23. März 2016

"Rufmord: Schatten der Vergangenheit" von Viktoria Klein

War es Mord oder eine Verkettung unglücklicher Umstände?

Dem Landtagsabgeordneten Lennart Siegerländer geht seine Karriere über alles. Er will von Kiel nach Berlin, um im ganz großen Bundespool mitzumischen. Dabei nimmt er auch keine Rücksicht auf seine Ehefrau Susannah, die mittlerweile unter einer "Ich-geh-nicht-mehr-nach-draußen-Phobie" leidet. Lennarts persönlicher Mitarbeiterin Roswitha Sommer kommen Zweifel an der Person ihres Chefs, als Pannen auf einer Wahlveranstaltung und bei der Einweihung eines Kindergartens passieren.

Diese Zweifel werden noch geschürt durch den Reporter Christoff Hofmann, dem ebenfalls Dinge auffallen, die er geklärt haben möchte. Er riecht die Story seines Lebens. Üble Beschuldigungen eines Jugendfreundes aus Costa Rica bringen Lennart in arge Bedrängnis und seine beruflichen Ambitionen in Gefahr. Wird er mit weißer Weste seine Karriere in Deutschland fortsetzen können? Um das zu regeln, muss er zurück in das Wespennest Costa Rica, wo er seine Jugend verbrachte; zurück zu seiner großen Liebe Kitty.

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Leseprobe:
Roswitha musste ebenfalls lachen und pustete ihrem so nahen Gegenüber prompt ihren Bierschaum gegen die Brille.
»Oh, Tschuldigung. Warten Sie, ich habe hier irgendwo …« Roswitha kramte in ihrer Handtasche und suchte ein Taschentuch.
Christoff Hofmann ergriff die Brille bereits mit spitzen Fingern und rieb sie an seinem Hemd trocken.
»Halb so wild. Wie sind Sie eigentlich an Lennart Siegerländer und die Politik geraten? Ich dachte immer, solche Leute würden sich mit steifem, trockenem Personal umgeben.«
»Das nehme ich jetzt als Kompliment. Aber die Politik ist doch der am wenigsten verstaubte Job überhaupt. Gerade hier arbeitet man am Puls der Zeit. Man muss immer up to date sein. Der ständige Austausch in den Fraktionen, Ausschüssen und Verbänden erfordert höchste Konzentration. Es darf nie ein Thema, eine Begebenheit, eine Neuigkeit geben, von der ich nichts weiß. Die Welt der Politik ist das größte Tratschhaus der Nation. Wer schläft und nicht informiert ist, ist raus. Politik ist so lebendig. Obwohl – die wirkliche Politik betreibt Lennart Siegerländer. Ich fungiere nur als PR-Beraterin. Im Grunde vermarkte ich ihn wie ein Produkt …«
»… bei dem die Vorzüge hervorgehoben und die negativen Aspekte unter den Teppich gekehrt werden?«, vervollständigte Christoff Hofmann Roswithas Satz.
»Im Prinzip schon.«
Roswitha ließ sich durch diese Argumentation nicht beirren, obwohl sie sofort auf der Hut war. Jahrelange Schulungen hatten sie gelehrt, ihren Kopf und damit zwangsläufig auch ihre Mimik und Gestik unter Kontrolle zu haben. Gerade solche bohrenden Wortspielereien wie die des Reporters brachten ihre stets auf Abruf klingenden Alarmglocken zum Vibrieren.
»Natürlich wird das Produkt ›Mensch‹ anders hervorgehoben als ’ne Cola oder ’n Waschmittel …«
»… obwohl alle drei etwas gemein haben: Verpackung und Inhalt«, grinste Christoff Hofmann. »Nicht immer hält der Inhalt, was die Verpackung verspricht.«
»Beim Inhalt ›Mensch‹ erfolgt Kritik meist nur mit negativen Schlagzeilen. Die werden sehr ernst genommen, diskutiert, abgestellt, geändert, spontan und gezielt unter die Lupe genommen. Öffentlichkeit kann zur Mördergrube werden, wenn jedes Wort, jeder Blick, jede Geste tausendfach teleskopiert werden. Ich vermarkte also ein Produkt, das jederzeit unter der Aufsicht von Millionen Augenpaaren positiv bestehen muss. Die kleinste Schwäche oder Nachlässigkeit, Verstimmung oder nur Migräne sind Anlass für hochgejubelte Verdächtigungen übelster Art. Positive Nachrichten sind sehr selten. Mein Job ist es, für gerechte Balance zu sorgen.«
»Dann haben Sie sich mit Ihrem Produkt ›Mensch‹ also den höchsten Schwierigkeitsgrad ausgesucht?«
»Ja. Ein Waschmittel wird nie so hoch bewertet. Oder haben Sie schon mal eine Story über ein Waschmittel geschrieben? Sicher nur dann, wenn es negativ auffällt und nachweislich Krankheiten verursacht.«
»Die Verpackung Ihres Produktes Lennart Siegerländer hat Sie persönlich nicht beeinflusst, sich auch um den Inhalt zu kümmern?«
»Umgekehrt. Der Inhalt hat mich animiert, mich um die Verpackung zu kümmern«, lächelte Roswitha Sommer.
»Sie sind ihm also so nahe, dass Sie wüssten, wenn er Leichen im Keller hätte?«, grinste Christoff Hofmann.
»Ehrlich gesagt bin ich in seinen Kellerräumen noch nicht rumgekrochen.« Roswitha blieb witzig und schlagfertig.
»Sagte ich das nicht anfangs? Sie vermarkten ein Produkt, dessen Inhalt Sie nie so vollständig analysieren können wie ein Waschmittel. Sie tun nur so, als könnten Sie es. Sie präsentieren der Öffentlichkeit ein Oberflächenmuster, das sich in den Tiefen vielleicht konkaviert. Das finde ich ziemlich gefährlich, weil Sie den Verbrauchern aus Ihrer persönlichen - wie gerade selbst bestätigt - oberflächlichen Überzeugung etwas lobpreisen, das vielleicht nicht hält, was es verspricht. Wandeln Sie da nicht auf sehr dünnem Eis?«
»Ist Ihre Skepsis ansteckend, so als Krankheit? Dann sollte ich mich von Ihnen fernhalten«, schmunzelte Roswitha. »Ich werde mich mit einer Wärmflasche ins Bett legen und verseuchte Zellen mit viel Flüssigkeit zum Verdampfen bringen. Morgen bin ich dann wie neu. Bei Ihnen wird die Genesung vom Virus Misstrauen länger andauern, fürchte ich.«
Roswitha rutschte von ihrem Barhocker herunter und trat Christoff Hofmann dabei auf die Zehen.

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