11. März 2016

"Rosalie" von Heike Handschuhmacher

Hauptkommissar Jörg Weber wird auf die Insel Fehmarn strafversetzt. Seine junge Kollegin Inga Hofmacher, die sich von seiner Versetzung beruflich viel verspricht, ist von ihm begeistert. Weber hat seinen Dienst noch nicht einmal angetreten, da taucht schon die erste Leiche am Strand auf.

Nichtsahnend, dass die beiden einem grausamen Geheimnis auf der Spur sind, versuchen sie, die Hintergründe zu erforschen. Noch bevor sie sich richtig kennenlernen können, überschlagen sich plötzlich die Ereignisse und sie geraten in höchste Gefahr.

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Leseprobe:
Sie hatte es immer und immer wieder gesagt.
Doch Johanna belächelte die Übervorsicht ihrer besten Freundin. „Wenn du nicht mit deiner leichtgläubigen Art, Männer abzuschleppen, aufhörst, werde ich dich eines Tages in der Pathologie besuchen, um deine Überreste zu identifizieren“, waren ihre Worte, die in Johannas Kopf deutlich widerhallten, als sie mit nackten Füßen auf einem schmalen Pfad vor einem Mann flüchtete, der erst kurze Zeit zuvor in ihr Leben getreten war.
Sie hatte nicht die geringste Ahnung, was er für ein Mensch war. Ihre Entscheidung, nicht den letzten Bus zu nehmen, hatte sie längst bereut.
Es war eine kalte Nacht.
Die Hand, mit der Johanna den Mantelkragen festhielt, begann bereits taub zu werden.
Er war nett. Wie konnte sie nur die Gefahr, die von ihm ausging, übersehen?
Sie unterdrückte den Brechreiz, der sie überkam, wenn sie an die letzten Stunden dachte, die friedlich begonnen hatten und so gewaltsam endeten.
Warum hatte sie keinerlei Anhaltspunkte wahrgenommen, die sie hätten stutzig machen müssen?
Das Einzige, was sie in ihrer Panik hatte greifen können, war ein schwarzer Mantel gewesen, der einsam an der Garderobe gehangen hatte.
Johannas Unterlippe, die doppelt so dick war, drohte aufzuplatzen. Ihr rechter Arm hing verdreht an ihr herunter, als gehörte er nicht zu ihr.
Sie spürte nichts, obwohl sie an nahezu jeder Stelle ihres Körpers verletzt war.
Sie stolperte durch die Dunkelheit über den unebenen Boden des Weges.
Kein Ziel, keine Lösung.
Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen.
Panik hatte sie überrollt.
Sie schloss ihre Augen und sah ein freundliches Gesicht, seine Zuvorkommenheit, als er ihr die Jacke gereicht hatte.
Der Wind pfiff um ihre Ohren, sodass sie das Motorengeräusch nicht bemerkte, das sich ihr näherte.
Durch ihre naive, unkomplizierte Art war sie ein Magnet für Männer.
Sie machte sich mit kleinen Lügengeschichten interessant und wirkte dadurch abenteuerlich, holte manche Männer aus dem Alltag heraus und schenkte ihnen ein paar gemeinsame Stunden zu zweit. Wenn sie begriffen, dass ihr Wesen nur eine Fassade war und sie bei längerem Hinsehen ihren wahren Charakter entdeckten, dann blieb nur ein einsames Mädchen zurück, das nach Liebe schrie, und die Männer nahmen Reißaus.
Dieser Mann war für Johanna der Jackpot gewesen.
Alle Männer, mit denen sie zuvor ausgegangen war – und es waren nicht wenige gewesen -, waren mit ihm nicht zu vergleichen.
Er war intelligent, gepflegt und trug stilvolle Kleidung.
Er hatte alle Drinks bezahlt.
Sie schlurfte, ein Bein nachziehend, ziellos durch die Kälte, die sie nicht empfand.
Ihre Füße traten auf Steine, die sich in ihre blanken Sohlen bohrten.
Sie fühlte nichts davon.
Sie sah sein besorgtes Gesicht vor sich, als er sie aufrichtig bat, sie nach Hause fahren zu dürfen, weil er nicht zulassen könne, eine so hübsche Frau schutzlos durch die Nacht ziehen zu lassen.
Sie hob den rechten Fuß nicht rechtzeitig und er verkeilte sich in einer Wurzel, die auf dem Weg von den Regenmassen, die in den letzten Tagen vom Himmel gefallen waren, freigelegt worden war. Johanna stürzte auf den aufgeweichten Boden.
Während sie fiel, hörte sie das Knacken in ihrem Knöchel.
Sie stöhnte auf. Er war gebrochen.
Ihre Kräfte schwanden bei dem Versuch, sich aufzurichten.
Seine Lippen hatten sanft ihre berührt und er hatte abgewartet, bis sie seinen Kuss erwiderte. Ein Mann mit Benehmen, hatte sie geglaubt und sich in seine Arme fallen lassen.
Plötzlich fluteten die Scheinwerfer eines Autos den dunklen Pfad und rissen sie aus ihren Gedanken.
Sie stützte sich auf den gesunden Arm und neigte ihren Kopf ins Licht.
Der Wagen kam direkt vor ihr zum Stillstand.
Johanna sah in die andere Richtung des Weges und kroch los, obwohl sie es wusste: Sie hatte keine Chance.
Sie hätte alles dafür gegeben, die Zeit zurückzudrehen.
Denn dann hätte sie auf ihre beste Freundin gehört und den letzten Bus nach Hause genommen.
Ein Weinkrampf übermannte sie. Ihr wurde klar, es würde keine Rettung für sie geben.
Sie hörte, wie er die Tür öffnete und ausstieg.
Als sie zu ihm hochsah, lächelte er.
Es war nur eine einzige Frage, die in ihrem Kopf umherschwirrte: Warum hatte sie die Gefahr nicht erkannt, die von ihm ausging?

Im Kindle-Shop: Rosalie

Mehr über und von Heike Handschuhmacher auf ihrer Website und auf ihrem Blog .

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