19. April 2016

'Jagd auf den Inselmörder. Usedom-Krimi' von George Tenner

Als Ilsa Buschmann im Juni 2002 wie an jedem Morgen nach der Ermordung ihrer Enkelin am Auffindungsort der Leiche sitzt, wird wieder eine Leiche an Land gespült. Bei der Betrachtung des Toten stellt sie fest, dass er die gleiche grausame Kennzeichnung trägt wie ihre Enkelin Lena – beide Ohren sind abgeschnitten. Und beide Leichen waren so gesichert, dass ein Abtreiben auf die offene See unmöglich war.

Obwohl die Ermittlungen nach dem Mörder des Mädchens bisher ergebnislos verlaufen sind, fasst die alte Frau jetzt Hoffnung, dass die Suche nach der menschlichen Bestie wieder aufgenommen wird. Hauptkommissar Lasse Larsson, der sich, erbschaftsbedingt und nach der Trennung von seiner Lebensgefährtin, aus Berlin nach Anklam in Mecklenburg-Vorpommern versetzen ließ, übernimmt die Ermittlung im Fall der männlichen Wasserleiche. Schnell stößt er auf eine Verbindung zu dem zwei Jahre zuvor ermordeten Mädchen. Doch die Ermittlungen gestalten sich schwieriger, als er sich das vorgestellt hatte.

Kam der Täter aus der Region? War es der Mann mit dem Schifferklavier? Larsson stößt auf die Beziehungen einiger Verdächtiger zur rechten Szene. Und da ist noch etwas, das ihn irritiert: Es fällt der Name Ilsa Buschmann …

Gleich lesen: Jagd auf den Inselmörder. Usedom-Krimi. Lasse Larssons erster Fall

Leseprobe:
Morgendunst hing über der See. Es würde noch einige Zeit dauern, bis eines der weißen Schiffe der Adler-Reederei hier anlegte.
Seit ihre Enkelin vor zwei Jahren an dieser Stelle tot aufgefunden wurde, kam die Frau wie an jedem der vergangenen Tage zur Seebrücke, um ihrer zu gedenken. Irgendeine Bestie hatte das siebzehnjährige, schlanke, blonde Mädchen brutal umgebracht. Es war kein Sexualmord wie ursprünglich angenommen. Der Täter musste Handschuhe getragen haben; so sehr sich die Gerichtsmediziner auch gemüht hatten, irgendeine Spur zu finden – weder ein Fingerabdruck noch eine DNA konnten sichergestellt werden.
Die Frau war groß, lief leicht nach vorn gebeugt und zog ein wenig das rechte Bein nach, ein Andenken an den Verlust des großen Zehs, der vor vielen Jahren im Gefängnis amputiert worden war. Sie setzte sich auf eine der Bänke.
Im Hintergrund lag die polnische Küste; eine Mole, vor der die großen Schiffe vor der Einfahrt in den Hafen nach Swinemünde oft warten mussten, bis die Lotsen an Bord waren, ließ sich nur schemenhaft erahnen. Die Arme der Kräne leuchteten gelb in der aufgehenden Sonne.
Das Restaurant, ziemlich am Ende der Brücke, war um diese Zeit noch geschlossen. Der Rundbau mit seinem metallenen Zeltdach gab eine interessante Kulisse vor dem nur mit leichten Kumuluswölkchen versehenen blauen Himmel ab.
Die Frau schaute nach Westen, sah in einiger Entfernung die Seebrücke Bansins liegen. Dicht vor ihr im Wasser beobachtete sie die Vögel, die auf den hölzernen Resten der alten Seebrücke saßen. Eine Vielzahl Möwen, ein großer, grauer Bursche, den sie für einen Graureiher hielt, und einige Rabenvögel.
Die Dünungswellen liefen auf das Land zu, tauchten die fragilen Hölzer mal mehr, mal weniger tief unter. Eine der Möwen wurde plötzlich vollständig überspült, schüttelte sich ärgerlich, als sie wieder aus dem Wasser hervorkam, flog einige Meter, um dann zurückzukehren und sich auf einem anderen, weiter aus dem Wasser ragenden Pfahl niederzulassen. Der Verfall der Hölzer faszinierte die Frau, erinnerte er sie doch jeden Tag, an dem sie herkam, an die Vergänglichkeit auch des eigenen Lebens.
Wenig später sah sie den Mann mit dem Fahrrad, der während der Sommermonate an jedem Tag hier anzutreffen war. Aus dem nahen Polen kommend, schleppte er auf dem selbst gebauten, großen Gepäckträger des Rades ein riesiges Akkordeon aus deutscher Vorkriegsproduktion mit sich, packte es sehr vorsichtig aus, um es um Gottes willen nicht zu beschädigen, und fing sofort zu spielen an. Er spielte gut.
Während die Frau sich meist von den Fremden, die an der Küste ihre Ferien verbrachten, gestört fühlte – sie hasste Menschen, und hätte Moliere nicht schon seinen Menschenfeind geschrieben, wäre sie die ideale Vorlage für dieses Theaterstück gewesen –, fühlte sie sich von dem Mann, der mindestens dreißig Jahre jünger war als sie, angezogen. Die Musik, die er spielte, war melodisch; sie erinnerte sie an die Zeit, als Gerhard Wendland mit seiner weichen Stimme die Herzen der Frauen eroberte, auch ihr eigenes. Tanze mit mir in den Morgen, tanze mit mir in das Glück!
Sie schaute zu dem Mann, der einige Meter weiter auf der anderen Seite der Scheibe saß, die die Brücke mittig teilte, um den Menschen Schutz zu geben, gleich ob der Wind aus Osten oder aus dem Westen von Bansin her blies. Kamen die Windstöße ablandig, so schützte der große Vorbau mit den vielen Einkaufsmöglichkeiten – von der Stadtbäckerei Junge, die mit leckerem Kuchen aufwartete, über den Teeladen und die Modeboutiquen bis zu den im Obergeschoss angelegten Appartements für Feriengäste. Auch an den Nordwind hatte man gedacht; das Restaurant am Ende der Brücke fing ihn ab.
Der Pole saß mit dem Blick auf sein Heimatland und versuchte, mit seinen in der Jugend erlernten Fähigkeiten, das Akkordeon zu spielen, seine Familie zu ernähren. Es war ein Kampf ums Überleben, den es jeden Tag neu zu gewinnen galt. Er liebte das Spiel, und er kannte den Geschmack der Gäste, die mit ein wenig sentimentaler Musik erfolgreich zum Geben animiert werden konnten.
Die Frau stand auf. Sie ging zu dem Musikanten hinüber. Er kannte sie schon, und ein freundliches Lächeln huschte über sein Gesicht, während sie einen Euro bespuckte und in seinen offenen Akkordeonkasten warf.
„Handgeld ...“, sagte sie und zwinkerte ihm zu wie einem alten Verbündeten. „Die Touristen werden sehen, dass Sie schon bedacht worden sind, und möglicherweise wird das ihrer Bereitschaft zu geben, förderlich sein!“
„Danke!“ Der Mann griff wieder in die Tasten.
Es war eine eingefahrene Zeremonie, die sich allmorgendlich und nur mit geringen Änderungen in der Wortwahl wiederholte.
Wenig später saß die Frau wieder auf der Bank und beobachtete die Vögel. In der auflaufenden Dünung sah sie einen länglichen Gegenstand auf die Holzreste der alten Brücke zutreiben.
„Hat wieder einer das Meer als Müllhalde benutzt“, murmelte sie leise vor sich hin.
Mit jeder auflaufenden Welle wurde das Paket näher herangebracht. Kurz bevor es die Möwen erreichte, schien es sich an den Haken der Angeln verfangen zu haben, die die Fischer des Ortes vor und zwischen den Hölzern ausgelegt hatten und die durch schwarze und rote Fähnchen an kleinen Bojen befestigt waren; diese kleinen Flaggen schwammen warnend für die Schifffahrt – Berufsfischerei, Netze nicht zerreißen – und waren gleichermaßen Warnung für die Badenden, die sich an den scharfen Haken der Angeln verletzen konnten. Jedenfalls bewegte sich der Gegenstand nicht weiter auf das Land zu, vielmehr tauchte er unter wie zuvor die Möwe und kam, wenn das Tal der Welle das Bündel erreichte, wieder an die Wasseroberfläche zurück. Plötzlich schien er wieder losgekommen zu sein, denn nun wurde er mit der nächsten Dünung wieder in Richtung Land getrieben und blieb an den Hölzern hängen. Einer der Rabenvögel, der dem Bündel am nächsten war, hackte aufgebracht darauf ein.
Die Frau stand auf und ging zum Geländer, um besser zu sehen, was das wohl für ein Paket sei.
Von der Landseite hörte sie das Summen des Elektrokarrens, der wie jeden Morgen Waren für das Restaurant Nauticus auf die Seebrücke brachte. Auch eine Familie mit zwei Kindern kam – für ihre Begriffe viel zu lärmend – auf sie zu.
Die Frau erschrak, als sie ausmachte, dass das treibende Bündel ein Mensch war. Genau an dieser Stelle hatte man ihre Lena gefunden.
Inzwischen waren auch die Kinder, die laut vor den Eltern herliefen, herangekommen. Sie sahen den im Wasser treibenden, leblosen Körper und schrien: „Da schwimmt ein Toter! Papa, eine Leiche! ‘Ne Wasserleiche!“
Es klang der Frau in den Ohren wie der Jubelruf von Entdeckern; nichts Entsetztes, kein Mitleid, nur die Begeisterung der Kinder, etwas ganz Grauenhaftes aufgespürt zu haben, ohne das Furchtbare dieses Fundes zu erfassen.
Die Frau ging zu dem Musikanten. „Haben Sie’s gehört? Im Wasser treibt eine Leiche! Es wird hier bald von Polizisten wimmeln“, sagte sie. „Für Sie ist es sicher besser, wenn Sie für heute Schluss machen!“
Der Mann antwortete nicht. Er lächelte sie dankbar an, packte sein Akkordeon ein und machte sich davon.
Zwanzig Minuten später war alles anders. Die Ruhe des Morgens war vorbei. Eine Handvoll Schaulustiger, vom Geschrei der Kinder angezogen, drängte sich auf der Westseite der Brücke. Jeder wollte einen besonders guten Platz erhaschen.

Im Kindle-Shop: Jagd auf den Inselmörder. Usedom-Krimi. Lasse Larssons erster Fall

Mehr über und von George Tenner auf seiner Website.

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