21. Mai 2015

"Anna im verborgenen Königreich" von Carolin Olivares

Als Anna mit ihren Eltern in eine neue Wohnung zieht, ist sie sehr glücklich über die Gesellschaft der Regenbogenfee, ihrer Beschützerin aus dem verborgenen Königreich. Fasziniert ist das Mädchen von dem großen Ahorn vor ihrem Fenster. Schnell schließt Anna Freundschaft mit dem guten Geist des Baumes. Immer wieder reist sie mit ihren Freunden in die Welt der Feen und Naturgeister. Die Kinder reiten auf einem sprechenden Delfin, besuchen die geheimnisvolle Sybilla im magischen Efeuwald und erleben viele weitere aufregende Abenteuer. Eine besondere Ehre wird Anna und ihrem Freund Juan zuteil, als beide am großen Novembeuerfeuer teilnehmen dürfen.

Bei diesem Fest übergibt die Elfenkönigin das Jahreszepter an die weiseste der Hexen. Bei den Aufenthalten im verborgenen Königreich wird Anna und ihren Freunden so manches Lebensgeheimnis offenbart. Immer wieder geht es um die Bedeutung von Freundschaft, um Freiheit und Verantwortung. Die Dinge ändern sich, die Kinder werden älter. Was sie verlieren, ist die Fähigkeit, Feen und gute Geister zu sehen. Was aber bleibt, sind glückliche Erinnerungen und ein tiefes Wissen um die Zusammenhänge des Lebens. Tröstlich ist die Zusage, dass es im Traum immer einen Weg ins verborgene Königreich gibt.

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Leseprobe:
Das Gesicht zeichnete sich etwa in der Mitte des Baumes ab. Die Rinde wölbte und verzog sich, bis schließlich schmale Gesichtszüge, umgeben von halblangen Haaren deutlich hervor traten. Hals und Schultern bildeten sich. Die Arme waren hinter dem Rücken verborgen. Es sah so aus, als hielte der Baumgeist – und es gab keinen Zweifel, dass es sich um einen solchen handelte - die Arme hinter dem Rücken verschränkt oder als wäre er mit Handschellen gefesselt. Weiter unten waren der schlanke Leib und dann die langen Beine nur ganz vage zu erkennen. Anna wusste, dass Baumgeister aus ihren Bäumen heraustreten und die Größe von Erwachsenen annehmen können. Dann hatten sie auch richtige Gesichter und Körper, allerdings feiner und heller als die von Menschen.
Wie alle kleinen Kinder war sich Anna darüber im Klaren, dass die verschiedenen Wesen des Feenreiches oder des verborgenen Königreiches, wie manche es nennen, für die Menschen sehr wichtig sind. Sie sorgen dafür, dass es Jahreszeiten gibt, dass die Sonne scheint, dass es regnet und schneit. Außerdem kümmern sie sich um das Wachsen und Gedeihen der Pflanzen und Tiere. Sie verbreiten gute Laune, spenden Trost, gewähren Schutz und sie flüstern den Menschen von den Geheimnissen der Welt.
Der Ahorngeist lächelte. Zwei kecke Amseln hüpften im Baum hin und her und riefen: "Hallo Menschenkind. Willkommen, willkommen!"
Obwohl es gerade windstill war, bewegten sich einige Zweige. Unter den raschelnden Blättern erblickte Anna hellgelbe Funken. Bei genauerem Hinsehen erkannte sie winzige, sehr anmutige und fast durchsichtige Blumenfeen, die nicht mehr über viel Kraft verfügten, weil der Herbst nahte. Aus den Augenwinkeln sah sie auch, dass die kleine Regenbogenfee links von ihr auf dem Balkongeländer saß und die Beine baumeln ließ. In der Sonne schillerte sie weiß und rosa. Sie schien diesen Ort zu mögen, denn sie lachte. Ihr Lachen erinnerte an das Klingeln sehr zarter Glöckchen.
"Ja, ja", sagte die Fee, " hier ist es nett, schön frei und luftig."
"Ein wenig hatte ich Bedenken, dass du nicht mitkommen würdest", entgegnete Anna, bereute ihre Worte aber sofort, weil die Fee daraufhin vor Ärger ganz grau wurde.
"Weißt du denn nicht, dass es meine Aufgabe ist, dich zu beschützen. Wo du hingehst, ist ganz gleichgültig", schimpfte sie.
Dann rümpfte sie die Nase und schaute in eine andere Richtung. Betreten folgte Anna ihrem Blick, weil ihr nichts Besseres einfiel. So betrachteten die beiden eine Stelle des Gartens, wo vor kurzem Erde umgegraben worden war. Dort saßen zwei Gnome, - manche nennen sie auch Wichtel -, etwa so groß wie Kasperlepuppen in braunen Umhängen und mit breiten, grünen Hüten.
"Ja, ja", mischten sie sich ein. Ihre Stimmen klangen ein ganz klein wenig so, als würde jemand Schlamm gegen eine Mauer werfen. "die geschätzten Feen des Luftreiches sind leicht eingeschnappt."
Hoheitsvoll rümpfte die Regenbogenfee ihre Nase.
"Ich bin zu intelligent, um mich auf dieses Gespräch einzulassen", hauchte sie, ohne wirklich verärgert zu sein. Sie tat eher so, als wäre sie es, denn die Wesen des Feenreiches haben Sinn für Humor. Die Gnome und die Amseln lachten, die kleine Fee lächelte und schaute sie wieder an.
"Ja, ja", bemerkte ein Gnom gut gelaunt, "hier ist ein feiner, ruhiger Platz für uns. Es gibt viele Kinder, ein paar Hunde und Katzen und sogar einige Erwachsene, die gerne ein wenig träumen, wenn sie ins Grüne schauen. Die Menschen hier mögen ihre Pflanzen und pflegen sie liebevoll. Nur leider wird der Rasen zu oft gemäht und die Sträucher werden ständig nachgeschnitten."
Alle nickten, Anna eingeschlossen. Ausgerechnet in diesem Moment erscholl aus einem der Nachbargärten das Geräusch eines Rasenmähers. Die Fee, die Gnome und die Vögel sahen Anna mit großen Augen an und nickten nachdrücklich, gerade so, als wollten sie sagen „siehst du!“ Anna war das sehr peinlich, aber sie ärgerte sich auch. Schließlich mähte sie den Rasen ja nicht.
Plötzlich kam die Sonne, die vorübergehend hinter Wolken verschwunden war, wieder zum Vorschein. Feine goldene Strahlen ergossen ihr Licht über den Balkon und den Platz davor.
„Bis dann“, brummelten die beiden Gnome, „wir halten jetzt ein Schläfchen.“
„Ich, ...“, summte die Regenbogenfee, „ich werde jetzt auf einem Sonnenstrahl reiten!“ Und genau das tat sie. Elegant setzte sie sich auf einen besonders schönen Strahl, der in dem Balkonkasten neben ihr endete, hob die Arme und schoss schräg in die Höhe der Sonne entgegen.
„Tschüss“, riefen die beiden Vögel und schwangen sich jubelnd in den Himmel.
Anna war wieder allein und es war ihr recht, denn sie ärgerte sich immer noch wegen der Sache mit dem Rasenmäher. Da erinnerte sie sich plötzlich an den Baumgeist. Erwartungsvoll schaute sie zum Ahorn hinüber. Er stand noch in seinem Baum und lächelte ihr zu.
„Hallo“, flüsterte er, „ich bin dein Freund!“
Dann verschmolz seine Gestalt wieder mit dem Baumstamm. Sofort kehrte Annas gute Laune zurück.

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