7. Oktober 2015

"Agnes Geheimnis" von Annette Hennig

Nina ist Mutter von drei Kindern, Ehefrau und Hausfrau. Sie liebt ihr Leben, hat es sich immer so erträumt. Bis zu dem Tag, als nach 32 Jahren ein verhängnisvoller Brief ihre heile Welt wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen lässt. Sie wagt einen Neuanfang, verlässt Mann und Heim. Zu allem Überfluss erfährt sie von einem lange gehüteten Geheimnis ihrer geliebten Oma Agnes, das ihr gerade neu begonnenes Leben abermals auf den Kopf stellt.

Schafft Nina es, allen widrigen Umständen zum Trotz, wieder glücklich zu werden?

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Leseprobe:
Frankfurt 1935
Da stand sie nun. Es war ein klarer und kalter Frühlingsmorgen, die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel.
Agnes, noch im Nachthemd, starrte blicklos in den Garten der elterlichen Villa. Sie wusste nicht mehr ein noch aus und stellte sich immer wieder die gleiche Frage: Wie war es bloß so weit gekommen? Es war Unrecht, was sie getan hatte. Sie hätte sich besser unter Kontrolle haben müssen. Sie konnte sich nicht verzeihen, was letzte Nacht geschehen war.
Annemarie war fort. Das war ihre Schuld, und sie konnte nur hoffen, Annemarie würde sich besinnen und wieder nach Hause kommen. Sie wollte gar nicht darüber nachdenken, was geschehen würde, wenn Annemarie ihr nicht verzeihen könnte. Sie wusste nicht, wie sie mit dieser Schuld weiterleben sollte.
Annemarie, ihre zwei Jahre ältere Schwester, war immer das schwarze Schaf der Familie gewesen. Vor einem Jahr hatte sie sich verliebt. Seither war alles für sie besser geworden.
Walther war ein blendend aussehender junger Mann aus gutem Hause. Seine Familie war wohlhabend, Walther war das einzige Kind und somit der Erbe.
Das hatte Vater und Mutter gnädig gestimmt. Sie freuten sich für Annemarie und ließen keine Gelegenheit aus zu betonen, dass der junge Mann ein Glücksfall für sie sei und sie, Annemarie, sehen sollte, dass er sie so schnell wie möglich ehelichte.
Annemarie war ein schwieriges Kind gewesen. Das Lernen war ihr nicht leicht gefallen. Selbst wenn sie sich bemühte, kam sie über durchschnittliche Ergebnisse nicht hinaus. Zum Ärger von Vater und Mutter bemühte sich Annemarie jedoch eher selten. Naturwissenschaften hatten ihr nicht gelegen, und auch für Deutsch und Sprachen hatte sie wenig Sinn. Annemarie hatte sich stets nur für die neueste Mode, für die neuesten Frisuren und für Klatsch und Tratsch in den Gazetten interessiert. Vater und Mutter konnten nicht verstehen, wie sie zu solch einer Tochter gekommen waren.
Agnes war anders. Die neuesten Kleidermodelle aus Paris hatten sie immer schon kalt gelassen, und für die schönen Künste hatte sie wenig übrig. Naturwissenschaften und Sprachen hatte sie leicht gelernt, aber es hatte sie nicht brennen lassen, wie sich Vater das gewünscht hätte.
Er war für die Zeit ein äußerst fortschrittlicher Mann und hätte es nur zu gern gesehen, wenn eine seiner Töchter an der Universität studiert hätte. Annemarie hatte dazu nicht den nötigen Ernst aufbringen können, und auch an der nötigen Intelligenz fehlte es ihr.
Agnes wäre intellektuell durchaus in der Lage gewesen, ein Studium aufzunehmen, aber sie hatte ihre Bestimmung als Hausfrau und Mutter gesehen. Am ehesten hätte sie sich eine Ausbildung als Hauswirtschafterin vorstellen können.
Damit schien der große Traum ihres Vaters sich nicht zu erfüllen, denn die Ehe der Eltern war nicht mit weiteren Kindern gesegnet.
Eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin hatte ihr der Vater nicht gestattet, und so hatte sie den Beruf einer Hebamme erlernt, der ihren Vorstellungen noch am nächsten kam.
Agnes war für die Eltern diejenige der beiden Töchter, die weniger Probleme bereitet hatte. Es war nichts Falsches daran, heiraten und eine Familie gründen zu wollen. Und nur das, so wussten sie, würde ihre Agnes glücklich machen.
Annemaries Lebensstil jedoch passte bei allem fortschrittlichen väterlichen Denken und der größten Mutterliebe nicht in ein gutbürgerliches Haus. Die Eltern waren also froh, als sie Walther bei einem Theaterbesuch kennenlernte. Zwar war es ihnen schleierhaft, wie solch ein ernster, gut erzogener und obendrein hoch gebildeter junger Mann ihre oberflächliche Tochter auch nur eines zweiten Blickes würdigen konnte, aber es sollte ihnen nur recht sein. Hübsch war sie ja, ihre Annemarie, und sie verstand es, sich gekonnt in Szene zu setzen. Die Eltern hatten zweiundzwanzig Jahre lang vergebens versucht, ihre Tochter zu zähmen und eine gut erzogene junge Dame aus ihr zu machen. Sollte sich von nun an Walther mit ihr herumplagen. Sie gönnten ihr von Herzen diese, wie sie meinten, gute Partie und atmeten bei dem Gedanken auf, dass sie keine Sorge mehr haben brauchten, ihre Annemarie käme auf die schiefe Bahn.
Und nun war es passiert. Agnes stand noch immer am Fenster und konnte sich kaum rühren. Alle Glieder schienen zu schmerzen, sie war wie erstarrt. Was hatte sie getan?
Sie war immer gut mit Annemarie ausgekommen. Sie liebte ihre große Schwester. Annemarie hatte immer Zeit für sie, und schon in der Schule hatte sie auf Agnes aufgepasst. Als Agnes sich die ersten Wochen dort verloren gefühlt hatte, als alles so fremd und neu war, war Annemarie stets zur Stelle gewesen, um ihr die ersten Schritte in der neuen Umgebung zu erleichtern. Annemarie war all die Jahre immer eine fürsorgliche große Schwester. Später dann, als sie nur noch Mode und Jungs im Kopf hatte, hatte sich Agnes oft schützend vor sie gestellt und so manche Schuld auf sich genommen, um die Eltern nicht noch mehr gegen Annemarie aufzubringen.
Agnes war der Verzweiflung nahe. Wo konnte Annemarie nur sein? Das alles hatte sie nicht gewollt.
Langsam löste sich Agnes aus ihrer Starre, trat an den geöffneten Kleiderschrank und zog sich mechanisch an. Es war noch eine halbe Stunde bis zum Frühstück. Die Eltern bestanden auf pünktlichem Erscheinen, ganz gleich, ob die Töchter zur Arbeit mussten oder frei hatten. Gefrühstückt wurde immer gemeinsam. Die Mutter vertrat die Meinung, dass das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages sei.
Agnes setzte sich an ihren kleinen Schreibtisch und zog ihr Tagebuch hervor. Sie hatte das Gefühl, es würde sie ein bisschen beruhigen, einige Zeilen zu Papier zu bringen.
Gleich würde sie den Eltern beichten müssen, was geschehen war. Was würden sie sagen? Agnes machte sich darauf gefasst, von ihnen aus dem Haus gejagt zu werden. Und sie hätte es verdient.
Mutlos und schweren Herzens betrat sie das Frühstückszimmer. Ihre Mutter hatte den Tisch wie an jedem Morgen liebevoll gedeckt. In der Mitte stand ein Strauß bunter Blumen. Auch schon zur ersten Mahlzeit des Tages hatte Agnes Mutter das gute Porzellan hervorgeholt und die Damastservietten geschickt gefaltet.
Die ersten Sonnenstrahlen fielen durch die hohen Fenster, und ihr warmes Licht hätte an jedem anderen Tag Agnes Laune beflügelt. Heute bemerkte sie das schöne Wetter nicht, und auch der hübsch gedeckte Tisch fiel ihr nicht auf.
„Guten Morgen“, brachte sie mit gesenktem Kopf gerade so heraus.
Ihr Vater ließ die Zeitung sinken, hinter der er sich zum Leidwesen seiner Frau an jedem Morgen verschanzte, und sah seine Tochter prüfend an. „Was ist dir denn heute über die Leber gelaufen? Hast du schlecht geschlafen?“, fragte er. Er kannte sie nur fröhlich.
Agnes hob schüchtern den Kopf und versuchte zu lächeln. Sie schob den schweren Stuhl zurück und setzte sich an den Tisch.
„Ich habe heute Nacht kaum geschlafen. Und ich muss euch etwas sagen“, setzte sie zu der Rede an, die sie sich in den letzten Stunden zurechtgelegt hatte. Annemaries Brief trug sie in der Tasche ihres Kleides bei sich. Sie war auf alles vorbereitet, als sie den Eltern eröffnete, was geschehen war.
Als sie ihren Bericht beendete, legte sich ein langes Schweigen über den gedeckten Tisch.

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