8. Dezember 2015

"Aus dem Leben eines Teufels: Die Prüfung" von Andreas Herteux

Ein Teufel hat es nicht leicht, denn auch die Hölle kennt soziale Auf- und Abstiege. Ein Weg, dem Elend zu entkommen, ist es, sich der satanischen Unterhaltungsbranche zu verschreiben, mit deren Hilfe die Wesen der unheimlichen Sphären mit Geschichten aus der Menschenwelt erfreut werden. Zu diesem Zweck dürfen geeignete Kreaturen in die Welt der Menschen heraufsteigen, um dort "Beiträge" zur Zerstreuung der Höllenbewohner zu generieren. Dass dieses nicht immer zur Erheiterung der Menschheit geschieht, dürfte sich von selbst verstehen, spielt aber keine Rolle, denn jene soll ja auch nur bedingt dadurch erheitert werden.

Unser bislang namenloser Beelzebub ist jedoch noch ein blutiger Anfänger. Für eine bestimmte Probezeit in die Menschenwelt entsendet, stellt er sich nun zitternd der Prüfung seiner Ergebnisse. War es eine gute Idee, die Spielregeln so zu ändern, dass ein einfacher Mensch plötzlich die Zeit anhalten konnte? War es richtig, Materie zu beleben? Einen Schneemann frieren zu lassen? Sterne vom Himmel zu holen? Jemanden durch die Hölle zu jagen? In der Weihnachtsnacht auf dem Friedhof zu verweilen oder die Augen für eine merkwürdige Liebe zu öffnen?

Ja, der Höllenbewohner hat so manches Chaos erzeugt, doch findet es Gefallen? In wenigen Minuten wird sich das große Tor öffnen und die Prüfung, die sein Schicksal entscheidet, kann beginnen.

Gleich lesen: Aus dem Leben eines Teufels: Die Prüfung

Leseprobe:
Guten Abend. Mein Name tut nichts zur Sache. Nur Schall und Rauch und weit stehend hinter meinem Tun. Sie müssen mir zuhören. Sie werden mir zuhören. Sie hörten mich schon immer. Sie glauben meinen Worten nicht? Nun, das ist keine Glaubenssache, sondern die Realität. Doch genug schwadroniert! Ich möchte ihnen eine Geschichte erzählen. Eine kleine Erzählung von den Übeln, die alle in sich tragen und für die man stets andere verantwortlich macht. Die Schwächen, deren Benennung Empörung erzeugt und Betroffenheit kaschiert. Ja, ja, ich kenne sie. Ich kenne euch alle. Doch, kommen wir zu meiner kleinen Geschichte!
Es war eines schönen Tages im Mai. Die Sonne strahlte, die Natur pulsierte, aber wen interessiert das schon? Immerhin scheint es ständig Mai zu sein. Das ist doch nichts Besonderes. Obwohl, wusstet ihr schon, dass die Zahl der Wonnemonate, welche die Menschen erleben werden, doch recht kümmerlich begrenzt ist? Nicht? Aber ich schweife ab.
Nun, es war Mai und da sah ich, in einer kleinen Großstadt, einen jungen Mann auf der Straße dahinschreiten. Die Gewöhnlichkeit stach geradezu aus ihm heraus und bedrohte mich anzufallen. Nicht klein, nicht groß. Nicht schön, nicht hässlich. Nicht dick, nicht dünn. Er hatte nicht mehr Grund Trübsal zu blasen, als jede andere Seele auch. Doch der Blick des jungen Mannes war leer und müde. Irgendetwas stimmte nicht und das weckte meine Neugier. Ich folgte ihm. Nein, keine Sorge, man entdeckt mich nicht.
Dafür bin ich zu geschickt, ein unscheinbarer Schatten, der selbst der weiterlaufenden Himmelsscheibe perfide folgen könnte. Richtig, ein unerhörtes Beispiel, ich rede ja zu euch, da macht das wenig Sinn. Wie dem auch sei, der gute Mann trug den Namen Thorsten Müller und war Student der Medizin. Von dem Fachgebiet bin ich übrigens weniger begeistert. Verzögert es doch nur jenes, was die Natur von allen verlangt. Doch, zurück zu unserem Müller. Schnell merkte ich, dass sein Leben einem monotonen Rhythmus folgte:
Die Woche über besuchte er Vorlesungen und den Rest des Tages verbrachte er in seiner Studentenwohnung, die aus nichts mehr als einem kargen Zimmer bestand. Ganz alleine. Ich habe es beobachtet, denn dort hängt ein Spiegel und unsereins fällt es sehr leicht, die Menschen von der anderen Seite der Spiegel zu beobachten. An den Wochenenden fuhr er nicht nach Hause, das kannte er ja schon, sondern er versuchte auszugehen und Anschluss zu gewinnen. Jedoch war er dabei nicht wirklich erfolgreich. Müller selbst wunderte sich darüber, war er zu Hause doch, seit Kindertagen, ein gern gesehenes Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, wenn er auch weniger an den Übungen, dafür jedoch am Stammtisch und den Festen regen Anteil nahm. Letzteres fehlte ihm, die Eltern eher weniger. Alles in allem nichts was herausragte, denn so mag es vielen gehen, die gerade erst aus dem Nest gefallen waren und sich nun in einer neuen Umgebung zurechtfinden mussten.
An diesem Punkt begann mich die ganze Sache bereits zu langweilen. Alles so gewöhnlich und ohne jeglichen Reiz. Durchschnitt, der irgendwann anderen Durchschnitt kennenlernen würde. Aus deren Vereinigung entsteht dann weiterer Durchschnitt und wird in die Welt getragen.
Das weiß ich, aber der gute Thorsten wusste das nicht und so bildete er sich ein, unter einer gewissen Isolation zu leiden. Jeder Mensch reagiert auf solche Situationen auf seine individuelle Art und Weise und bei ihm war es der Selbstbetrug, der die Annahme in ihm zur Reife brachte, dass das, was am Zwischenmenschlichen fehle, durch ein tieferes Studium der Medizin kompensiert werden könnte. Nicht, dass er übermäßig begabt oder fleißig gewesen wäre, auch hatte er das Lernen gerade erst aufgenommen und noch keinerlei Einblick oder Verständnis für den Stoff, aber was sollte er sonst tun, um unverbindlich erste Kontakte zu knüpfen? In den knapp zwei Jahrzehnten des Dorflebens musste er sich kein Umfeld suchen, denn es war bereits da oder wuchs mit ihm. Der Preis der Fremde war erst einmal das Alleinsein. Irgendwann hätte Müller zweifellos den Anschluss gefunden, schließlich war er ein Durchschnittsmensch und kein natürlicher Außenseiter. Für den Moment aber, machte der gewählte Weg unseren Thorsten für die wenigen Studienkollegen, die er regelmäßig in den Vorlesungen traf, es waren keine kleinen Räume und selten saßen die gleichen Personen nebeneinander, nicht gerade attraktiver, denn eine Beschränkung menschlicher Interaktion auf reine Sachthemen kann gar vollkommen langweilig sein. Der ewige Kreislauf der Beschränktheit.
Hundertmal gesehen, hundertmal gelacht.
Thorsten jedoch tangierte das kaum, hatte er sich doch in seinen Wünschen selbst beschränkt. Tiefer traf ihn ein Vorkommnis, das die Mauern seines Rückzugortes, sein Studium, kurz erschütterte. Es war an einem Tag, an dem vieles schon nicht funktionierte: Der Wecker, der Rasierer – es war wohl Stromausfall gewesen und auch die Straßenbahn musste, aufgrund einer getigerten Katze, die sich auf den Schienen niedergelassen hatte, eine deutliche Verspätung hinnehmen. Die Katze war übrigens ein guter Freund von mir und erfreut sich noch immer ihres Lebens, wie auch ich es tue.
Wie dem auch sei, der brave Student kam zu spät in die Vorlesung seines Professors. Wilhelm Klastermann war der Name. Eigentlich kein unsympathischer Bursche, aber wie das Leben so spielte, war der Höhepunkt seines Tages bisher der Abschiedsbrief seiner Ehefrau gewesen, die ihn für einen Älteren verlassen hatte. Eine Demütigung. Im Besonderen für einen, der sich den 60 Lenzen näherte. Man muss doch verstehen, dass sich derartiges auf die Laune niederschlägt. Aber das interessiert ja nicht. Eigentlich ist es kurz erzählt. Unser Student war zu spät und nicht gerade leise, als er in den Vorlesungsraum hineinstolperte, und der gute Professor Klastermann fühlte sich dadurch provoziert. Was kann da so ein armer Professor schon tun? Er holte den Störenfried an die Tafel und demütigte ihn, in dem er ein Stoffgebiet abfragte, das noch nicht Teil der Vorlesung war. So ungefähr eine halbe Stunde lang. Hinterher tat es Klastermann leid. Nie zuvor hatte er so etwas getan, aber geschehen ist geschehen. Die Umstände eben. Die schlimmen Umstände. Nicht zu vergessen die schreckliche Kindheit. Nächsten Freitag wollte er sich entschuldigen. Nicht direkt, aber mit dem Hinweis auf seinen Irrtum über den durchgenommenen Stoff. So wäre das Gesicht gewahrt, dachte Klastermann.
Gut, es hat mich amüsiert und manch bösen Studenten auch, was man am Gelächter klar erkennen konnte. Doch gab es auch genug, die sich über den Professor empörten und Mitleid mit Thorsten Müller empfanden. Das wusste unser Student jedoch nicht. Er sah sich gedemütigt und hörte nur das Lachen. Das Entsetzen fühlte er nicht. Wie auch immer, dieses Erlebnis hatte keine neue Situation geschaffen, sondern nur die bestehende verschärft und so saß Thorsten wenig später wieder in seinem Zimmer und dachte, ohne jedoch wirklich zu reflektieren, und mit einer Überdosis Selbstmitleid intus, über sich und seine kleine Welt nach. Wie gerne hätte er dem Professor erwidert, doch wer erwartete schon so eine Situation?
Überhaupt, verband er mit dem Namen „Klastermann“ bislang nur Gutes, denn auch in seinem Heimatort, einem kleinen Dorf namens Rodringbach, gab es diesen Familiennamen. Einer der Klastermänner betrieb sogar eine Firma, kurz KAMA genannt, die zu den größten Arbeitgebern der Region zählte. Selbst sein Vater war dort beschäftigt und das Unternehmen gehörte zu den fleißigsten Sponsoren des Feuerwehrfestes. Besagte Menschen waren zwar, und das verrate ich hier ganz frank und frei, nicht verwandt mit dem Professor, aber ein Grund mehr dafür, warum Thorsten in dieser besonderen Situation förmlich überrumpelt und kaum zu einer Reaktion fähig war. Überhaupt sind solche Erlebnisse oft Schleusentore, denn generell war natürlich auch bei unserem jungen Studenten nicht alles im Reinen. Weg war er von zu Hause. Die Eltern erwarteten den Erfolg. Ausreden zählten nicht. Die wollte niemand hören. Mittel bekam Müller genug, glücklich war er nicht. Unser Student jammerte, wollte das Paradies für sich und bettelte, bei welchen Göttern auch immer, um absolute Sorgenfreiheit. Jetzt und sofort. Wehleidiger Mensch. Waschlappen! Was haben Menschen schon durchgemacht? Man möchte ihn anschreien: Dir ist doch gar nichts Schlimmes widerfahren! Alles liegt noch vor dir und auch du wirst deinen Durchschnitt in deiner eigenen Welt verankern. Mochte man, tat ich aber nicht, sondern unsereins beschloss, die Spielregeln leicht zu verändern.

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Mehr über und von Andreas Herteux auf seiner Website.

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