29. Februar 2016

"Mordsgewitter" von Sophie Lamé

Während ein gewaltiges Gewitter über Paris niedergeht, wird in einem Haus im 20. Arrondissement der Stadt eine Leiche entdeckt. Merkwürdigerweise scheint der Mord niemanden zu erschüttern. Am wenigsten den aalglatten Unternehmensberater und Hauseigentümer - schwerreich und treibende Kraft in einem Sanierungsprojekt des Belleville-Viertels. Doch er bleibt nicht der einzige Verdächtige. Kommissarin de Belfort und ihr Team der Brigade Criminelle verfolgen vielversprechende Spuren. Und dann passiert etwas, das niemand für möglich gehalten hätte …

Sophie Lamé verknüpft die spannende Handlung mit Humor und ideenreichen Dialogen und würzt auch ihren zweiten Paris-Krimi mit einer guten Portion Lokalkolorit.

Gleich lesen: Mordsgewitter: Paris-Krimi


Leseprobe:
„Sie wollen mir drohen? Ernsthaft?“
Christophe Dechanets schallendes Lachen hallte durchs Treppenhaus. „Das ist köstlich, ich bin lange nicht mehr so hervorragend unterhalten worden!“
Der gutaussehende und perfekt gekleidete Mann zog ein blütenweißes Taschentuch aus seinem maßgeschneiderten Blazer und tupfte sich theatralisch die Augen. „Dass man mich von meinem hohen Ross stürzen wird, das hat nun wirklich noch niemand zu mir gesagt! Herrlich, Madame Ribeiro! Sie haben Ihren Beruf verfehlt, Sie geben eine erstklassige Komödiantin ab. Meinen Respekt! Bravo!“ Er deutete einen Applaus an und versenkte sein Tüchlein immer noch kichernd wieder in seiner Jacke. „Ich verstehe jedoch nicht, warum Sie sich so aufblasen? Etwa, weil Sie sich nicht damit abfinden können, dass ich das Haus saniere und damit dazu beitrage, dass Belleville endlich zu einem attraktiven Viertel wird? Freuen Sie sich doch einfach darüber, Madame. Zum ersten Mal in Ihrem Leben werden Sie von Luxus umgeben sein, denken Sie nur!“
Maria Ribeiro ließ sich ihre Wut nicht anmerken. Es war klar, dass Dechanet sie demütigen wollte, indem er sie lächerlich machte.
„Sparen Sie sich Ihren Hohn. Sie wissen genau, dass ich rein gar nichts von Ihrem schillernden neuen Belleville haben werde, weil ich nämlich hier wegziehen muss, wenn meine Miete fünfmal so hoch ist. Ganz zu schweigen davon, dass Sie mich als Concierge entsorgen. Aber ich warne Sie, unterschätzen Sie mich nicht! Ich bin eine stolze Portugiesin und außerdem kenne ich meine Rechte. Wir leben nicht mehr im achtzehnten Jahrhundert. Sie können mich nicht einfach wegwerfen wie einen ausgedienten Besen und mich durch eine Gegensprechanlage und eine monatlich einfallende Putzkolonne ersetzen. Ich arbeite schon mein halbes Leben in diesem Haus und ich lasse mich nicht vertreiben. Nicht aus meiner Wohnung und nicht aus meinem Job. Und schon gar nicht von Ihnen!“
Maria Ribeiro sah aus, als wolle sie gleich ausspucken und auch ihrem Gegenüber schien dieser Gedanke nicht abwegig, denn Dechanet trat einen Schritt zurück. Mit der Hacke stieß er an die Tür des Appartements, in dem sich sein Büro befand. „Das haben wir doch nun schon oft genug durchgekaut, Madame.“ Er sprach jetzt, als habe er es mit einem störrischen Kind zu tun. „Die Zeichen stehen eben auf Veränderung.“ Der süffisante Ton des Hausbesitzers drang wie klebriger Schleim in Maria Ribeiros Ohren. „Paris ist eine teure Stadt, und ich bin schließlich keine Sozialstation. Können Sie sich überhaupt vorstellen, was es mich kostet, dieses Gebäude zu unterhalten? Inklusive einer Concierge? Ach, natürlich können Sie das nicht. Wie sollten Sie auch, in Ihrer beneidenswerten Ahnungslosigkeit. Schön, wenn man so naiv sein darf und die alltäglichen Sorgen die Suche nach dem wöchentlichen Sonderangebot für Chlorreiniger nicht übersteigen.“
Hinter ihrem Rücken ballte Maria Ribeiro die Faust, als wollte sie etwas darin zerquetschen. Sie unterdrückte den Impuls, einen Schritt zurückzutreten vor diesem unangenehmen Menschen, doch gleich hinter ihr begannen sich die Stufen nach unten zu winden und sie hatte nicht vor, sich in eine Position zu begeben, in der Dechanet auf sie herabblickte. Aus einer der Wohnungen im Haus drangen Fetzen klassischer Musik an ihr Ohr. Sein Gesicht war ganz nah an ihrem, als er weitersprach.
„Meinen Sie nicht auch, dass die Menschen, die es in ihrem Leben zu etwas gebracht haben, die Möglichkeit bekommen sollten, im Zentrum der Stadt zu wohnen? In einem Appartement, das überdies ihren gehobenen Ansprüchen genügt? Und ist es nicht andererseits ungerecht, dass dieser kostbare Wohnraum nicht zur Verfügung steht, weil einige unbelehrbare Bürger nicht wahrhaben wollen, dass sie schlicht zu wenig Geld auf dem Konto haben, um sich weiter in Paris breitzumachen? Für die gibt es schließlich jede Menge passende Wohnungen anderswo. In den Vorstädten zum Beispiel. Das ist nun einmal der Lauf der Dinge, ich sagte es bereits.“ Dechanet machte ein angewidertes Gesicht. „Im Leben nichts erreichen, aber Luxus beanspruchen. Wie ich diese Sozialschmarotzer hasse.“
Maria Ribeiro stieß ein ungläubiges Lachen aus. Dieser arrogante Kerl meinte tatsächlich ernst, was er da von sich gab. Er hielt Menschen wie sie, die weder mit einem goldenen Löffel im Mund geboren waren, noch jemals die Möglichkeit gehabt hatten, zu studieren oder Geld anzuhäufen, für Schmarotzer. Einfache Leute, die sich abrackerten und für andere den Dreck wegmachten, um ihre Miete bezahlen zu können. Sie schüttelte den Kopf angesichts des lächerlichen Versuchs dieses Ekels, sein Vorhaben zu rechtfertigen.
Von der Rue Sorbier drangen gedämpfte Geräusche in den zweiten Stock hinauf und ließen die feindselige Stille zwischen den Streithähnen noch deutlicher werden.

Im Kindle-Shop: Mordsgewitter: Paris-Krimi

Mehr über und von Sophie Lamé auf ihrer Facebook-Seite.

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