10. Dezember 2015

"Der Todmaler" von Mark Franley

Nürnberg, im Jahre des Herrn 1502 …
Es sind traumatische Ereignisse, die in Aarons Seele wüten und seinen weiteren Lebensweg bestimmen. Alles, was ihm noch bleibt, ist die Perfektionierung seiner Leidenschaft und die Suche nach dem, was ihm entrissen wurde.

In einem Strudel aus verstörenden Erlebnissen und erotischen Begegnungen wandelt er bald auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn. Ohne Mitgefühl überschreitet er jede Grenze von Menschlichkeit und wird zum gnadenlosen Rächer seines Schicksals.

Ein packender Roman vor mittelalterlicher Kulisse.

Gleich lesen: Der Todmaler


Leseprobe:
Es war der erste Abend des siebten Monats im Jahre des Herrn 1502. Am Horizont, über den Dächern der stetig wachsenden Stadt, begann sich zu entladen, was sich schon den ganzen Tag angekündigt hatte. Dunkle Wolkenfetzen wurden vom Regen wie die Fahnen eines herannahenden Heeres nach unten gezogen und starke Windböen beugten das schon hochgewachsene Korn. Die Sonne war gerade untergegangen und das verbliebene Licht gab den aufziehenden Gewitterwolken eine noch bedrohlichere Farbe. Nicht wenige Nürnberger blickten an diesem Abend ängstlich zum Himmel und hofften darauf, dass Gott sie verschonen möge.
Der erste Blitz entlud sich ohne jede Vorwarnung. Zielsicher zog sich das schmale Band aus gleißendem Licht quer über die Dächer der Stadt und explodierte schließlich an der Spitze des höchsten Kirchturms. Zwei Sekunden später hatte der wie ein harter Schlag klingende Donner auch das Anwesen der Rieters erreicht.
Die werdende Mutter stieß einen heiseren Schrei aus. Feine Staubwolken lösten sich zwischen den Holzbalken der kleinen Schlafkammer, rieselten auf Evas Gesicht und vermischten sich mit den unzähligen Schweißperlen.
Immer wieder trat Georg Gottschläger an das kleine Fenster ihrer Gesindestube und starrte hinaus in das diffuse Licht, doch von der Hebamme war noch immer nichts zu sehen. Hinter ihm öffnete sich die Tür zu der Schlafkammer und das erschöpfte Gesicht einer schon etwas betagteren Magd schaute heraus. »Ich brauche frisches Wasser!« Mit diesen Worten reichte sie dem werdenden Vater die Schüssel hinaus und verschwand wieder.
Verärgert über diese Anweisung, überlegte er, die Schüssel einfach wegzustellen, doch seine Eva brauchte das Wasser und mit der Magd würde er am nächsten Tag noch ein paar Worte über ihr herablassendes Verhalten reden. Noch bevor er einen weiteren Gedanken fassen konnte, ertönte das ersehnte Klopfen an der Tür.
»Ja!«, brüllte er gegen das Grollen des Gewitters an, worauf sich die Eingangstür öffnete und den Blick auf eine unansehnliche alte Frau freigab.
»Na endlich«, stellte Georg barsch fest und wies auf die Tür zur Schlafkammer. »Sie ist da drin.«
Auch wenn man es ihr nicht ansah, die Amme war eine intelligente und erfahrene Frau. Vor ihr stand nicht der erste werdende Vater und sie wusste, dass diese meist aufgeregter waren als ihre gebärenden Frauen, daher gab sie nicht allzu viel auf die unhöfliche Anrede und kam stattdessen gleich zum Geschäftlichen. Unverblümt streckte sie ihm die faltige Hand entgegen. »Einen Taler jetzt und einen danach.«
Mit zittrigen Fingern zog Georg das geforderte Geldstück aus seiner Hosentasche und trieb die Alte an: »Hier … und jetzt geht endlich hinein.«
Doch die Amme rührte sich noch immer nicht und sah sich stattdessen fragend um. »Habt ihr noch nicht einmal Wasser abgekocht?«
»Nein«, stammelte der sonst so schlagfertige Georg kleinlaut, fasste sich dann aber und blaffte zurück: »Die Magd wollt ja nur kaltes.«
»Ich brauche abgekochtes Wasser in einer sauberen Schüssel«, wies ihn die Alte an und ging, ohne eine Antwort abzuwarten, in die kleine Schlafstube. Keine zwei Atemzüge später kam die Magd heraus und verschwand wortlos über die Holztreppe, die in den Hof hinunterführte.
Während das Wasser langsam auf dem mäßig flackernden Feuer zu kochen begann, zuckte eine ganze Salve von Blitzen vom Himmel und der dazugehörige Donner verhinderte, dass Evas Schreie bis zu ihrem Mann vordrangen. Auch als die Amme das Wasser holte, erfuhr Georg nichts über den Zustand seiner Frau, wollte aber auch nicht allzu aufgeregt wirken und fragte daher nicht weiter nach.

Im Kindle-Shop: Der Todmaler

Mehr über und von Mark Franley auf seiner Website.

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