16. April 2015

"Die Verlorenheit der Beute" von Stephan Schulz

Die Geschichte einer großen Liebe, die in der gnadenlosen Welt des Verbrechens zu scheitern droht.

Niko und Marisa lieben sich. Er ist Drogenschmuggler, sie die Frau eines Gangsterbosses. Als der ihnen auf die Schliche kommt, müssen sie fliehen. In einem Stundenhotel finden sie Unteschlupf. Nur noch ein letzter Deal muss Niko gelingen, dann ist der Weg frei für ein neues Leben mit Marisa. Ihr Ziel: Andiparos, eine kleine Kykladeninsel in der Ägäis. Doch die Verfolger sind ihnen längst auf den Fersen.

Gleich lesen: Die Verlorenheit der Beute: Kriminalroman





Leseprobe:
Der Deckenventilator dreht quietschend seine Runden, ein monotones Quietschen, das an den Nerven zehrt. Durch die Lamellen der Jalousie dringt die Abendsonne in das schäbige Zimmer und bildet auf dem zerkratzten Parkettboden ein Streifenmuster aus Gold.
Niko liegt nackt auf dem Bett und raucht eine Zigarette. Er fragt sich, ob man Dimi trauen kann. Klar, sie sind beide Griechen, kennen sich seit dem Sandkasten, haben in den Siebzigern und Achtzigern gemeinsam die Schulbank gedrückt und noch so einige andere Dinge zusammen erlebt. Aber was heißt das schon bei einem Junkie?
Dass Dimi an der Nadel hängt, hat Niko erst gecheckt, als er vor ihm am Empfang stand. Diese Augen aus Glas, aus denen von Tag zu Tag mehr Seele weicht, kennt er zur Genüge. Dimi humpelte vor den Tresen und sie umarmten sich wie alte Freunde, die sich Jahre nicht gesehen haben. Was auch stimmt, aber Niko war das unangenehm, weil Dimi schwitzte und stank. Wie einer, der seit Tagen in den gleichen Klamotten steckt und einer Dusche konsequent aus dem Weg geht.
In den vergangenen Jahren ist nicht nur das Hotel den Bach hinuntergegangen.
»Für ein paar Stunden. Wir sind nicht da und wir waren nie da.«
»Kein Problem«, antwortete Dimi und fünfhundert Euro wechselten den Besitzer. »Zimmer acht. Am Ende des Flurs.«
Dann lächelte er Marisa an.
Warum sollte er sie nicht anlächeln? überlegt Niko. Immerhin hat er fünf Scheine eingestrichen. Wenn das kein Grund für ein Lächeln ist. Die beiden sind sich nie begegnet. Außerdem trug sie eine Sonnenbrille und ein Baseballcap. Unmöglich, dass Dimi sie erkannt hat.
Schritte auf dem Hotelflur. Zwei Personen.
Die Hand mit der Zigarette verhält auf halbem Weg zum Mund. Die andere Hand greift nach der Glock 17 auf dem Nachttisch.
Eine Männerstimme. Eine Frau lacht. Die beiden betreten Zimmer sieben.
Niko atmet auf. Nur eine Hure mit ihrem Freier.
Vielleicht ist das Hotel kein sicherer Ort, denkt er. Kein Ort in der Stadt ist jetzt wirklich sicher. Aber warum sollten sie ausgerechnet hier nach uns suchen? Sie müssen annehmen, dass wir längst über alle Berge sind. Auf irgendeiner Autobahn in Richtung Süden. Oder in einem Flugzeug nach wer weiß wo sitzen. Sie wissen nicht, dass ich erst Geld beschaffen muss, damit Marisa und ich verschwinden können.
Niko macht einen letzten Zug und drückt die Zigarette in Ermangelung eines Aschenbechers auf dem Parkett aus. Er sieht auf die Uhr. Noch vier Stunden bis zum Treffen. Er steht auf, geht zum Fenster, späht durch die Jalousie hinunter auf die Straße.
Keine schwarzen Limousinen. Keine Bikes und keine Biker. Niemand, der das Hotel beobachtet.
Marisa regt sich im Bett. »Ich hab geträumt, Niko. Von einem anderen Land. Ich glaube, ich hab von Andiparos geträumt.«
Er schlüpft auf ihrer Seite unter das Laken, drängt sich an sie und fühlt die Zartheit und Wärme ihrer Haut. Die Schwellung unter ihrem linken Auge ist zurückgegangen, das Hämatom gewinnt an tiefblauer Färbung. Ihre Nasenspitzen berühren sich.
»Erzähl mir mehr von der Insel«, sagt sie.
»Du weißt, ich war nie dort.«
»Dann erzähl, was dein Vater dir erzählt hat.«
Niko schließt die Augen, erinnert sich an die Dinge, die er von seinem Vater über die Insel weiß. Er versucht sich an der Beschreibung der Farben und des Lichts der Kykladen, schildert, wie ein Tag auf der Insel aussieht und wie der Tag in die Nacht übergeht. Er spricht von den Sternen am tiefschwarzen Firmament, vom Sonnenaufgang am Strand.
»Mit ein wenig Glück sind wir bald da«, sagt er.
»Glück, Niko? Haben wir Glück denn nötig?«
»Glück kann man doch immer gebrauchen.«
»Du weißt, was ich meine.«
Das Lächeln, das er sich abringt, trägt nicht dazu bei, sie zu beruhigen.
»Mach dir keine Sorgen«, sagt er.
Aber sie macht sich Sorgen.
Er küsst sie. »Ich bin so verdammt wild auf dich.«
»Dann los. Zeig’s mir. Lass uns vögeln, bis uns Flügel wachsen.«
Niko lacht. Überschwemmt seine Angst mit dem Schweiß der ihren. Er fühlt ihr Aufbäumen unter sich, ihre Lebendigkeit, die ihm Mut einflößt und alle Zweifel erstickt. Sie hören das Blut in den Ohren rauschen, schmecken sich, tauschen aus, was ihre Körper hergeben.

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Mehr über und von Stephan Schulz auf seiner Website.

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