7. August 2015

"Solange wir uns erinnern" von Sebastian Haberland

Sarah ist seit einem Jahr tot. Noch immer hat Gregor den Verlust seiner Frau nicht überwunden, und obwohl seine Therapeutin ihm davon abrät, geht er an Sarahs erstem Todestag in den Park, in dem sie sich einst kennenlernten.

Johanna ist seit fünfundzwanzig Jahren alleine. Ihr Mann wurde als politischer Gefangener in der DDR hingerichtet, und seit ihrer eigenen Inhaftierung hat sie auch die gemeinsame Tochter nie wieder gesehen. Um die Erinnerung an die Familie am Leben zu erhalten, besucht sie den Park, in dem sie früher mit ihrem Mann und ihrer Tochter spielte.

Als Gregor und Johanna auf einer Bank ins Gespräch kommen, ahnt keiner von beiden, dass sie viel mehr verbindet als der Verlust eines geliebten Menschen.

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Leseprobe:
Der kühle Wind wirbelte die trockenen Blätter durch den Park, und der frische Duft des nahenden Winters lag in der klaren Luft. Jeder Atemzug fühlte sich an wie ein feiner Nadelstich. Gregor war das gerade recht. So konnte er den Schmerz ein wenig betäuben, der seit einem Jahr sein ständiger Begleiter war. Eingemummelt in Schal und Parka saß er in dem Park, in dem er Sarah beim Joggen zum ersten Mal begegnet war. Es war der neunte November, der Tag, der sein Leben ebenso verändert hatte wie das Schicksal des deutschen Volkes. Die Erinnerung brannte in seinem noch immer entzweiten Herzen. Seine Therapeutin riet ihm seit Wochen davon ab, diesen Tag alleine zu verbringen. Doch auch dieses Mal konnte er nicht anders. Gregor war nie der Typ gewesen, der seine Wunden leckte. Aber an diesem Tag wollte er einfach nur alleine sein. Im Park sitzen und sich den Kopf freipusten lassen. Leider lockte die Sonne, die sich in den letzten Wochen rar gemacht hatte, etliche Menschen in den Park. Sollten sie doch dahin gehen, wo sie hingehörten - nach Hause zu ihren Familien, ins Büro oder in den Urlaub. Gregor wusste, dass er den Menschen keinen Vorwurf machen konnte. Er war es, der nicht mehr in der Lage war, am sozialen Leben teilzunehmen. Vielleicht sollte er zumindest den zweiten Ratschlag seiner Therapeutin befolgen und Rudi besuchen, um sich mit ihm auszusprechen. Doch Gregor weigerte sich seit jenem Tag, auch nur ein Wort mit seinem ehemals besten Freund zu wechseln. Der Schmerz brannte viel zu tief in seiner Seele. Ein Schwarm Krähen erregte Gregors Aufmerksamkeit. Wie aus dem Nichts erhoben sich die Vögel von einem der Bäume in die kalte Luft. Lärmend zogen sie ihre Kreise, ehe sie sich, nach Nahrung suchend, auf der Wiese niederließen, um die ein Rundweg mit zahlreichen Bänken führte. Eine der Krähen entdeckte in einem Mülleimer etwas Essbares und machte die anderen schreiend darauf aufmerksam. Bald waren die Vögel zu einem einzigen, schwarz pulsierenden Haufen verschmolzen. Einzelne Tiere konnte man nur noch erahnen. Seltsam, dass sogar Krähen mittlerweile Schwärme bildeten. In Gregors Erinnerung waren sie eher Einzelgänger gewesen. Wahrscheinlich war ihm das Sozialverhalten der Tiere aber bisher ganz einfach deshalb entgangen, weil er ohne den Unfall niemals auf die Idee gekommen wäre, sich alleine in einen Park zu setzen und Vögel zu beobachten. »Elegante Tiere, nicht wahr?«
Gregor zuckte zusammen. Er hatte keine Ahnung, wann die Frau sich neben ihn gesetzt hatte. Bevor er aufstehen, die Hände in den Taschen vergraben und mit gesenktem Kopf davonstapfen konnte, legte sie ihm ihre runzlige Hand auf den Oberschenkel. »Bleiben Sie doch noch eine Minute. Ich bin den ganzen Tag alleine.« Ihre traurigen Augen wurden von dem faltigsten Gesicht umrahmt, das Gregor jemals gesehen hatte. »Ich bin kein guter Zuhörer«, sagte er und wandte sich demonstrativ ab.
Gregor hatte keine Lust darauf, sich von einer alten Dame volltexten zu lassen. Andererseits konnte er nicht einfach aufstehen und die Frau mit den traurigen Augen alleine lassen. »Das macht nichts«, unterbrach sie lächelnd seine Gedanken. »Dafür bin ich eine gute Erzählerin. Außerdem sitzen Sie genau auf der Parkbank, die ich seit fünfundzwanzig Jahren am neunten November aufsuche.« Erstaunt drehte Gregor sich zu ihr um. Was brachte einen Menschen dazu, diesen Park seit einer halben Ewigkeit zu besuchen? Und dann auch noch im November, wo sämtliche Blumen verblüht und fast alles Grün verschwunden war. Ganz abgesehen davon, dass Berlin, weiß Gott, schönere Parkanlagen zu bieten hatte. Die Frau ließ ihre Hand auf seinem Oberschenkel ruhen, als sei es das Normalste der Welt. Gregor wusste, dass er nicht mehr kommentarlos gehen konnte. Er hatte den Absprung verpasst. Nun würde er eine Ausrede oder Notlüge erfinden müssen, die ihm spontan nicht einfiel. Das Holz der Bank knarrte in seinem Rücken, als er sich seufzend zurücklehnte. Selbst als ihre kalte, runzlige Hand die seine ergriff, protestierte er nicht. So saßen sie eine ganze Weile schweigend da, ehe seine Sitznachbarin in ruhigem Ton zu erzählen begann.

Mit zwanzig Jahren habe ich zum ersten Mal einen Menschen verloren. In dem Alter ist der Tod das Letzte, mit dem man sich auseinandersetzt. Und so traf das Schicksal meinen Mann Karl und mich völlig unvorbereitet. Als die Krankenschwester an jenem kühlen Augusttag in mein Zimmer stürmte, umwehte sie eine Aura, die nichts Gutes verhieß.
»Edith ist … ich meine … Ihre Tochter«, stammelte sie außer Atem. Ihre feuchten Augen verrieten, was sie sich nicht zu sagen traute.
»Edith hat sich entschieden, nicht mehr aufzuwachen«, stellte ich sachlich fest. Die Krankenschwester nickte nur. Tränen liefen ihre eingefallenen Wangen hinunter. »Es tut mir so leid«, sagte sie mit belegter Stimme und ließ uns alleine.
Seit ihrer Geburt war Edith ein ungesund zartes Kind gewesen. Eigentlich hätte ich es von Anfang an wissen können, doch bei der ersten Geburt fehlt einem die Erfahrung, ein dem Tode geweihtes Kind als solches zu erkennen. Nach neun Monaten war ich froh, die Schwangerschaft endlich hinter mir zu haben. Glücklicherweise war die Geburt leicht gewesen, was wohl vor allem Ediths Gewicht von nur tausendachthundert Gramm und ihrer geringen Körpergröße zu verdanken war. Ich war so stolz und so voller Liebe, dass ich am liebsten die ganze Welt umarmt hätte. Nach etwa einer Woche stellten die Ärzte einen schweren Herzfehler fest. Edith musste fortan starke Medikamente nehmen, entwickelte sich aber gut, nahm stetig zu und wuchs rasch. Ich war für ein paar Tage zu einer Freundin aufs Land gefahren, als Karl mich eines Abends aufgeregt anrief.
»Sie weigert sich zu essen.«
»Was heißt das?«, fragte ich besorgt. »Hast du schon versucht, ihr Honig unter den Brei zu rühren?«
Ab und zu kam es vor, dass Edith von einem Tag auf den anderen ihren Brei nicht mehr essen mochte. Dann spuckte sie die Nahrung aus und begann vor Hunger zu weinen. Lange hatte ich ihr in solch einem Fall die Brust gegeben, doch ein paar Wochen zuvor fanden wir heraus, dass wir sie mit Honig austricksen konnten. Ich weiß noch, wie wir darüber scherzten, was für ein Schleckermaul unsere Tochter doch war. »Ich habe alles versucht«, beteuerte Karl. »Honig, Zucker, Sirup. Aber seit heute Morgen hat sie keinen Bissen zu sich genommen.«

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