2. Oktober 2015

"Schattenlicht" von Martin Bühler

Am Anfang steht ein Dachbodenfund: als Martin Bühler sein Elternhaus entrümpelt, entdeckt er in einer Holzkiste ein Manuskript: der Autor hält die Lebensgeschichte seines verstorbenen Vaters Matthias Bühler in den Händen, die von den 1920er Jahren bis in die Nachkriegszeit reicht.

„Ich setzte mich hin und begann zu lesen. Die Geschichten über die nostalgischen Jahre der Weimarer Republik, über die ich mir eigentlich nie Gedanken gemacht hatte, begeisterten mich“, so Martin Bühler. Der detailreiche Blick auf die Dreißiger Jahre war zunächst überwältigend: “Als ich die Aufzeichnungen zum ersten Mal ausführlich las, wurde mir erstmals bewusst, was Nationalsozialismus wirklich heißt”, so Bühler.

Aus dem ersten Teil des Manuskript machte der Sohn einen Roman mit dem Titel „Schattenlicht“ – erzählt aus der Perspektive seines Vaters Matthias Bühler. „Die Aufzeichnungen meines Vaters waren mir viel zu wichtig, um sie ungelesen verstauben zu lassen“, so Martin Bühler.

Nach den vielen positiven Reaktionen auf den ersten Band - inklusive Bestseller-Ranking im Kindle Store unter „Deutsche Geschichte“ - war schnell klar, dass es mit dem ersten Teil nicht getan sein konnte. So entstand durch das große Interesse der Leser-Community am Ende die Schattenlicht-Trilogie.

Teil 1 von „Schattenlicht“ beschreibt Kindheit und Jugend in Balzhausen, einem Dorf auf der schwäbisch-bayerischen Hochebene, aber auch die Folgen der „Machtergreifung“ in der Provinz, die Lehrjahre in einer Kemptner Gärtnerei, und endet mit dem schockierenden Erlebnis der „Reichskristallnacht“ in Stuttgart.

Gleich lesen: Schattenlicht: Biografischer Roman Teil 1

Leseprobe:
Überfall auf Polen
Diesen Wink von oben bekam die deutsche Wehrmacht im Jahre 1939. An diesem denkwürdigen 1. September hatte unser „heißgeliebter Führer” als Sendbote Gottes die genialste Eingebung. Im Morgengrauen ließ er seine Waffen sprechen gegen einen imaginären Todfeind Polen. Im deutschen Volk gab es einen Aufschrei der Begeisterung, die Masse jubelte! Endlich konnte sich unsere Wehrmacht bewähren. Was seit sechs Jahren geübt worden war, konnte man jetzt endlich in die Praxis umsetzen. Biedere Familienväter, humanistisch gebildete Akademiker, hochdotierte Beamte in stolzen Offiziersuniformen fielen brennend und mordend in Polen ein, sie trieben ihre Soldaten an: Mehr Blut wollen wir sehen, mehr Blut. Die Soldaten fieberten in ihrem Blutrausch. Je mehr Feindesblut die polnische Erde tränkte, desto größer waren die Erfolgsmeldungen. Der Volksempfänger vibrierte unter der Last der Wehrmachtsberichte. Die Heimat war stolz auf ihre Helden; sie wollte noch mehr Land, noch mehr Gefangene, noch mehr tote Feinde.
Es gab kaum einen deutschen Bürger, der sich diesem Siegestaumel entziehen konnte. Wer da nicht mitjubelte war schon ein notorischer Staatsfeind. Wie mir meine Mutter später erzählte, gehörte zu diesen wenigen auch mein Vater. Als mein Bruder diese Nachricht von der Molkerei – der Nachrichtenzentrale des Dorfes – mitbrachte, war mein Vater bei der morgendlichen Stallarbeit. Er gab mit seiner Gabel Gras in die Futtergrippe. Wortlos stellte er seine Gabel an die Wand, setzte sich auf den Steinsockel an der Futterraufe und weinte. Meine Mutter – resolut wie sie immer war – versuchte ihn aufzurichten. „Da brauchst du dich doch nicht so aufregen, so schlimm wird’s net werden!“ „Mutter, das wird ein Weltbrand!“ Er war den ganzen Tag niedergeschlagen, obwohl er zum Nachdenken kaum Zeit hatte. Um acht Uhr kamen schon die Zimmerleute, denn wir bauten gerade an der Widerkehr an. Die Widerkehr ist eine Scheune, die rechtwinkelig zum Haus angebaut war. Zeit und Arbeit drängten, ein Verweilen gab es nicht.
So gegen Mittag kam der Hockebaur, ein baumlanger Bauer, der nach ersten Jahren der Sympathie ein Todfeind aller dörflichen Hitler wurde. Schon von der Hofeinfahrt aus schrie er: „Firmus, hast du es gehört? Es ist Krieg, alles geht kaputt, wie kannst du da noch bauen!“ Mein Vater schwieg. Meine Mutter erwiderte: „Mei Josef, so schlimm wird’s nicht werden. Und zudem können wir jetzt nicht mitten im Bau aufhören.“ Das akzeptierte der Hockebaur. Und wenn die Welt unterging, auf dem Bauernhof gab es kein Resignieren, kein Verweilen, kein sinnloses Warten. Das Vieh musste versorgt werden, geerntet und danach musste wieder neu gesät werden.
Dieser Krieg hatte den Soldaten, ja überhaupt die ganze Wehrmacht, erst aufgewertet und im vollen Glanz erstrahlen lassen. Wohlweislich hatte die Wehrmacht als Ausbilder nur eingefleischte, 150prozentige Nazifanatiker verwendet. Politisch zweifelhafte Soldaten waren an der Front besser aufgehoben, dort konnten sie nichts anrichten, da wurden sie einfach als „Kanonenfutter“ an die vordersten Linien gestellt, da gab es kein Meckern oder Quertreiben. Dank meiner Schlamperei, dank meiner Widerspenstigkeit war ich während der Woche immer wieder aufgefallen, obwohl ich mich krampfhaft angestrengt hatte, damit ich endlich ein Wochenende in die Freiheit der heimatlichen Gefilde entrinnen konnte. Endlich war es nach langer Zeit einmal so weit. Nach so vielen Entbehrungen fühlte ich mich wie ein König in den heimatlichen Feldern und Wäldern. Der alte Mailinger hatte sich nicht verändert, der Müller Karl hat sich nicht verändert, der Eichbühl folgte dem Rhythmus der Jahreszeit. Nur die Dorfstraße hatte neben den braunen Nazis noch die Ausbilder der Wehrmacht aufgenommen. Was früher braune Fähnleinführer waren, zeigten sich jetzt als Unteroffiziere und als Feldwebel der deutschen Wehrmacht. Die Vormilitärische Ausbildung im Ziegelstadel hat aus braunen Pseudosoldaten Führer der Wehrmacht gemacht, die sich als Ausbilder auf den Kasernenhöfen voll entfalten konnten.
In den Straßen der Garnisonsstädte wie Augsburg, Ingolstadt, Memmingen, Kempten und so weiter, wären diese Unterführer am Wochenende unbeachtet geblieben. Doch sie verbrachten jedes Wochenende in Balzhausen und promenierten auf der Dorfstraße, wo alte Weiber und braune Pimpfe ehrfurchtsvoll zu ihnen aufblickten, denn sie verkörperten ja die Helden der Front. Wieder heimsten sie unberechtigten Ruhm ein., aber das störte sie auch nicht. Wenn die alte Bachweberin hinter vorgehaltener Hand meiner Mutter zuraunte: „Marie, der Hans liegt schon wieder daheim ‘rum, der soll doch als Nazi an die Front gehen!“ Mich störte es nicht, wenn ich respektlos und grußlos zwischen meinen dekorierten Schulkameraden spazierte. Ich kannte ja mehr als sieben Jahrgänge von der Volksschule her. Mich wunderte es nur, wie schulische Halbidioten angesehene Unterführer bei der Infanterie werden konnten. Das wäre ja noch schöner gewesen, wenn ich hier auf dem Dorf meine Altersgenossen mit dem gleichen Respekt wie im Kasernenhof mit zackigen Ehrenbezeugungen gegrüßt hätte. Ich täuschte mich und musste gegen meinen Trotz klein beigeben.
Am Sonntagnachmittag ging ich zum Pfarrhof. Auf der anderen Seite der Hauptstraße stand mein Schulkamerad Alois mit drei Dorfschönheiten. Mein Stolz ließ es nicht zu, dass ich den Feldwebel grüßte. Er ließ mich, ungeschoren. Nachdem ich mich etwa zehn Schritte von dieser Gruppe entfernt hatte, schrie er empört: „Sie, Soldat, grüßen Sie gefälligst!“ „Schnapp’ bloß nicht über, du Spinner“, gab ich lautstark zurück. Er fühlte sich in seiner Ehre gekränkt. Nach vierzehn Tagen traf bei meinem Kompaniechef eine Meldung ein. „Unmilitärisches Benehmen, Beleidigung eines Feldwebels, drei Tage Arrest!“ Damit musste ich einsehen, dass ich auf dem Dorf die gleiche Grußpflicht gegenüber einer Feldwebeluniform hatte wie in der Kaserne!
Ein anderes Mal war in der Brauerei Kirn, bei meinem Schulfreund Hans, großer Tanz. Ich konnte zwar nicht gut tanzen, ich wollte aber nach so harter Abstinenz auch mal wieder im Kreise der Mädchen sein. Ich verknallte mich in ein Mädchen aus dem Unterdorf. Ich tanzte mit ihr mehrmals, wir unterhielten uns glänzend. Als ich sie wieder zum Tanzen holen wollte, gab sie mir einen Korb. Ich war noch nicht auf meinen Platz zurückgekehrt, da sah ich, wie sie mit einem Offizier tanzte. Sie tanzte mit ihm den ganzen restlichen Abend. Für mich eine Niederlage, die mich schon sehr traf. Im Dorf kannte ja jeder jeden. So merkte ich, wie die Gesellschaft im nächsten Umkreis für mich ein mitleidiges Lächeln übrig hatte. Gedemütigt verließ ich unauffällig den Saal. Ein hoffnungsvoller Abend hatte mit Resignation und Enttäuschung geendet. Beim Heimgehen dachte ich an die Mückeninvasion, die ich als kleiner Junge im Schlafzimmer erlebt hatte, als aus einigen Litern Tümpelwasser ein Schwarm Mücken entschlüpft war. Diese Quälgeister hatten mich gestochen und mich bis in die heiligen Räume unserer Kirche verfolgt.
Wieder hatte ich Heimaturlaub. Der Sonntagsgottesdienst war ja selbstverständliche Christenpflicht. Ich hatte meinen Stammplatz an der Brüstung der Empore, also in der vordersten Reihe einer nach hinten ansteigenden Bankreihe. Nach einem ungeschriebenen Gesetzt hatte jede traditionelle Bauernfamilie einen Stammplatz in der Kirche, weil sich angeblich die Vorfahren beim Kirchenbau besondere Verdienste erworben hatten.
Der Höhepunkt der Messfeier war die „Heilige Wandlung“. Wenn die Ministranten diese Zeremonie mit ihren hellen Glocken einläuteten, dann wurde es so still, dass man eine Nadel fallen hörte. Der Mesner verstärkte den Ruf zur Andacht noch mit seiner eigenen Glocke. Wer da in der Sommerhitze zufällig eingenickt war, der zuckte unwillkürlich zusammen und auch die jugendlichen Dauerschwätzer auf der Empore stellen ihr halblautes Murmeln ein.
Als der Priester in der Stille dieser Andacht die Hostie erhob, bekam ich von hinten einen Rippenstoß und ein halblauter Kommandoton befahl mir: „Sie, Soldat, stecken sie ihr Seitengewehr richtig in die Scheide!“ Eine so laute Zurechtweisung zu einem so ungewöhnlichen Zeitpunkt schockierte auch mich. Augenpaare, die sich demutsvoll zum Altar gerichtet hatten, wandten sich zu mir. Als ich begriff, was los war, stieg mir Zornesröte in den Kopf bis weit hinter meine Ohren.
Was war vorgefallen: Ein Feldwebel – übrigens der stupideste Dummkopf in der Schule – war von der hintersten Reihe gekommen, um mich zurechtzuweisen, weil mein Seitengewehr falsch in der Scheide gesteckt hatte. Ordnung ging eben über Andacht, Geltungsbedürfnis kannte keine Grenzen. Alles zur rechten Zeit und am rechten Ort. Jedenfalls, meine Andacht war vorbei. Ein Ausbilder der Infanterie nimmt selbst in der Kirche seine Aufsichtspflicht sehr ernst!

Im Kindle-Shop: Schattenlicht: Biografischer Roman Teil 1

Mehr über und von Martin Bühler auf seiner Website.

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