17. Juli 2015

"Unvollkommen Glücklich" von Katja Kramer

Vier Paare, drei Liebesgeschichten, eine Familie.

Nach dem Mauerfall begegnet die sanfte Luise dem wohlhabenden, aber verbittert wirkenden Tom und versucht mit Geduld und Leidenschaft, sein Vertrauen zu gewinnen. Doch beide verschweigen Geschehnisse ihrer Vergangenheit voreinander, und als Luise auf das Geheimnis seiner Familie stößt, hat das auch Folgen für ihr eigenes Leben.

Die offene Marit verliebt sich in Toms selbstbewussten Sohn Paul, der zwar gern mit ihr zusammen ist, sich aber keine Freundin im Rollstuhl vorstellen kann. Er sieht sie eher als perfekte Frau für seinen besten Freund: Den zurückhaltenden Michael, querschnittgelähmt und wie Marit trotzdem fest im Leben stehend.

Jette, das fröhliche Nesthäkchen der Familie, verliebt sich in Michael, als sie ihn während ihrer Studienzeit wiedertrifft. Doch kann diese Liebe überhaupt Bestand haben?

Drei Generationen einer Familie, die sich alle auf ihre Weise mit den körperlichen Einschränkungen eines der jeweiligen Partner auseinandersetzen und ihr Glück suchen.

Gleich lesen: Unvollkommen Glücklich

Leseprobe:
Luise hielt ihm die Haustür auf, neben der sein BMW parkte. Sie atmete die kühle Luft ein, die ihr einen klaren Kopf bescherte, bevor sie ihm die Tasche reichte.
Er räusperte sich. »Verraten Sie mir, wie Sie den Abend verbringen werden?«
Sie überlegte, ob sie ihn anlügen, ihm von einer tollen Party oder einem Mann erzählen sollte, der bereits an einem gedeckten Tisch auf sie wartete. »Ich glaube, ich lege mich ins Bett und lese noch ein paar Seiten in einem guten Buch.«
»Klingt ein bisschen einsam, finden Sie nicht?«
»Sie arbeiten sicher noch.« Luise zeigte auf seine Tasche, die wie üblich von einer teuren Marke war.
Tom öffnete die Beifahrertür, um sie auf den Sitz zu stellen. »Kennen Sie das Gefühl der Einsamkeit?« Er wandte seinen Blick wieder zu ihr.
Sein Gesicht lag im Schatten der Laterne auf dem Hof, und sie bemühte sich vergeblich, in seinem Gesicht zu deuten, ob er dieses Gefühl kannte. »Nein«, erwiderte sie schließlich.
»Sie sind eine schlechte Lügnerin, Luise. Und danke, dass Sie mir die Tasche getragen haben.«
Sie erschrak über den ernsten Ton in seiner Stimme.
Luise stand noch immer auf demselben Fleck, obwohl der schwarze BMW den Hof längst verlassen hatte. Ja, sie war eine miserable Lügnerin, schon seit ihrer Kindheit. Unvermittelt tauchte sie in eine Erinnerung ein und sah sich selbst als junges Mädchen, wie sie im Schlafzimmer ihrer Großeltern mit Herzklopfen das knarrende Schubfach der Holzkommode aufzog und sich zwei Schokoladenriegel nahm, zwei von der Sorte, die es nur in diesem Geschäft in Berlin gab, dessen angenehm süßlicher Seifengeruch ihr noch heute in der Nase hing. Einen schenkte sie Ferdinand, dem Sohn des Pförtners im Werk ihres Großvaters, weil er sie auf dem Weg zur Schule immer auf dem Gepäckträger seines Fahrrads sitzen ließ. Ihre Oma schenkte ihr die Schokolade gern nach einer guten Zensur oder wenn Luise wieder der alten Zielinski vorgelesen hatte. Die grimmig dreinschauende Frau war die Deutschlehrerin ihrer Mutter gewesen, doch seitdem die Demenz ihr Gehirn erobert hatte, saß sie nur noch auf der Bank vor ihrem Haus, um den lieben langen Tag die Bushaltestelle gegenüber anzustarren. Luise bedauerte sie, weil das furchtbar langweilig sein musste, schließlich fuhr der Bus nur einmal in der Stunde. So hatte sie damit begonnen, ihr zwischen zwei Bussen aus ihren Kinder- und Jugendbüchern vorzulesen. Jedes Mal, wenn sie das tat, strich sich die alte Frau mit den Händen über ihre geblümte Kittelschürze und ihre Mundwinkel hoben sich, ein Gesichtsausdruck, der wie eingefroren noch weitere zwei Busse anhielt. Fuhr ein Fahrradfahrer mit einer scheppernden Milchkanne oder eine Dorfbewohnerin mit einem vollen Einkaufsnetz an ihnen vorbei, nickten sie Luise anerkennend zu oder legten ihr einen Bonbon auf den Schulranzen.
Jedenfalls hatte ihre Mutter sie wegen der Schokoriegel zur Rede gestellt, und wenn Luise nicht gestottert und ihr die Röte nicht ins Gesicht geschossen wäre, hätte ihre Großmutter ganz sicher geglaubt, sich verzählt zu haben. So hatte sie als Kind beschlossen, nur noch im Notfall zu lügen und nie wieder zu stehlen, denn der Eindruck der knusprigen Waffelstücke in der zartschmelzenden Schokolade war viel schneller verblasst als die einen Tag andauernde Enttäuschung ihrer Großmutter. Nur sich selbst belog sie erfolgreich, zumindest was einen Menschen betraf, aber an den wollte sie jetzt unter keinen Umständen denken.

Im Kindle-Shop: Unvollkommen Glücklich

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