24. Juni 2015

"Was die Weiber lieben und hassen" von Heidrun Böhm

Rita ist Altenpflegerin, leistet treu und bescheiden ihren Dienst, liest gerne Trivialliteratur und schreibt Kurzgeschichten. Rita hat ein dunkles Geheimnis. Sie kann nicht mit ansehen, wie alte kranke Männer im Altenheim in ihren Betten vegetieren.

Rita lernt eine bekannte Schriftstellerin kennen. Diese soll auf Grund unangenehmer Ereignisse in ihrem Privatleben eine Biografie schreiben, um ihre Leser nicht zu verlieren. Sie bittet Rita um Hilfe. Wird Ritas Geheimnis dadurch ans Tageslicht kommen?

Oder gelingt es ihr, die Vergangenheit aufzuarbeiten, und ein neues Leben anzufangen?

Gleich lesen: Was die Weiber lieben und hassen


Leseprobe:
Wälder und Wiesenhänge umschlossen das beschauliche Städtchen Zickenhausen, das friedlich unter dem blassblauen Himmel lag, an dem milchigweiße Wolken entlang zogen. Erstes Morgenlicht tauchte die kleinen Häuser und Straßen in fahles Grau. Ein paar Raben flogen krächzend über die fahlroten Ziegeldächer und ließen sich auf dem grauen Kopfsteinpflaster des menschenleeren kleinen Marktplatzes nieder. Sie reckten ihre Köpfe der frischen Brise entgegen, die von der grünblauen Bergkette im Süden heranzog. Es roch nach Gras, Dünger und Ackerbau. Aber auch die Abgase aus der Großstadt, die einige Kilometer entfernt lag, konnte man wahrnehmen, wenn der Wind sich drehte.
In Zickenhausen ließ es sich ausgezeichnet leben. Die Einwohner waren unter sich und die Anbindung an die Großstadt war mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut geregelt. Seit einem Jahr gab es hier ein neues modernes Altenheim. Darauf waren die Zickenhausener besonders stolz. Hier, wenige Kilometer vom geschäftigen Treiben der Hauptstadt entfernt, war ein idealer Platz, um den Senioren einen schönen Lebensabend zu garantieren. Der Eingangsbereich des Heimes war hell und freundlich gestaltet. Es gab große Fenster, die das Sonnenlicht einließen, und eine Rezeption mit einer eigenen Poststelle, umgeben von großen Töpfen mit jungen Palmen, die ihre sattgrünen Zweige der Decke entgegenstreckten. Geräumige Aufzüge, deren Türen sich langsam öffneten und schlossen, ließen den alten Herrschaften ausreichend Zeit, um aus- und einzusteigen.
Für die pflegebedürftigen Menschen gab es Ein- und Zweibettzimmer. Für die, die selbstständig waren, gab es kleine Wohnungen.
Die Mitarbeiter, die im Heim wohnten, hatten hübsche Wohnungen mit Küche und Bad, die abseits in einem anderen Gebäude lagen.
Rita Krämer war Altenpflegerin und wohnte in einer dieser Zweizimmerwohnungen. Die Einrichtung war bescheiden und anspruchslos, wie ihre Besitzerin. Rita saß in der kleinen Küche auf einem einfachen roten Stuhl aus Plastik. Sie trank ihren Morgenkaffee, der auf einem hölzernen Tisch mit einer rotkarierten Tischdecke stand, und blätterte lustlos in der Tageszeitung. In dreißig Minuten begann die Frühschicht. Im Grunde genommen graute ihr vor der Arbeit im Altenheim. Trotzdem hatte sie hier Unterkunft und Auskommen gefunden und verdiente Geld genug, um etwas für ihren erwachsenen Sohn zurückzulegen. Rita seufzte. Heute war ihr zehnter Arbeitstag ohne Pause. Im Heim fehlte es an Pflegekräften. Und es fehlte an Nachwuchs. Wenige waren dazu bereit, an jedem zweiten Wochenende zu arbeiten oder sich mit alten dusseligen und pflegebedürftigen Menschen zu beschäftigen.
Die alte Wanduhr mit dem hölzernen Gehäuse schlug sechsmal blechern. Draußen kämpfte sich die Sonne durch die Wolken.
Rita zog sich ihre weiße Schürze über, kämmte sich flüchtig die Haare und schlüpfte in ihre Schuhe. Der Spiegel an der Wand zeigte ihr lediglich ihr Gesicht. Sie war eine Frau mit brünetten kurzen Haaren, in denen sich erste ergraute Strähnen abzeichneten. Ihre blauen Augen waren von vielen kleinen Fältchen umgeben. Und auf der leicht nach oben gebogenen Nasenspitze tummelten sich ein paar Sommersprossen.
Sie dachte daran, dass sie früher ihre Arbeit gerne getan hatte. Heute war alles anders. Die Alten waren nicht mehr dankbar. Sie muckten auf und waren schwierig. Sie wussten nicht, dass sie alt, verwirrt und verbraucht waren. Und viele akzeptierten nicht, dass sie hier an der letzten Station ihres Lebens angekommen waren.
Manchmal gelang es Rita, den Tod zu fühlen. Der Sensenmann hat es sich in einem Sessel gemütlich gemacht oder schwebt über dem Bett, dachte sie, wenn einer der Altenheimbewohner im Sterben lag.
Er hatte es nicht eilig. Er wartete auf den Moment, in dem er zuschlagen konnte. Wenn er zuschlug, holte er nicht nur einen der Alten.
Und der Tod war gerecht. Er machte keinen Unterschied zwischen oben und unten, Arm oder Reich.
Allerdings schien es Rita, als ob der Tod manche der Alten vergaß. Sie wollten sterben und durften es nicht. Die Alten, die über Monate oder Jahre im Bett am Tropf hingen, taten ihr leid. Sie vegetierten, litten und durften nicht sterben.
In ihrem Badezimmerschränckchen hatte Rita alle Medikamente, die für einen schnellen, leichten Tod erforderlich waren. Sie kannte alle Lebensläufe der Bewohner, alle Krankheitsabläufe, alle Familienverhältnisse. Ihre jahrelange Berufserfahrung sagte ihr, bei wem und wann sie das Medikament einsetzen konnte.
Zwei arme alte Männer hatte sie bisher erlöst. Beide sahen zufrieden aus, nachdem der Tod aus ihren Händen zu ihnen gekommen war.

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Mehr über und von Heidrun Böhm auf ihrer Website.

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