim ist keine Sünde.“

Der letzte Fischzug des Roi de Merguéz allerdings hatte durchaus für Aufsehen gesorgt und erhebliches Lärmen der Welt oder besser des Smutje zur Folge. Der große Fisch, den der Schiffskoch noch am Abend in die Kombüse gehängt hatte, um ihn am nächsten Morgen mit viel Wasser und Schiffszwieback zu einer Suppe zu verarbeiten, war für den König allzu verlockend. Er wusste natürlich um das Risiko, aber er kannte auch alle Tricks, wie sich so ein lukratives Beutestück nahezu geräuschlos vom Haken lösen und über geheime Wege unbemerkt aus der Kombüse schaffen ließ. Der Kombüsenkater wusste auch, dass die Nachtwache die beste Zeit für ein solches Unterfangen war. Der Koch schlief zu dieser Zeit tief und fest in seiner Hängematte unter der Back, direkt neben der Schiffsküche. Er würde allerdings beim kleinsten Geräusch hochschrecken, um nach dem Rechten zu sehen. Aber ein Roi de Merguez machte keine Geräusche! Und so schlich sich der Kater beim nächtlichen Doppelschlag der Schiffsglocke aus seinem kuscheligen Quartier in der Segel-kammer über das Zwischendeck in die Kombüse, deren Tür der Smutje immer einen Spalt offen ließ, um die Küchendünste und die Hitze des Herdes von der frischen Nachtluft vertreiben zu lassen. Das große Loch, das die Ratten in einer versteckten Ecke in den Boden der Vorratskammer genagt hatten, würde Le Roi für den Rückzug mit seiner Beute nutzen. Soweit der Plan. Die Tür knarrte mit jeder Bewegung des Schiffes im seichten Seegang. Es fiel also gar nicht auf, dass sie auch knarrte, als sich der Kombüsenkater hindurchzwängte. Die Orientierung fiel ihm nicht schwer. Schließlich lag er oft dösend in der Kombüse, wenn der Schiffskoch das Essen für die Mannschaft zubereitete. Der Smutje hatte vollstes Vertrauen zu dem gemütlichen Kater. Nicht ein einziges Mal hatte der auch nur Anstalten gemacht, etwas vom Essen stibitzen zu wollen. Kein Betteln, wenn ein für Katzen besonders leckerer Duft durch den Raum zog, weder mit Blicken noch durch Körpersprache. Angebotene Lecker-bissen wurden königlich ignoriert. An Menschenessen, davon war der Koch überzeugt, hatte sein vierbeiniger Freund keinerlei Interesse. Auch der große Fisch, der da unter der Decke hing, verursachte bei Roi de Merguez nicht einmal ein einziges kurzes Schwanzzucken.
Es war nur der Hauch eines Lichtschimmers, der das Innere der Kombüse erreichte. Le Roi bewegte sich gekonnt im Lautlosmodus, selbst als er mit wenigen Sprüngen die Spiere er-reichte, an der der Fisch mit einem eisernen Haken befestigt war. Mit einer Geschicklichkeit, die man dem etwas fülligen Kater gar nicht zugetraut hätte, balancierte er tief geduckt zwischen Spiere und Decke entlang. Mit den Krallen seiner kräftigen Pfote hob er den Haken von der Stange und ließ seine Beute langsam, langsam hinab. Immer länger wurde sein Vorderbein, bis der Schwanz des Fisches den Boden berührte. Immer länger wurde der Kater, als er – mit den Hinterbeinen noch an der Spiere festgeklammert – die Last langsam auf den Boden gleiten ließ. Ein sattes Plopp, das vom Knarren der Tür übertönt wurde, und auch der Kater landete schließlich auf den Planken, direkt neben dem beinahe einen Meter langen Markrelenfisch. Vorsichtig schleifte der König seine Beute zu dem Rattenloch, sprang hinunter und zog den schuppigen Festschmaus kopfüber hinterher.

Im Kindle-Shop: Rotbartsaga. Das Vermächtnis des Kapitäns Carl Carlszoon

Mehr über und von Wolfgang Schwerdt auf seiner Website und seiner Seite zum Buchprojekt Rotbartsaga.

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