13. April 2016

'Zum Freitod' von Manuel Krems

Ernie will sich mit Schlaftabletten das Leben nehmen. Da er die Tiere auf seinem Hof nicht ihrem Schicksal überlassen will, schneidet er ihnen vor dem 'Schlafen gehen' die Kehlen durch. Allerdings war die Dosierung seiner Medikation dilettantisch, nach einem Nickerchen ist er das blühende Leben, seine Tiere jedoch sind tot.

Davon unbeeindruckt steigt er in seinen Benz und begibt sich auf die Suche nach der perfekten Mauer. Als er diese gefunden geglaubt, reicht die Geschwindigkeit lediglich zu einem Totalschaden. Er steigt aus und steht vor dem Freitod, eine Kneipe deren Namen Programm ist: Männer, die wie er des Lebens überdrüssig sind. Männer, die den unsäglichen Fehler begehen ihm Eintritt zu gewähren …

Gleich lesen: Zum Freitod: Psychothriller



Leseprobe:
»Kannst du mir zu den Brandverletzungen nähere Angaben machen?«
»Nein, der Patient ist flüchtig.«
»Flüchtig?«
»Er ist auf der Flucht. Die Kollegen von der Polizei haben die Verfolgung aufgenommen.«
»Aber du hast gesagt, dass er brennt, wahrscheinlich mit Benzin übergossen?«
»Ja, er brennt wie ein Christbaum, das hinderte ihn aber nicht daran, dem ersten Polizisten, der ihm helfen wollte, eine Mistgabel durch den Oberschenkel zu rammen!«
»Mistgabel durch den Oberschenkel? Sag mal, soll das ein Scherz sein?«
»EIN SCHERZ! Hör ich mich an, als wollte ich scherzen?!«
»Aber das klingt völlig absurd.«
»Es ist mir scheißegal, wie es klingt, wäre ich rechtzeitig hier gewesen, würde diese Mistgabel in mir stecken!«
»Die Stichverletzung hast du aber vorhin nicht erwähnt.«
»Ein Kratzer.«
»Kratzer?«
»Eine Bagatelle, im Vergleich zu dem, was hier geboten ist.«
»Oh mein Gott.«
»Glaub mir hier sieht es aus, wie ... keine Ahnung, das kann man mit nichts vergleichen.«
»Aber bei Brandverletzungen müssen wir ...«
»Vergiss ihn, der rennt irgendwo im Wald herum - aus den Augen aus dem Sinn.«
»Aber er brennt!«
»Lichterloh, der dürfte in der Nacht nicht allzu schwer zu finden sein.«
»Du bist Rettungssanitäter! Du kannst nicht einfach ...«
»Ich kann! Der ist momentan unsere kleinste Sorge. Hier liegen genügend Schwerverletzte herum, die zu schwach sind, um sich gegen unsere Hilfe zu wehren.«

Neun Stunden zuvor

Vince träumte.
Er stand absprungbereit auf der Spitze des Ulmer Münsters. Was ihm im realen Leben unmöglich schien, war im Traum eine leichte Übung. Er nahm Anlauf und sprang in die Tiefe.
Der Wind blies günstig, trieb ihn hinaus, weg von der selbstmordunfreundlichen Bauweise des Ulmer Münsters, dem sicheren Tod entgegen. Keine Skulptur, kein Turm, kein Baugerüst - nichts und niemand konnte seinen Fall stoppen, seinen Tod verhindern. Vince genoss den Flug, er wedelte mit den Armen und schnitt Grimassen im Wind. Alles war so unverkrampft, es machte einfach nur Spaß; und bevor es ihm langweilig werden konnte, näherte sich der Münsterplatz unaufhaltsam - das Timing war perfekt. Es war nicht sein erster Flug, in etlichen albtraumhaften Varianten zuvor war er auf unschuldigen Passanten gelandet und erst viel zu spät schweißgebadet wieder aufgewacht - aber diesmal nicht. Er wusste es, bevor er es sah, er fühlte es. Alles passte zusammen: Das Wetter war beschissen, seine Laune war beschissen und er hatte so richtig Bock zum Sterben. Niemand stand zwischen ihm und seinem Tod; da waren nur er, Beton und die richtige Geschwindigkeit. Wenige Augenblicke vor dem Aufschlag schloss er die Augen; dann starb er. Er harrte noch einen Moment aus, genoss die Stille seines Todes, ehe er die Augen wieder öffnete.
Vince lag auf dem Sofa. Es war Abend, aber die Sonne schien noch. Die Arbeitswoche lag hinter ihm und zwei freie Tage standen bevor. Er mochte seine Arbeit nicht, wer tut das schon? Die Freizeit mochte er auch nicht, wegen der Langeweile, wegen der Sinnlosigkeit. Heute jedoch blickte Vince positiv dem Wochenende entgegen.

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Mehr über und von Manuel Krems auf seiner Website.

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