27. August 2015

"Der Spinswitcher: In der nahen Zukunft einer parallelen Wirklichkeit" von Matthias Töpfer

Schon in naher Zukunft, in einer parallelen Wirklichkeit, die der unseren zum Verwechseln ähnlich ist, stößt der australische Gehirnforscher Aldo Effetti auf einen Algorithmus, der ihm Einfluss auf Schicksal und Materie verleihen könnte. Doch seine Arbeit wird von einer unbekannten Organisation überwacht und noch in derselben Nacht mutwillig zerstört. Effetti rettet, was zu retten ist und flieht illegal nach London, wo er beginnt, sein Wissen in Form von Programmen für Smartphones zu vermarkten: den sogenannten Wünsch-dir-was-Apps.

Werden ihm die Mächtigen der Welt das durchgehen lassen? Welche Rolle spielt die Schiffsmechanikerin Stephanie Viper in dieser Angelegenheit? Und welches erschütternde Ereignis dokumentiert der Kameramann Desmond Labaru am Freitag dem 13. hautnah, live und in Farbe für das weltweite Publikum der BBC?

Der Spinswitcher ist ein sozialkritischer, aber mit Fantasie, Ironie und Action geladener Thriller, der mit einer Prise Science Fiction versucht, auf amüsante Weise eine Brücke zwischen Wissenschaft und Magie zu schlagen.

Gleich lesen: Der Spinswitcher: In der nahen Zukunft einer parallelen Wirklichkeit

Leseprobe:
London, Freitag der 13. September 2024 10:20

Heute war ihr erster Urlaubstag. Ruth Oasis hockte in ihrem Lieblings-Schlabbershirt und einer gemütlichen, extraweiten grauen Jogginghose aus dicker Baumwolle an der Theke ihrer schicken Wohnküche. Die patente Postbotin war gerade erst fünfunddreißig Jahre alt geworden. Sie war sportlich schlank und klemmte ihr kastanienbraun schimmerndes, schulterlanges Haar gerne elegant hinter die Ohren. Das brachte ihre markanten Wangenknochen besser zur Geltung, fand sie.
»Ach nö, nicht schon wieder!«, schimpfte sie genervt und starrte missmutig auf das Display ihres Smartphones. »Epli Incorporated«, stand da. »Eine neue Softwareaktualisierung ist verfügbar. Download: ›Ja?‹ Oder ›Weiter?‹«
»Zum Teufel, nein! Ich will kein Update! Ihr blinden Tunnelaffen! Ich - will - es - nicht! Zum Kuckuck. Wo habt ihr denn den Abbrechen-Button versteckt?«
Ratlos vergrub sie das kleine Gerät in ihren Händen und ließ es frustriert in den Schoß fallen. Sie starrte durchs Fenster – defokussiert – weit hinaus über die lange Reihe historisch anmutender Londoner Hinterhofdächer. Noch feucht vom Regen der Nacht, reflektierten diese das flach einfallende Sonnenlicht wie matte Spiegel und trugen es gleißend hell und spätsommerlich warm bis hinein in Ruths putzige, mit Blümchen bemusterte Mansardenwohnung. Links an der Wand, gegenüber dem dunkelroten Sofa aus Schweden, flimmerte das Vormittagsprogramm über ihren betagten Flachbildfernseher. Der Ton war sehr leise eingestellt. Ausnahmsweise interessierte sich Ruth nur am Rande dafür, was gesprochen wurde. Es ging ihr mehr darum, nebenbei am Geschehen da draußen in der Stadt teilzuhaben, ohne irgendetwas Wichtiges zu verpassen.
Sie sah erneut aufs Display ihres Smartphones. »Na gut, du Quälgeist, du gibst ja doch keine Ruhe. Aber wehe, es funktioniert später wieder irgendetwas nicht, was vorher wunderbar mitgemacht hat!« Sie drückte auf dem Touchscreen den Button für ›Weiter‹. Ein grüner Balken tat sich auf. »Download läuft. Noch 25 Minuten.«
»Sooo lange? Bist du noch ganz sauber in der Birne?« Ruth legte das Handy verächtlich auf den Tresen und ließ es tun, was nicht zu verhindern war. Dann goss sie sich etwas heißen Tee nach. Immerhin: Der war köstlich. Ein Lord Phi Highland Spezial, erste Pflückung. Ein Geschenk ihres vierzehn Jahre älteren Freundes.

Und da war sie wieder: diese stechende Sehnsucht. Das Herz tat ihr weh, wenn sie an ihren Noah dachte. Was war aus ihm geworden? Das letzte Mal hatten sie sich auf ein Bier getroffen, sehr spät am Abend, in ihrer Stammkneipe am Queensway 112. Ganz kurz nur. Er war in schlechter Verfassung gewesen und hatte von Problemen gesprochen, die er nicht im Griff habe. Er hatte gehetzt gewirkt, angetrunken und dennoch sehr um sie besorgt. Hoch und heilig hatte er ihr versprochen, sich bald wieder bei ihr zu melden. Das war vor drei Monaten gewesen. Eine viel zu lange Zeit, wie sie fand. Warum rief er sie nicht an?
Im Streit waren sie nicht auseinandergegangen. Ganz im Gegenteil. Sie hatten sich sehr zärtlich voneinander verabschiedet. Die Trennung sollte nur vorübergehend sein, hatte er damals beteuert, nur für wenige Tage. – Irgendetwas stimmte mit ihm nicht.
Als sie gleich am Montag darauf in seiner Straße gewesen war, um die Post auszutragen, war ein hoher Bauzaun vor seinem Haus gestanden – mit einer Plane als Sichtschutz. Der unfreundliche Polizeibeamte davor, hatte sie weggejagt, weil sie einen Blick dahinter werfen wollte. Und es hatte dort seltsam gerochen. Nach Zitronenaroma. Daran erinnerte sie sich noch. Ruth war besorgt. Wo er sich jetzt wohl herumtrieb?

Sie spülte den Kloß in ihrem Hals mit einem weiteren Schluck des köstlichen Tees hinunter und starrte auf das Fernsehgerät. Unter dem eingeblendeten Newsticker zeigten die Kameras des Senders polizeiliche Einsatzfahrzeuge, pulsierendes Blaulicht und Polizisten beim Absperren irgendeiner Stelle, die nach Hyde Park aussah. Gesichter fassungslos umherblickender Menschen waren zu sehen. Was war denn da los? Ruth wollte nach dem Handy greifen, um mit dem zuständigen App den Fernsehton laut zu drehen.
Ach natürlich, das lud ja immer noch dieses leidige Update herunter. Besser in Ruhe lassen. Wo hatte sie gleich noch die Fernbedienung hingelegt? Sie kramte ihre Küchenschubladen durch. Ah, da war sie ja. Sie zielte mit dem Infrarotsender auf den Monitor und drückte auf ›Lauter‹. Aber es tat sich nichts. Der Ton blieb weiterhin unhörbar. Lag das vielleicht an den alten Batterien? Na ja, die Fernbedienung war ja auch seit Monaten nicht mehr benutzt worden. Mit dem App ging es eben wesentlich komfortabler.
Wie weit war denn das Smartphone inzwischen? Schwarzer Bildschirm … tot? Nein. Das Betriebssystem fuhr gerade wieder neu hoch. Gott sei Dank. Der erlösende Jingle erklang und im nächsten Moment erschien auch die Eingabemaske für den Pincode. Eilig tippte sie ihn ein.
Und was war das jetzt? Ruth traute ihren Augen nicht. Sie kreischte: »Seid ihr kirre?« Ihre Stimme klang so – und so schaute sie auch drein, als hätte man zu ihr gesagt: »Ihr Baby ist im Kreißsaal leider vertauscht worden.«
Und irgendwie war dieses Gerät ja auch so etwas wie ihr Baby. Nun war es ihr fremd geworden. Die Bedienungsoberfläche sah ganz anders aus als vor dem Update. Das machte Ruth zu schaffen. Sie schüttelte angewidert den Kopf.
»Was ist denn das für eine Scheiße? Was habt ihr getan? Ohne mich zu fragen. Warum? Es war doch alles gut!« Ruth blätterte ungläubig durch die Icon-Sortimente und verstand die Welt nicht mehr. Epli hatte das komplette Design geändert. Der vertraut-kindlich und wohlig anmutende Look, der Ruth so charmant an ihre Puppenstube aus Kindertagen erinnert hatte, war gegen eine kalte, flache Businessoberfläche ersetzt worden. Keine Ledereinfassung mit putzigen Nähten um den Notizblock mehr. Die Datenbank für Adressen und Kontakte sah nicht mehr aus wie ein niedliches aufgeschlagenes Buch. Stattdessen waren die Icons nun quietschbunt, flach und schattenlos, als würden sie nicht vom renommiertesten Smartphone-Hersteller der Welt stammen, sondern zu irgendeinem chinesischen Billighandy gehören, das man sich für fünf Pfund aus dem Wühltisch ziehen konnte.
Doch der eigentliche Schock kam ja erst: Es benahm sich nicht mehr wie gewohnt. Ruth hatte Ihre geliebten Wünsch-dir-was-Apps längere Zeit nicht benutzt. Und als sie jetzt auf die entsprechenden Icons tippte, passierte … gar nichts. Es war, als gäbe es die Programme nicht mehr. Die neue Version des Betriebssystems hielt es nicht einmal für nötig, eine Fehlermeldung anzuzeigen. Ruth probierte es immer wieder, aber der Effekt war gleich null. Inzwischen saß sie gekränkt auf ihrer Couch vor dem Fernseher und es kullerten ihr richtig dicke Tränchen aus den Augen.
Wenn doch bloß Noah wieder da wäre. Er hätte ihr bestimmt geholfen. Schließlich war er der Schöpfer dieser ganz besonderen Apps. Als wäre es gestern gewesen, sah sie ihn vor sich. So sympathisch besorgt war er um sie an dem Tag, als sie einander kennenlernten. Er redete völlig unverständliches Zeug, aber er roch gut und seine warme Stimme berührte ihr Herz, als sei in ihrem Inneren der Button für ›Weiter‹ gedrückt worden.

Im Kindle-Shop: Der Spinswitcher: In der nahen Zukunft einer parallelen Wirklichkeit

Mehr über und von Matthias Töpfer auf seiner Website.

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