25. April 2016

'Ich liebe dich zu hassen' von Leon Herz

Wer hat es nicht schon einmal erlebt: Die Trennung von einem geliebten Menschen, der einen verlassen hat. Eine Situation, die man nicht begreifen kann, die man nicht begreifen möchte. Der Protagonist in diesem Buch kann damit nicht leben. Er beschließt sich zu rächen und sucht wahllos eine Frau aus, die er als Symbol für sein Leiden einsetzt. Er beginnt sie zu stalken und ihr nachzustellen. Doch irgendwann möchte er mehr. Er möchte sie leiden sehen.

Dieser Psychothriller ist für Minderjährige und Menschen, die verstörend auf psychische und körperliche Erniedrigung reagieren, nicht geeignet.

Gleich lesen: Ich liebe dich zu hassen: Psychothriller



Leseprobe:
Wie durch einen Schleier bemerke ich, dass etwas nicht stimmt. Mein Körper scheint schweißgebadet zu sein, und ich versuche mich zu orientieren. Der Traum in meinem Kopf löst sich langsam auf, verflüchtigt sich und ist nun nichts mehr, als eine schwache Erinnerung. Ich halte die Augen geschlossen und lausche den Geräuschen, die von der Straße her an mein Ohr dringen. Es sind die gleichen, wie jeden Morgen und ich kenne sie beinahe auswendig, wie sie sich in aller Hektik ihren Weg zu mir bahnen. Der Fülle der Geräusche nach und durch das schwache Schimmern, welches sich durch meine geschlossenen Augen bemerkbar macht, schließe ich, dass es annähernd Mittag sein muss. Auch im Hausflur ist schon Leben erwacht, und ich frage mich, wer sich die Mühe macht den Tag zu begrüßen, der Sonne entgegenzugehen und es nicht genießt, die erste Hälfte des Tages zu verschlafen. Wie sollen sie auch wissen, was es heißt, sich gefangen zu fühlen. Gefangen von den eigenen Gedanken. Banale und unnütze Gedanken werden sie haben. Jene, die sich Sorgen machen, was heute zum Essen auf dem Tisch kommen würde, wie sie vor lauter Stress ihr Kind vom Sport abholen, oder wann sie es heute am besten einrichten könnten, Sex zu haben.
Ich brauche keinen Terminkalender nach dem ich mein Leben plane. Die einzige Notiz, die ich für wichtig erachten würde wäre die, dass es in 10 Stunden wieder dunkel wird und ich mich wieder meinen Träumen hingeben kann. Ich öffne endlich die Augen und erkenne, aber keinesfalls zufrieden, dass ich ungefähr Recht habe mit meiner Annahme.
Ich schaue nach rechts zu meinem einzigen Nachttisch, auf dem sich wieder der Müll der letzten Nacht angesammelt hatte. Eine leere Schokoladenschachtel. Die Schokoladenpapiere liegen wie immer, wenn ich mich im Bett dieser Leidenschaft hingab, wahllos auf den Boden geschmissen, die nun zwei Flaschen Bier sanft umkreisen. Mein Blick sucht den Wecker und nach einiger Zeit entdecke ich ihn zwei Meter von mir entfernt auf dem Boden liegend, da ich ihn morgens gegen die Wand katapultiert hatte, wie es mir jetzt wieder dämmert.
Es muss Samstag sein, denn dieses Ritual vollziehe ich jeden Samstag. Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen, ihn am Vorabend zum Wochenende auszuschalten. Es kümmert mich wenig, dass er nun nicht mehr funktionieren könnte. Es ist mir im Grunde genommen egal. Genauso egal, wie es jetzt 11 Uhr ist. Ich schließe meine Augen und gebe mich erneut den vertrauten Geräuschen der Welt außerhalb von meinem Schlafzimmer hin. Ich beiße mir auf die Zähne. Eine Wut kommt in mir hoch, die ich so verabscheue, wie meinen Wecker am Samstagmorgen um 6 Uhr. Nein, noch mehr. Noch viel mehr.
Ich bemühe mich nicht, diese Wut zu zähmen, sie zu beherrschen. Ich lasse sie entstehen und genieße sie einen kleinen Augenblick. Etwas später bildet sich eine Träne unter meinem rechten Augenlid und bahnt sich ihren Weg nach draußen in die Welt. Ich wische sie nicht weg, sondern warte, ob sie vielleicht noch an Stärke zunimmt. Sie wird größer und wandert nun langsam und unaufhörlich meine Wange herunter. Ich warte und hoffe, dass sie meinen Mundwinkel erreichen würde, damit ich empfinden kann, wie salzig und schlecht sie schmeckt.
Tatsächlich schaffe ich es, sie mit meiner Zunge einzufangen, nehme sie behutsam in meinen Mund, vermische sie mit meinem Speichel und spucke sie mit aller Kraft, die ich aufbringen kann, wieder aus. Als nächstes zieht sich mein Mund zusammen, der sich leicht zu kräuseln beginnt. Aus Wut wird Hass, und ich kann nichts dagegen tun. Ich ertrinke in diesem Gefühl, denn nur in diesem einen Gefühl, fühle ich mich stark. Nicht so verletzlich und schwach, wie ich mich sonst immer sehe. Ich möchte stark sein und die Schwäche vernichten, so wie die Nacht die Sonne besiegt. Aber so, wie auf den Mond wieder die Sonne den Tag beherrscht, so sinkt meine Stärke und eine weitere Träne will das Licht der Welt erblicken. Ich weiß und fühle es, dass es an der Zeit ist, die Augen zu öffnen.
Ich wage erneut einen kleinen Spalt, der sich von Sekunde zu Sekunde vergrößert und erkenne schließlich, dass der Wecker immer noch auf seinem Platz auf dem Boden liegt. Alles ist so wie immer und genau das macht mir Angst. Ich sträube mich noch, möchte nicht nach links schauen. Möchte nicht die klare und harte Gewissheit haben, nur geträumt zu haben. Ich hasse diesen Blick nach links. Ich hasse ihn so sehr, dass ich auf meine Knöchel schaue und mir bewusst wird, dass ich sie mir schon oft blutig gebissen habe, nur um diesen Blick hinauszuzögern.
Doch ich muss wissen, ob es ein Traum war, oder die ernüchternde Realität. Im Traum war ich glücklich und sah mich als einen zufriedenen Mann, der keine Sorgen kannte. Ich fühlte mich geborgen, so wunderbar warm. Spürte eine Nähe, die mich unbesiegbar machte. Diese Tränen, die sich vor Glück bildeten, schmeckten süß, viel süßer als Schokolade, sinnlicher und besser, als das schönste Essen. Ich blicke nach links und meine zweite Träne wächst an zu einem Meer. Einem Meer der Enttäuschung, welches schwärzer ist, als die dunkelste Nacht. Mein Bett zu meiner Linken ist leer und unbenutzt. Keine Wärme breitet sich von dieser Seite aus und zunächst bin ich ganz ruhig. So ruhig, wie ein Vulkan, in dem es aber brodelt. Mein Zorn entlädt sich, wie heißes Magma, das aus einem schlafenden Vulkan tritt. Ich balle meine Hand zu einer Faust und schlage auf das unbenutzte Kopfkissen ein. Mit aller Kraft, die ich aufbringen kann. Immer wieder flammt mein Zorn auf, bis ich nichts mehr fühle, außer meiner unbändigen Wut voller Zerstörung. Dabei schreie ich und es kümmert mich nicht, ob mich jemand hören könnte. Ich schreie und schlage so lange bis ich merke, dass keine Kraft mehr in meinem Körper vorhanden ist. Bis es scheint, dass alle Aggression, die ich aufbringen konnte, in dem unschuldigen verhassten Kopfkissen eingeschlossen ist. Ich hasse es und doch bin ich ein wenig erleichtert, es so zugerichtet neben mir liegen zu sehen. Für mich ein alltäglich gewordener Tagesbeginn.

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