9. Februar 2016

"Die Nebelfrau - Als der Komet über Düsseldorf stand" von Jürgen Schmidt

1997 wird der Sommer heiß, sehr heiß. Für Frank hängt schon vorher der Himmel voller Geigen und dazwischen leuchtet Hale-Bopp, der Jahrtausend-Komet. Barbara, die neue Nachbarin am Fenster des Hauses gegenüber hat magische Kräfte. Der 23-Jährige fühlt sich von ihr angezogen und überlegt fieberhaft, wie er seinen blonden Traum erobern könnte.

Während sich vor seinem inneren Auge schöne und skurrile Szenen abwechseln, wird er langsam auch im richtigen Leben aktiv. Leider zunächst ziemlich stümperhaft. Frank ist ein moderner "Hans-guck-in-die-Luft", ein Träumer, aber dabei in der Lage, einem die Welt zu erklären. Babsi ist dagegen eine Welt für sich. Wird es Frank gelingen, ihr näher zu kommen?

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Leseproben (Zitate):
„Die dachten wohl, sie würden die große Versöhnung miterleben. Karin selbst machte deutlich, dass daraus nichts werden würde. Ihre Wortwahl war dabei ziemlich beleidigend, vielleicht wollte sie mich auch nur herausfordern. Das ließ ich dann eine Woche später bei einer Brünetten aus Oberkassel zu, die mich mit zu sich nach Hause nahm, nachdem wir uns in der Zille einen Flammkuchen geteilt hatten und es uns danach wegen der Theatertruppe vom Nebentisch zu laut geworden war. Seit diesem Abend halte ich Achselbehaarung für erotisch. Die Brünette hatte es selbst nicht so mit den Namen.“

„Gestern hatte Barbara Besuch, obligatorischen Familienbesuch. Zumindest waren drei ältere Herrschaften da, die allesamt neugierig aus dem Fenster starrten. Dies geschah in einer Manier, die an hoffnungslos fortgeschrittene Stupidität erinnerte, und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Barbara sich solche Geschöpfe freiwillig ins Haus holt. Aus Gründen unbequemer familiärer Pflicht wurde überdies Kaffee und Kuchen aufgetischt. Doch kaum waren die letzten Bissen in die gefräßigen Schlünde gestopft, standen die drei abermals am Fenster. Ich kam zu dem Ergebnis, dass man sich in dieser Familie nicht viel zu sagen hat. Arme Barbara, ich konnte sie so gut verstehen. Bestimmt schämte sie sich mir gegenüber, das braucht sie aber wirklich nicht.
Der Vater warf ja wenigstens noch ein gelegentliches Auge auf seine hübsche Tochter; das biedere Frauenduo schaute hingegen immer ungenierter zu mir herüber, spätestens hier wäre es nötig gewesen, den berühmten Prager Fenstersturz zu erfinden. Die beiden hatten keinerlei Hemmung, sich die Hälse bis auf meinen Schreibtisch zu verdrehen. Ich fand das empörend, zumal ich an ihren skeptischen Blicken sah, dass von denen kein gutes Wort über mich zu erhoffen war. Den Deal hätte ich ja akzeptiert, aber so grenzte das mächtig an Hausfriedensbruch! Später ließen sie mich dann in Ruhe und gingen vor die Tür. Er vorneweg, die Frauen, einschließlich Barbara, folgten mit zwanzig Metern Abstand. Endlich durfte ich auch einmal ans Fenster.“

„Am folgenden Abend tat ich als eingesprungener Ersatzmann des Ersatz-Barkeepers im Schwan etwas, was mich weit über die Grenzen Düsseldorfs, ach, was sage ich, des europäischen Kontinents, bekannt machen sollte. Es berichtete nämlich mindestens eine große japanische Tageszeitung über ein von mir spontan ausgetüfteltes Kaffee-Rezept der ganz besonderen Art. Diese hellbraune Plörre war eigentlich nur meine Antwort auf einen übrig gebliebenen Trupp Japaner gewesen, der nach einem erfolgreichen Messeabschluss nachts um zwei noch immer nicht ins Bett gewollt hatte. Um Feierabend machen zu können, beglückte ich sie mit dem Schauspiel der geheimnisvollen Zubereitung des Kaffee Spartacus von Frank the Fox. Dazu warf ich in jeden Becher ein sauberes Markstück, goss anschließend so viel Kaffee drauf, bis von dem Geldstück nichts mehr zu sehen war. Zum Spartacus wird der Kaffee durch das Hineinkippen von Wodka, mit dem man erst dann aufhört, wenn die Münze im Becher wieder deutlich sichtbar wird. Sahne, Schokostreusel und ein Täfelchen After Eight rundeten das Bild ab, denn Spartacus, der wagemutige Anführer im 3. Sklavenkrieg, verstand sich auch auf Süßes, wie ich fachmännisch erläuterte. Die Japaner folgten und fotografierten meine Vorführung mit höflich zurückhaltender Zustimmung. Zur Beweisführung war der besagte Zeitungsartikel mit zwei dieser nächtlichen Fotos versehen. Wenn ich richtig informiert bin, wird mein Kaffee in wenigstens drei Bars oder Restaurants Tokios angeboten. In einem Fall unter dem Namen Duesseldorfer Radschlag. Dass ich von der Stadt für dieses revolutionäre Modell der Städtewerbung kein Geld sehe, ist wieder einmal bezeichnend.“

„Auf der Treppe zu meiner Wohnung liegt eine leere zerbeulte Cola-Dose. Ich kicke sie eine Etage tiefer. Plötzlich fällt mir ein, dass Dosenbier in der Box nichts zu suchen hat. Wegen der Umwelt! Ich werde die kritischen Objekte kurz ins Eisfach legen und mit meinem Durst beseitigen, das hat sich der einsame Kunstspringer wohl auch verdient. Im Übrigen muss aus dem Badezimmer schleunigst Karins Zahnbürste, der Nagellackentferner und Glanz-Haarlack verschwinden. Der unnütze Krempel weiblicher Sorglosigkeit lagert immer noch bei mir. Der Haarlack könnte zwar theoretisch meiner sein, aber wie sieht das denn aus? Da hätte sie ja gleich den Geschniegelten bitten können, sich mit ihr die Wohnung zu teilen. Weiterhin könnte der Frauenakt neben dem Regal stören. Keine Ahnung, wie die Nackte auf meine Nachbarin wirkt. Außerdem hat das Modell Hängebusen. Am Ende glaubt Barbara, ich stehe auf solch trostlose Betrachtungen.“

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Mehr über und von Jürgen Schmidt auf seiner Website.

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