10. August 2015

'Jeder liebt auf seine Weise' von Maria Resco

“Träum nicht von einem, den du nicht haben kannst“, ist jener gutgemeinte Rat der Mutter, der Lisa immer wieder auf die Palme bringt, denn tief in ihrem Innern ahnt sie, dass die Mutter recht hat. Dennoch hofft sie weiter auf ein Happyend für ihre Liebe zu dem Franzosen Daniel, an den sie schon in frühester Jugend ihr Herz verliert. Jahre der Sehnsucht vergehen, bis sie begreift, dass ihre Mädchenträume weiter nichts als Illusionen sind.

Sie heiratet den gutsituierten Manfred und beginnt mit ihm, ein gemeinsames Leben aufzubauen. Dann plötzlich taucht Daniel auf.

Gleich lesen: Jeder liebt auf seine Weise





Leseprobe:
Mit siebzehn hat man noch Träume heißt es in einem Lied. Die Melodie kam Lisa sofort in den Sinn, als sie nach Jahren zurückkehrte an jenen Ort an der Côte d’Azur, an dem alles begonnen hatte. Nichts hatte sich verändert, die Dünen, das Gestrüpp, die Felsen, die Pinien, alles war genau wie früher.
Damals war sie siebzehn, und sie hatte wirklich Träume. Sie hatte nicht gewusst, dass es auch Träume gab, die niemals Wirklichkeit wurden. Ihre Liebe zu Daniel war offenbar eine solche Illusion.
Sie hockte sich auf einen Fels und sah hinaus aufs Meer. Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Sie dachte an Paris, an seinen Brief, an sein Adieu, an die erste Nacht mit ihm hier an diesem Strand.
Er hatte nie gesagt, was sie immer von ihm hören wollte: Je t’aime. Was war so schwer daran?
Ich könnte es dir x-mal sagen, und dennoch muss es nichts bedeuten. Alle sagen es, weil es irgendeiner hören will. Gefühle werden nicht allein durch Sprache ausgedrückt, sie wirken einfach nur durch ihr Vorhandensein. So wie du allein durch deine Anwesenheit den Raum um mich herum erhellst.
Wundervolle Worte, innig, poetisch, romantisch, aber kein Je t’aime. Hätte ihr das zu denken geben müssen? War es überhaupt ein Glück, ihm begegnet zu sein?
Lisa erhob sich, ging die wenigen Schritte zum Wasser, streifte die Sandalen ab und ließ die sanften Wellen über die Füße schwappen. Es hatte sich kaum abgekühlt, obwohl es fast schon Mitternacht war.
Wie hingerissen sie von seinem Anblick war, als sie ihm zum ersten Mal gegenüberstand, wie charmant er sie begrüßt und wie schön er ihren Namen ausgesprochen hatte, Lisà, mit der Betonung auf dem A. Da konnte sie ja gar nicht anders, sie musste sich in ihn verlieben.
Genau genommen hatte sie es Adele, ihrer Jugendfreundin, zu verdanken, dass sie ihm begegnet war. Ohne sie wäre sie in jenem Sommer nie auf die Idee gekommen, nach Frankreich zu reisen. Auslöser für den spontanen Entschluss war ein Streit, in dem Adele sich mehr als unfair verhalten hatte. Lisa, zutiefst verletzt, war daraufhin der Einladung ihrer französischen Brieffreundin nach Clermont-Ferrand gefolgt, anstatt die Ferien mit ihr zu verbringen.
Aus Adeles Sicht hatte das ihrer Freundschaft jedoch keinen Abbruch getan; sie war in keiner Weise nachtragend. In regelmäßigen Abständen war ihre schillernde Gestalt in Lisas Leben wieder aufgetaucht und hatte sich gekonnt in Szene gesetzt, genau genommen schon vom ersten Tag an.

1972

„Ist das jetzt modern?“, frotzelte Adele. Wie eine Trophäe hielt sie den Rosenkranz in die Höhe, den sie gerade aus Lisas Etui gezerrt hatte. Neugierig gesellten sich ein paar Mädchen aus der Klasse dazu.
„Gib den her!“ Lisa schnappte nach der Kette.
Adele aber wandte sich blitzschnell um, legte den Rosenkranz um ihre Hände und faltete sie in theatralischer Manier wie zum Gebet Richtung Himmel: „Heilige Maria Mutter Gottes, lass es bitte endlich Mittag werden, damit ich mir eine Pommes Mayo holen kann! Ich sterbe vor Hunger.“ Dann sackte sie auf dem Stuhl in sich zusammen wie eine elendig Sterbende und schoss gleich darauf gackernd in die Höhe.
Natürlich lachten die anderen Mädchen mit, obwohl es überhaupt nichts zu lachen gab, fand Lisa. Der Rosenkranz war ein Geschenk der Großmutter, sie hing an ihm, nicht, um damit zu beten, sondern weil er mit seinen edlen weißen Perlen und dem filigranen Kreuz ein wunderschönes Schmuckstück war. Im Gegensatz zu all den anderen hier besaß sie nämlich Sinn für Schönheit.
Zum Glück betrat Frau Wieshaupt, die Lehrerin, das Klassenzimmer und alle verzogen sich flott auf ihre Plätze. Kommentarlos schob Adele den Rosenkranz über den Tisch zu Lisa, die verstaute ihn sorgsam im Etui, warf Adele einen bösen Blick zu und rutschte so weit wie möglich an den äußeren Rand ihrer gemeinsamen Bank, um zu demonstrieren, dass sie für derlei Scherze ganz und gar nichts übrig hatte.
Erst wenige Tage zuvor zum Beginn des neuen Schuljahres hatten die Mädchen sich kennengelernt. Eigentlich mochte Lisa ihre Tischnachbarin, sie war lustig, alberte im Unterricht herum, schnitt Grimassen und imitierte die Lehrer, wenn sie der Klasse den Rücken zuwandten. Sie hatte sogar schon geglaubt, Adele könne ihre Freundin werden. Aber wenn sich einer so gemein über sie lustig machte, hörte für Lisa der Spaß auf.
„Sollen wir zusammen die Bio-Aufgaben machen?“, fragte Adele nach Schulschluss ausgerechnet sie. „Bei mir ist keiner zu Hause, da können wir die Bude auf den Kopf stellen.“
Lisa reagierte nicht. Schnurstracks marschierte sie auf ihr Fahrrad zu.
„Wir können Musik hören und tanzen. Ich habe alle Platten aus der Hitparade.“
Lisa wurde hellhörig und blieb stehen. „Ehrlich?“
„Na klar. Juliane Werding, Christian Anders, Middle of the Road, hab ich alle da.”
„Wirklich? Auch Sacramento?“
„Klar.“
Lisa befand sich in der Zwickmühle. Sacramento war ihr absolutes Lieblingslied. Doch es würde Ärger geben, wenn sie nach der Schule einfach nicht nach Hause käme. „Gut. Ich fahre schnell heim und danach komme ich gleich zu dir.“

Im Kindle-Shop: Jeder liebt auf seine Weise

Mehr über und von Maria Resco auf ihrer Website.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen