23. Juli 2015

"Das Schweizer Herz: Die Reise nach Süden" von Enzio Abaeterno

Die im Entstehen begriffene Schweiz erfuhr im September 1515 sehr drastisch, welche Gefahren es mit sich bringen kann, in internationale Allianzen eingebunden zu sein, die sich von heute auf morgen ändern können. Am Beispiel einer Familie in Wassen/Uri erfährt der Leser von den Lebensumständen in dieser Zeit. Den Gotthard benützende Reisende bringen neues Wissen aus entfernten Gegenden bis in das kleine Bergdorf.

Einer der Söhne dieser Familie kommt als Reisläufer bis ins Tessin, nach Mailand, Venedig und Rom. In der Garnison Bellinzona sowie auf Kriegszügen erhält er Einsicht in die politischen Verhältnisse Norditaliens zu einer Zeit, wo selbst Leute wie Machiavelli damit rechneten, aus der Schweizerischen Eidgenossenschaft könnte eine europäische Großmacht vom Burgund übers Elsass bis zum Bodensee und vom Rhein bis ans Mittelmeer werden.

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Leseprobe:
Der Lärm weckte ihn. Das dumpfe, näherkommende Grollen hörte sich für Alois an wie der Rigodon einer auf der Trommel geschlagenen Tagwacht: "Rum-rum-tata-rata-rum-rum-rum", ad libitum wiederholt. Der gleichzeitig aufkommende Wind rüttelte heftig an den Fensterläden. Er blies feinsten Schneestaub ins Innere und heulte durch die Ritzen des Granitdachs. Alois glaubte sogar, die Melodie zu hören, die er auf dem Schweitzerpfeiff zu spielen gelernt hatte.
Mindestens dreimal wiederholte er in Gedanken das Motiv. Darauf folgte unheimliche Ruhe. Die Entschigtal-Lawine war zum Stillstand gekommen. Sie versperrte beide Wege zum Dorfkern von Wassen: jenen, der vom Egghüüssli, dem Wohnhaus der Familie Truttmann, in zahlreichen Kehren hinunterführte, aber insbesondere auch die Gotthardstraße und damit die Talverbindung von der Werkstatt her entlang der Reuß. Sie blieb fortan unpassierbar.
Von unterhalb des Hauses bis in die Gegend der Arbeitsstätte zog sich eine Waldschneise. Es gab auch einen Saumpfad, der sie – seiner vielen Schlaufen wegen – wie die Schlange auf der Abbildung eines Äskulapstabs durchkreuzte. Im Sommer und im Herbst, wenn genügend Laub lag, rutschten die Männer in alten Zwillich-Sennenhosen den Durchhau hinunter. Im Winter und Frühling fuhren sie auf einplätzigen Hornschlitten, die sie abends wieder hinaufschleppen mussten. Darum zogen sie es oft vor, Schneeschaufeln als Untersatz zu verwenden. So wie Alois gezählt hatte, stak diesmal die Lawine immerhin nicht im Steilhang fest. In Jahren, wo solches geschah, warnte man davor, die Talstraße zu begehen, weil jederzeit Schnee, Eis, Holz oder Geröll nachzurutschen drohten.
Das Egghüüssli lag südwestlich über dem Tal, außerhalb des Dorfes, auf einer Wiese am Fuß eines Schutzwaldes. Es schmiegte sich an einen aus einer Halde aufstrebenden Felsen. Der ein Stück weit auf diesem errichtete Dachstock überragte und deckte – außer den umbauten Monolithen – das restliche Gebäude, samt den darunter befindlichen übrigen Hausteilen. Platzverwöhnte Stadtmenschen würden an den niedrigen, aufs Nötigste beschränkten Unterkünften das Beengende bemängelt haben. Aber kleine Räume ließen sich im Winter leichter heizen. Die Sonnenstunden verbrachte die Familie ohnehin die meiste Zeit im Freien.
Wer das Haus von dessen Fuß aus betrachtete, hatte zu ebener Erde vor sich den Ziegenstall. Darüber, nur links im Hang von draußen her erreichbar, gab die Außentür in einen winzigen Vorraum, die Stube und das elterliche Schlafgemach. Auf gleichem Boden, zum Felsen hin, lagen die Küche und der Abort. Eine Innentreppe führte zum Dachstock mit der Kammer der drei Brüder. So hoch im Steilhang genügte es, den Fenstersims zu übersteigen, um direkt auf den Weg zum Meiggelenstock zu gelangen, der bergseits am Egghüüssli vorbeiführte. Die Werkstatt im Talgrund, unweit der Reuß von Alois’ Ahnen gebaut, stand auf einem Landstrich den – wie oben am Berg das Wohnhaus –, Felswände und Bannwald vor Lawinen schützten. Dem Standort unmittelbar an der Gotthardstraße verdankte sie einen Großteil des Zulaufs an Auftraggebern. Diese schätzten Vater Truttmann und seine Söhne wegen ihres vielseitigen Könnens als Holz verarbeitende Handwerker. Ein Steinwurf davon nach Norden entfernt aber lag das Gebiet, wo vom Entschigtal her die Lawine alljährlich niederging. Es reichte bis ans Ufer der Reuß. Der Lawinenkegel aus Schnee, Eis, Felsbrocken, Geröll, Baumstrünken und Fallholz, wo sich vereinzelt auch Tierkadaver, ja tote Menschen fanden, versperrte fortan für Wochen den Weg nach Wassen. Wer dennoch ins Dorf oder talaufwärts Richtung Wattingen und Göschenen gehen wollte, konnte dies nur mühevoll, unter Aufwand zusätzlicher Kräfte und nicht ohne Gefahr.
Erst im Spätfrühling schmolz die Sonne das Hindernis genügend ab, um den Männern der Gegend für ein ungefährdetes Aufräumen Zutritt zu gewähren. Schnee, Eis, Holz und Schutt galt es wegzuführen, einzelne Felsbrocken anzustoßen, damit sie noch gänzlich ins Flussbett hinunterrumpelten. Dann war die Gotthardstraße Richtung Göschenen für Mensch und Tier wieder begehbar. Die im ausapernden Gelände weggeräumten Gesteinsbrocken, das Geschiebe und Fallholz füllten dutzendweise Schlitten oder Fuhrwerke, zweispännige von Ochsen gezogene. Erst auf gesäuberten Wiesen wuchs bis im Juli genügend Gras, um damit Vieh zu sömmern und damit Wildheuen sich lohnte. Nach dem Getöse der niedergehenden Lawine: Totenstille.
Nur die Trommel, das hölzerne, mit zwei Kalbsfellen und einem Hanfseil bespannte Schlaginstrument auf der Truhe am Kopfende von Alois’ Lager, antwortete auf die Wärme- und Feuchtigkeitsunterschiede durch Flüstern: Sie knackte leise und es folgte ein schwaches Singen der Zarge, des Resonanzkörpers.
Ein leichter Luftzug hatte die steile Treppe hinaufgeblasen und der kurze Schimmer einer Kerzenlaterne an der Wand des schmalen Treppenhauses seltsam verzerrte Schatten vertrauter Dinge geworfen. Vater Leonhard Truttmann war ins Freie getreten, um nachzusehen, ob das Haus irgendwelche Schäden aufwies. Das schien nicht der Fall, denn er ging danach seinen üblichen Beschäftigungen nach. Jetzt, im Winter, folgten sich die von den Menschen im Freien verursachten Geräusche selten unmittelbar zusammenhängend: Zwischen dem Zuschlagen der Haus- und dem Knarren der geöffneten Stalltür – gefolgt von kurzem Ziegengemecker – schluckte der Schneeteppich die Schrittgeräusche gänzlich. Erst das aus der Entfernung hörbare Schippen mit der Schaufel vermochte Alois wieder auszumachen. Dann der satte Klang der eiskalten, aber trockenen Holzscheite, die Leonhard unter dem geschützten Vordach zu einer handlichen Bürde schichtete, um sie ins Haus zu tragen. Alois bekreuzigte sich, dankte Gott, der das Egghüüssli einmal mehr beschützt hatte, und Maria Schnee, weil ihre Legende zu den Lieblingsgeschichten seiner Jugend gehörte.
Vater Truttmann klopfte die Holzschuhe aus, ehe er hineinkam und die Scheite zum Herd brachte. Dort schickte er sich an, die Glut mit dürrem Reisig, trockenen Spänen und Föhrenzapfen wieder zu entfachen. Dies heizte den Sitzkachelofen in der guten Stube gleich mit, der ebenfalls von der Küche her befeuert wurde. Das Knistern der auflodernden Flammen und der Geruch des brennenden Holzes verstärkten das Gefühl der sich jetzt verbreitenden wohligen Wärme noch.

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