26. Februar 2016

'Der magische Feuerring' von Sabine Kalkowski

Araquitar ist ein friedliches Land. Seine Bewohner leben in Frieden und Harmonie miteinander. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse: Von zwei Seiten droht schreckliche Gefahr. Der Untergang steht bevor. Nur ein Quitadar kann mithilfe des magischen Feuerrings das Unheil abwenden. Und so beginnt die verzweifelte Suche nach einem Retter für Araquitar ...

'Der magische Feuerring' ist ein Fantasyroman über den Mut, sich einem schrecklichen Schicksal entgegenzustellen.

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Leseprobe:
Spiegelbilder

Langsam erlosch das Leuchten im Spiegel und mit ihm die Bilder. Aramar starrte noch lange Zeit auf die nun blinde Oberfläche des Spiegels, der alles sieht. Er sah nur noch sein eigenes, leicht verzerrtes Spiegelbild. Die weißen, in den letzten Jahren deutlich dünner gewordenen Haare fielen ihm ins Gesicht und verschmolzen mit seinem Bart, den er jeden Morgen sorgfältig in Form brachte. Seine blauen, mit der Zeit blasser gewordenen Augen starrten ihm entgegen. Sorgen ließen die Falten in seinem Gesicht noch tiefer werden. Er nahm den Ratssaal, in dem der Spiegel stand, nicht mehr wahr. Seine Gedanken wanderten durch die letzten Wochen.
Die Schneefälle hatten so ziemlich alle Aktivitäten in Araquitar zum Erliegen gebracht. Es waren die heftigsten und am längsten anhaltenden Schneefälle seit fünfzig Jahren gewesen. Was für ein Glück. Durch sie würden die Pässe länger als normal unpassierbar sein. Sie hatten den Araquitanern noch ein wenig Zeit verschafft, um sich für den Überfall der Godronen zu wappnen.
Sarison hatte sich weitgehend in seinen Gemächern aufgehalten und war nur selten zu den Ratssitzungen erschienen. Nicht, dass sie seine Abwesenheit bedauert hätten. Doch Aramar machte sich Sorgen, dass Sarison in seinem stillen Kämmerlein etwas ausbrütete. Er hatte lieber ein Auge auf ihn.
Seit zwei Wochen hatte es nicht mehr geschneit und die Temperaturen waren spürbar milder geworden. Sarison war gestern wieder aufgebrochen, um seine Suche fortzusetzen und der Hauptmann Amar begleitete ihn diesmal. Ein kühler Windhauch strich durch das Zimmer und ließ Aramar frösteln. Leise Schritte erklangen hinter seinem Rücken. Er drehte sich zu Asa um, die gerade ein Tablett mit einer Kanne dampfenden Tees auf dem kleinen Tisch an der Wand abstellte. Naserümpfend ging sie an Aramar vorbei und riss beide Fenster auf, durch die man einen Blick auf den Universitätsgarten hatte. Im Moment war er nur ein Schatten seiner selbst. Kahle Bäume säumten die breiten Wege und die im Sommer vor bunten Blüten beinahe platzenden Beete waren braun und lagen brach. Leise vor sich hinmurmelnd, begann Asa die Stühle um den erloschenen Spiegel zurechtzurücken und die leer getrunkenen Becher von den Beistelltischen zu sammeln. Während frische Luft in den muffigen Ratssaal strömte, sah Aramar lächelnd Asa dabei zu, wie sie geschäftig durch das Zimmer eilte, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. In ihrer Gegenwart konnte er immer vergessen, welche Verantwortung auf ihm lastete und sich als einfacher, normaler Mensch fühlen.
Asa begann nun die Möbel abzustauben und als sie sich energisch dem Spiegel zuwandte, unterbrach Aramar sie mit einem bestimmten:
„Es reicht, Asa!“
Asa stemmte eine Faust in die rundliche Hüfte und sah Aramar ärgerlich an.
„Bitte, wenn der Rat im Schmutz tagen soll!“
Beleidigt ging sie zum kleinen Tisch an der Wand, nahm das Tablett auf und sagte über die Schulter:
„Der Tee ist fertig!“
Mit einem letzten Stirnrunzeln verschwand sie aus dem Ratssaal. So wie der Duft des Tees verschwand, so kamen die Sorgen zurück. Aramar trat wieder an den Spiegel und strich mit der Hand darüber, als könne er die verstörenden Bilder, die er darin gesehen hatte, einfach wegwischen.
„Aramar! Der Tee wird kalt!“
Aramar seufzte. Was war nur aus dem schüchternen, folgsamen Mädchen geworden, das er einst zur Frau genommen hatte. Asa erschien in der Tür, die Faust wieder in die Hüfte gestemmt.
„Schweig, Weib! Ich komme, wann es mir beliebt!“
Asa verschwand mit Zornesfalten auf der Stirn und begann in dem Nachbarzimmer laut mit dem Geschirr zu klappern.
Noch einmal strich Aramar mit der Hand über den Spiegel und dieser begann in der Tiefe zu glühen. Aramar hielt die Luft an. Nur einmal im Monat erglühte der Spiegel und auch nur, wenn der Rat gemeinsam die Zauberformel sprach. Was hatte das zu bedeuten? Aramar beugte sich über den Spiegel. Er spürte, wie sein Herz schneller schlug und sein Atem sich beschleunigte. Langsam stiegen Bilder an die Oberfläche. Schneebedeckte Berge, Männer auf zotteligen Ponys, Zeltlager auf den Hochebenen des Quitar-Gebirges, nahe der Pässe, die nach Araquitar führten. Aramar runzelte die Stirn. Dies alles hatte ihnen der Spiegel bereits in der Sitzung gezeigt. Aramar richtete sich auf und schüttelte langsam den Kopf. Das ergab keinen Sinn. Was wollte der Spiegel ihm nur sagen?
Lautes Geschirrgeklapper drang aus dem Nebenzimmer. Ärgerlich wollte sich Aramar zur Tür wenden und Asa erneut zurechtweisen, als er im Augenwinkel bemerkte, dass sich die Bilder im Spiegel änderten. Alles verschwamm. Nebelschwaden trieben durch das Bild und langsam tauchte ein Segel auf, dann noch eins und dann ein weiteres. Eine ganze Flotte bewegte sich auf Araquitar zu. Aramars Herz schien auszusetzen. Das Symbol auf den Segeln kannte er aus Legenden, die noch weiter in die Vergangenheit reichten als die Geschichten über die Godronen. Moraner! Wenn es noch etwas Schlimmeres gab als die Godronen, dann waren es die Moraner. Trotz der kühlen Luft, die durch die Fenster strömte, begann Aramar heftig zu schwitzen. Sein Herz pochte schmerzhaft schnell in seiner Brust.
„Asa!“
Aramars Stimme überschlug sich.
„Asa!“
Asa erschien mit einem verärgerten Stirnrunzeln im Türrahmen. Als sie Aramars entsetzten Gesichtsausdruck sah, erbleichte sie. Dann bemerkte sie, dass der Spiegel wieder Bilder zeigte und ihre Augen weiteten sich erschrocken.
„Hol den Rat zusammen, Asa. Schnell!“

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