14. April 2016

'Azur: Wenn eine Diebin liebt' von Sabine Schulter

Jess ist die beste Traumdiebin des Landes und unter ihren Namen Azur fast zu einem Mythos aufgestiegen. Allerdings verabscheut sie das Stehlen und will lieber ein ganz normales Leben führen, wie jeder andere auch. Doch lässt Saphir, der Chef der Diebe, das nicht zu. Er hat sie in der Hand, entscheidet über ihr Leben und ihren Tod.

Jess hat das weitestgehend akzeptiert. Bis sie Cedric und seine Freunde Vincent, Julian und Leander kennenlernt. Die vier sind Behüter, die nur dafür zuständig sind, Traumdiebe zu fangen: also sie.

Doch die vier bieten ihr als Jess, nicht ahnend, dass sie eine Diebin ist, eine unvergleichliche Freundschaft an, die in ihr den Wunsch schürt, von der kriminellen Welt der Diebe fortzukommen. Vor allem als sie spürt, welche Anziehungskraft Cedric auf sie ausübt, zerbröckelt ihr altes Leben. Sie kann und will Cedric nicht entfliehen. Doch sie weiß ganz genau, dass sie kein Mitleid von ihm zu erwarten hat, wenn er herausfindet, dass sie eine Diebin ist.

Band 1 der Traumdieb-Dilogie.
Gleich lesen: Azur: Wenn eine Diebin liebt

Der zweite Band der Traumdieb-Dilogie "Azur: Eine Diebin bricht aus" ist bereits erschienen: Obwohl sich Jess den Behütern anvertrauen konnte, scheint gerade dieser Ausweg sie umso mehr in Gefahr zu bringen. Wenn Saphir erfährt, dass seine beste Diebin eine Verräterin ist, wird er nicht zögern, den Auslöser des Giftes zu betätigen ...



Leseprobe:
Als ich neben das Bett trete, das nur durch das wenige Laternenlicht vor dem Fenster erhellt wird, blicke ich auf den schlafenden Mann hinab. Er tut viel Gutes für diese Stadt und es ist mir zuwider, ihm seinen Traum zu stehlen. Aber ich habe keine Wahl.
Das zarte, goldene Leuchten um den Kopf des Mannes zeigt mir, dass er träumt. Nur Menschen mit meiner Begabung sind dazu fähig, diesen Schimmer überhaupt zu sehen und noch weniger besitzen das Geschick, die Träume auch zu stehlen. Sacht strecke ich meine Hand nach ihm aus und kaum, dass ich ihn berühre, entfaltet sich der Traum wie ein strahlender Film um mich herum, umhüllt mich mit seiner goldenen Herrlichkeit. Es ist ein guter Traum, von einem ruhigen Tag zusammen mit seiner Frau auf einer Wiese in der Sommersonne.
Kurz sehe ich zu und zertrenne dann die Verbindung zwischen Traum und Mann. Er regt sich kurz, schläft aber weiter. Der Traum bildet eine kleine Kugel vor mir in der Luft und ich greife sie mir, wodurch sie weltlich wird.
Jetzt muss ich mich sputen, denn wenn sich Behüter in der näheren Umgebung aufhalten, haben sie das Verschwinden des Traumes gespürt. Kein Geräusch begleitet meinen Rückzug und ein stolzes Lächeln versucht sich auf meine Lippen zu stehlen, als ich wieder auf die Feuerleiter klettere und das Fenster zuziehe. Aber ich unterdrücke es, denn noch bin ich nicht in Sicherheit.
Ich greife schon nach der ersten Sprosse, um über die Dächer zu flüchten, als ich eine Bewegung aus den Augenwinkeln sehe. Ohne zu zögern, katapultiere ich mich mit einer gewaltigen Kraftanstrengung mehrere Sprossen hinauf. Etwas prallt kurz unter meinen Füßen gegen die Leiter und fällt dann hinab in die kleine Gasse. Verdammt, sie sind schon hier!
Mein Blick schießt hinauf und findet zielsicher auf dem Dach des gegenüberliegenden Hauses einen Mann stehen. Er ist kaum zu erkennen gegen den nachtschwarzen Himmel, aber er blickt eindeutig auf mich herab. Im Gegensatz zu mir ist er unverhüllt und seine Körperhaltung zeugt davon, wie ungehalten er darüber ist, dass er mich verfehlt hat. Auch bei dem wenigen Licht erkenne ich, dass er jung ist, höchstens so alt wie ich. Gespannt, zu was er bereits in der Lage ist, klettere ich die Leiter weiter hinauf, so schnell, dass auch das zweite Seil, das mich binden soll, nutzlos gegen die Leiter schlägt. Diesem Behüter zu entkommen, sollte ein Kinderspiel sein.
Womit ich mich jedoch wieder irre, ein weiteres Mal in dieser Nacht.
Denn kaum erreiche ich das Flachdach, als ich auch schon einem zweiten Behüter ausweichen muss. Scheinbar will mir dieser den Weg über die Dächer abschneiden, weshalb ich vermute, dass unten auf der Straße ein dritter wartet. Eiligst rolle ich zur Seite ab, als starke Hände nach mir greifen. Nur um Millimeter verfehlt er den dunklen Stoff meines Mantels, setzt mir aber sofort nach. Er muss erfahrener sein als sein Freund auf dem anderen Dach, der fernbleibt, wohl um zu verhindern, dass ich einfach das Gebäude wechsele. Aber so einfach will ich es ihnen nicht machen.
Kurz blicke ich über meine Schulter zu dem Behüter, um seine Stärke, Schnelligkeit und Hartnäckigkeit abzuschätzen. Auch er ist jung, höchstens Mitte zwanzig, aber groß und athletisch gebaut. Erstaunlich schnell folgt er mir, trotz der verstärkten Kleidung und dem schweren Gürtel, an dem allerhand Gerätschaften hängen. Seine braunen Haare sind leicht gelockt und fallen ihm ein wenig in die braunen Augen, die mich mehr als entschlossen anblicken.
Er gibt nicht so leicht auf, das ist mir jetzt schon klar, aber so wird das Spiel nur aufregender. Denn die kleinen Kämpfe gegen die Behüter machen im Gegensatz zu den Diebstählen durchaus Spaß. Verwundert entdecke ich an meinem Gegenüber sowohl eine gepiercte Augenbraue als auch einen Ring an seiner Unterlippe. Das ist gewagt, wenn man gegen Diebe kämpft, die im Notfall jede Schwachstelle für sich nutzen. Irgendwie gefällt mir das.
Er setzt mir nach und wieder weiche ich zurück, entschlüpfe seinen Fingern so, dass ich ihn weg von der Dachkante und somit von seinem Partner auf dem anderen Dach locke. Überraschend macht er einen Ausfall und fegt mir fast die Füße weg, doch ich kann mich mit einem Rückwärtssalto aus seiner Reichweite bringen.
„Du entkommst mir nicht“, knurrt er.
„Wieso bist du davon so überzeugt?“, frage ich und überrasche ihn damit. Normalerweise antwortet ihm wohl kein Dieb.
Er bleibt mir allerdings eine Antwort schuldig und greift lieber an. Erneut weiche ich ihm aus – auch wenn es dieses Mal etwas knapp ist – und springe auf die breite Brüstung des Daches, als ich die andere Seite erreiche. Die Reklame eines bekannten Handyanbieters beleuchtet uns und als der Behüter die markante Farbe meiner Kontaktlinsen sieht, erstarrt er für eine Sekunde. Mit mir hat er scheinbar nicht gerechnet, denn seine Lippen bilden überrascht meinen Namen.
„Azur!“
Bevor er sich fängt, lege ich mir den Zeigefinger an die Lippen und zwinkere ihm zu. Ehe er reagieren kann, lasse ich mich nach hinten in den Abgrund der Straßen fallen. Mit einem Keuchen eilt der Behüter ebenfalls an den Rand, doch hat er nicht das spezielle Gerät dabei, um mir folgen zu können. Im Fall ziehe ich eine kleine Pistole hervor, ziele auf die Häuserecke gegenüber und drücke ab. Ein kleiner Haken schießt hervor, verkeilt sich in der Wand und hält meinen Sturz auf. Fest kralle ich meine Finger um die Waffe, die mir durch die Wucht fast entrissen wird, und schwinge um die nächste Ecke. Gekonnt komme ich auf dem Asphalt der Straße auf und renne sogleich weiter. Mit einem leisen Lachen verschwinde ich in der Nacht.

Im Kindle-Shop: Azur: Wenn eine Diebin liebt

Mehr über und von Sabine Schulter auf ihrer Website.

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