15. September 2015

"Die Vorgängerin" von Tine Sprandel

Ein Todesfall erfordert schnelles Handeln: Die Boutique für Tracht und Loden in Wörgl braucht eine neue Filialleiterin. Für die Rosenheimerin Sigrid kommt der Ortswechsel gerade recht, denn nach der Trennung von ihrem Mann sucht sie einen Neuanfang, um als Single ihr Leben zu gestalten. Doch der Tod der Vorgängerin und das mysteriöse Verhalten der Kundschaft überlagern jeden ihrer Schritte. Nur wenn der Fall aufgeklärt ist, wird sie heimisch werden, folgert Sigrid und beginnt zu ermitteln.

Die Spuren führen sie durch das Tiroler Unterland bis ins Kitzbüheler Nachtleben. Sie erfährt, dass sie von einem Callboy Gelassenheit lernen kann, ein Privatdetektiv sich nicht immer wie ein Privatdetektiv benimmt und die Honoratioren mitsamt ihrer Ehefrauen in Wirklichkeit nur an Landbesitz denken. Versteckt sich in diesem Spinnennetz aus Halbwahrheiten sogar ein Mörder?

Gleich lesen: Die Vorgängerin: Kriminalroman

Leseprobe:
Die Katze gerettet, die Mappe unter dem Arm saß Sigrid später am Abend vor dem Ofen.
Neben sich eine Tasse Tee. Eine Portion Nudeln im Bauch horchte sie in die Dunkelheit.
Das Feuer prasselte gegen die Stille an. Die Katze ersparte ihr das Gefühl der Einsamkeit.
Sie hatte sich vom Regal heben lassen, war ihr in die Stube gefolgt, schnurrte und verschwand wieder nach draußen. Sigrid wusste, dass sie in der Dunkelheit ihrem Nachtgeschäft nachging. Klare Abläufe, klare Wege. Vielleicht suchte sie Mäuse, vielleicht kontrollierte sie ihr Revier.
Auf jeden Fall wusste die Katze, wo sie hingehörte.
Sigrid hatte auch Katzenfutter im Regal gefunden. Neben den Pflanzenschutzmitteln.
Eigenartige Welt. Es kam also regelmäßig jemand her, um das kleine Vieh zu füttern. Und um Pflanzenschutzmittel zu holen.
Die Mappe wirkte heilig. Verboten. Fremd. Wenn sie Frau Häringer gehörte, durfte sie sie ansehen. Schließlich war sie ihre Nachfolgerin. Wenn sie jemand anderem gehörte, legte sie sie zurück und vergaß alles, was darin stand. Abgemacht.
Es war wichtig, dieses Dokument zu lesen.
Sie presste es an die Brust und las doch nicht. Was wenn es nicht Frau Häringer gehörte und doch brisantes Material enthielt? Woran erkannte man beweisträchtiges Material? Mit Pflanzenschutzmitteln kannte sie sich nicht aus.
Sie legte die Mappe auf den Tisch und nahm einen Schluck Tee. Sie schlug den orangefarbenen Deckel zurück und fand als Erstes ein Foto.
Eine blonde Frau mit ordentlich zurückgekämmten Haaren lächelte sie an. Ungefähr Mitte dreißig. Schlank, etwas zu schlank. Eine Großaufnahme bis zum Busen. Ein rosa Dirndl schob ihn hoch und holte aus ihm heraus, was herauszuholen war. Eine Kette mit Amulett zierte das Dekolletee. Die Spitze der Bluse, nein die ganze Bluse war von feinster Qualität, eine Qualität, die sie in ihrem Laden verkauften. Das Dirndl hätte auch von dort sein können – oder von wo anders her. Rosa war im letzten Jahr die Trendfarbe gewesen. Obwohl Sigrid letztes Jahr noch Herrenmode verkaufte – diese Art Trends blieben ihr nicht erspart.
Sie drehte das Foto um, eine Aufschrift fehlte. Es könnte Iris Häringer sein – oder auch nicht. Sie müsste Maria fragen. Lieber doch nicht. Oder im Zeitungsarchiv wühlen. Sicher war bei den Berichten über den Mord auch ein Foto der Toten dabei.
Sigrid legte in Gedanken eine Liste an.
Die Mappe enthielt außerdem Zeichnungen. Viele Zeichnungen. Auf klitzekleinen Zetteln, in winzigen Strichen, Detail für Detail zeigten sie das Bärenhaus von allen Seiten. Auch von hinten, den kleinen Hof, den Schuppen, die Regale mit Paketen und Kübeln und Töpfen und Tuben.
Auf größerem Papier wuchsen Landschaften, Berge und Wolken. Diese Zeichnungen waren nicht so interessant. Sigrid starrte darauf, um herauszufinden, warum. Die Kleinen überschütteten sie mit netten witzigen Ideen. Der Ofen war nicht einfach ein Ofen, sondern er hatte ein Gesicht bekommen. Erst beim zweiten Blick zu erkennen. Fünf statt vier Beine trugen den Küchentisch. Das fünfte Bein war reich verziert und erinnerte an eine Schlange.
Die verschnörkelte Signatur konnte Sigrid nicht entziffern. War das ein I oder ein T? Sigrid entschied sich für „I. H“.
Iris Häringer. Das war doch ein Fingerzeig!
Die Bildunterschriften sprachen in Rätseln.
„Bürgermeister Willi schwimmt in der Heizung.“ Das Bild zeigte einen langen Bergrücken und in der Ferne ein Dorf.
„Primaballerina Christina übergibt sich auf dem Vogelkäfig.“
Auf dem Bild waren nur Felder und Wiesen zu sehen, ein einsamer Vogel zog seine Bahnen über einem wolkenverhangenen Himmel.
„Dirndlmeitschi Horst schreibt in den Topfdeckel.“
Ein Bach schlängelte sich durch ein beschauliches Tal am Ende ein Schornstein.
„Blitzdenker Alois küsst für die Bratwurst“. Dieses Bild war leer.
„Schlabbertasse Paulina pfeift einen Wandschrank“, titelte ein Stillleben aus Tasse und Pfeife.
Das Einzige, das ein bisschen den Worten entsprach. Aber keinen Sinn ergab. Gar keinen.
Das alles ergab keinen Sinn.
Sollte sie jetzt die Topfdeckel und Wandschränke absuchen? Sollte sie alle Horsts, Paulinas und Willis befragen? Den Bürgermeister verdächtigen?
Oder war Frau Häringer einfach nur verrückt?
Deswegen wird man doch nicht umgebracht.
Aber – so sagte sich Sigrid streng – schließlich war sie nicht hierher gekommen, um den Mörder zu finden. Sie wollte nur wissen, was ihrer Vorgängerin zugestoßen war, um den Schatten über ihrem neuen Leben als Verkäuferin in einem Dirndlgeschäft abzuschütteln.
Hatte die Häringer Angehörige? War die Polizei hier oben gewesen?
Die Mappe gehörte den Angehörigen.
Sie würde sie mitnehmen und ihnen geben.
Ordentlich.
Anständig.
Nett.
Doch vorher.
Bevor sie ordentlich anständig und nett werden würde, würde sie sich ein Notizbuch kaufen und alle Zeichnungen kopieren. Weil sie so einzigartig waren.

Im Kindle-Shop: Die Vorgängerin: Kriminalroman

Mehr über und von Tine Sprandel auf ihrer Website.

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