12. Mai 2015

"Meerschwein gehabt" von Corinna Wieja

Tessa sitzt in der Patsche. So richtig tief. Sie hat aus Versehen Meerschwein Pepper "verloren". Pepper ist mit seiner Kumpeline Bel Gast in der Tierpension ihrer Eltern. Und Bel fühlt sich nun ganz einsam. Für Tessa ist klar - sie muss:
1. Pepper schnellstens wiederfinden,
2. Bel Gesellschaft verschaffen, damit sie vor Einsamkeit nicht noch krank wird und
3. die ganze Sache unbedingt vor ihrer Familie und Meerschweinchenbesitzerin Frau Zicklinski geheimhalten, damit sie keinen Ärger bekommt.

Tessa hat auch schon einen genialen Plan, wie ihr das alles ganz sicher gelingen wird. Dazu braucht sie nur Schlammkuchen, Haarfärbemittel und ein anderes Meerschwein. Allerdings hat Tessas Plan so seine Tücken und bringt sie in die haarsträubendsten Situationen ...

Gleich lesen: Meerschwein gehabt (Tessa und Tim 1)

Leseprobe:
Rrrrrrring! Verflixt, der Wecker macht einen Höllenlärm. Blind greife ich danach und stemme mühsam die Augen auf. Halb sieben. Seufz! Nicht mal in den Ferien kann ich im Bett bleiben und ausschlafen. Dabei wäre heute ein idealer Bleib-im-Bett-und-schlaf-dich-aus-Tag. Der Himmel ist grau und Regen trommelt grässlich laut ans Fenster. Ich drücke die Schlummertaste und vergrabe den Wecker unter meinem Kopfkissen. Ich habe ihn extra so früh gestellt, damit ich meine Eltern am Frühstückstisch erwische. Ich muss mit ihnen reden, denn ich habe gestern schon wieder beim Losen gegen Tim verloren. Zum fünften Mal hintereinander. Der schummelt doch! Wie sonst lässt sich erklären, dass immer er den Zettel zieht, auf dem „Gassi gehen“ steht? Ich muss nur noch herausfinden, wie mein Bruderherz das anstellt. Ich habe nämlich wirklich keine Lust, die ganzen Ferien über allein die Katzenklos und die Kaninchenkäfige sauber zu machen! Wenn ich meinen speziellen Bitte-bitte-Blick einsetze, verdonnern Mama und Paps Tim vielleicht dazu, dass er sich mit mir abwechselt oder mir wenigstens heute hilft.
Erst mal kuschele ich mich aber noch tiefer unter die Decke. Nur ein paar Minuten noch. Der Dreck in den Kaninchenkäfigen läuft ja nicht weg. Leider. Wäre doch schön, wenn die Hasenköttel Füße bekämen und von selbst zur Mülltonne tippeln würden. Ich muss grinsen, als ich mir das vorstelle: eine Parade kleiner brauner Kügelchen, die durch unseren Garten marschiert. Das wäre mal ein nützlicher Zaubertrick! Wenn Tim den könnte, hätte ich auch nichts mehr gegen seine nervkrötigen Kartentricks, die er immer an mir ausprobiert.
Tim will unbedingt Zauberkünstler werden und so berühmt wie David Copperfield, Jan Rouven oder Harry Potter. Dabei ist Tim im Zaubern ungefähr so geschickt wie eine Kuh beim Rollschuhlaufen. Wird der Esel genannt, kommt er gerannt, sagt meine Oma immer. Wie wahr! Die Tür fliegt auf und mein Bruder stürmt ins Zimmer. „He, Tessa, wach auf! Ich hab einen neuen Trick, den musst du dir unbedingt anschauen.“
„Aber nicht jetzt! Will noch schlafen. Verschwinde“, nuschle ich und ziehe mir die Decke über den Kopf.
Tim und ich sind Zwillinge, aber wir sind uns überhaupt nicht ähnlich. Er hat kurze blonde Haare und blaue Augen, ich habe lange braune Haare und grüne Augen. Sein Name hat drei Buchstaben, meiner fünf. Ich bin morgens ein Murmeltier, er ist so munter wie das Kikeriki eines Hahns.
„Nein, das muss ich dir sofort zeigen. Ich hab den Trick ewig geübt. Der ist richtig schwer, aber jetzt kann ich’s“, sagt er und zieht mir die Decke vom Kopf. In der Hand hält er einen Zylinder, in dem ein Ei rumkugelt.
Ich richte mich auf und ziehe die Augenbrauen zusammen, und zwar so, dass er es auch mitbekommt. „Was soll das werden? Frühstück am Bett?“
„Nee, viel besser.“ Tim grinst. „Pass auf!“ Er wedelt mit der Hand in beschwörenden Kreisen über dem Ei im Zylinder. „Abrakadabra verschwindibus!“ Dann dreht er mit Schwung den Zylinder um.
„Neeeeeeein!“, brülle ich und werfe das Kopfkissen nach ihm. Ich verfehle ihn nur um Millimeter, weil er sich geschickt zur Seite dreht. Trotzdem ist es zu spät. Das Ei platscht auf den Boden. Dotter und Eiweiß vermischen sich zu einer glitschigen, gelbweißen Pfütze auf meinem Teppich. „Du Schusselkopf! Mein schöner weißer Flauscheteppich! Der ist jetzt total hin. Warum hast du kein gekochtes Ei genommen? Oder eins aus Plastik?!“
Tim kratzt sich am Kopf. „Komisch, vorhin hat es noch funktioniert. Da muss was mit der Geheimklappe nicht stimmen …“
„Ich glaube, bei dir stimmt’s nicht!“, sage ich. „Und zwar hier.“ Ich tippe mir an die Stirn. „Das machst du sofort sauber!“
Tim reagiert nicht. Er untersucht immer noch seinen Zylinder. Verärgert springe ich aus dem Bett – mitten in die Eierpfütze hinein. Örks! Das ist so was von eklig. Vorsichtig hebe ich meinen Fuß hoch. Das Eiweiß zieht lange klebrige Fäden und ich wünsche mir, ich wäre nie aufgestanden. Dotter tropft von meinem großen Zeh. Na warte!, denke ich mir und will Tim am Kragen packen, damit er sich endlich um den Eiermatsch kümmert. Tim weicht mir jedoch grinsend aus. Ich gerate ins Schwanken, weil ich immer noch wie ein Storch auf einem Bein stehe. Hopsend versuche ich, mein Gleichgewicht wiederzufinden. Dabei rudere ich wild mit den Armen und bin kurz davor umzufallen. Blöderweise lande ich mit dem anderen Fuß auf den Eierschalen. Es macht krack und der Matsch und die Schalenstücke kleben auch an diesen Zehen. Kurz überlege ich, ob ich Tim den Zylinder über den Kopf ziehen soll, damit er selbst in der Geheimklappe verschwindet. Dann aber schließe ich die Augen und stelle mir zur Beruhigung ein tiefblaues Meer vor, dazu einen Strand mit Palmen. Alle meine Freundinnen liegen jetzt irgendwo in der Sonne am Meer. Und ich? Hach, wäre das schön, endlich mal wieder in den Urlaub zu fahren. Ohne Tim!
Ich schüttele mich aus meinem Tagtraum. Herumspinnen hilft mir nicht weiter. Erst mal muss das Ei weg. Außerdem bin ich schließlich die Vernünftige von uns beiden. „Jetzt geh schon und hol einen Lappen!“, befehle ich ganz ruhig. „Ich kann nicht, ich tropfe.“
Tim kichert. „Ja, aber dein Eiertanz war cool.“
Wortlos deute ich mit dem Finger zur Tür.
„Ja, ja, schon gut“, sagt Tim und verzieht sich. Kaum ist er zur Tür raus, höre ich lautes Gepolter und einen ohrenbetäubenden Schrei. Die Stimme erkenne ich sofort – Mama. Gleich darauf poltert es wieder und jemand flucht. Eindeutig Paps. Mit einem letzten Blick auf den Wecker – es ist gleich sieben, eine echt bescheuerte Zeit zum Aufstehen in den Ferien! – stürze ich aus dem Zimmer und laufe zum Bad. Von dort kam der Schrei.

Im Kindle-Shop: Meerschwein gehabt (Tessa und Tim 1)

Mehr über und von Corinna Wieja auf ihrer Website.

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