11. Mai 2016

'Der Taugenichts' von Heidrun Böhm

Die Autorin schildert am Anfang dieser Geschichte ihr Kindheitserlebnis mit ihrem Vater. Als sie neun Jahre alt war, hat sie ihn zum ersten und einzigen Mal in ihrer Kindheit gesehen. Erst als sie erwachsen war, lernte sie ihren Vater wirklich kennen. Die Geschichte, die ihr ihre Mutter später über ihre Ehe erzählte, hat sie nun niedergeschrieben. Es ist die Geschichte, einer mutigen Frau, die ihre Kinder vor einem Taugenichts bewahren wollte.

Mama hatte eine wichtige Arbeit im Krankenhaus. Sie arbeitete im Büro und war die Ernährerin der Familie, was Ende der fünfziger Jahre noch nicht alltäglich war. Für mich war das selbstverständlich, ich kannte es nicht anders. Einen Vater hatte ich nicht. Zumindest wurde nicht über ihn geredet.

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Leseprobe:
Die Frau war alt, sie hatte graue gelockte Haare blauen Augen und ein Gesicht, in dem sich viele Falten wie ein Spinnennetz ausbreiteten. Ihr Nachname war Seitz. An ihren Vornamen kann ich mich nicht erinnern.
Mama sagte: „Für dich heißt sie Frau Seitz.“ Und wenn Mama das sagte, war es unumstößlich. Das Haus, in dem Frau Seitz mit ihrem Mann wohnte, war ein altes schiefes Eckhaus, direkt an der Hauptstraße, nicht weit von unserer Wohnung entfernt.
Wenn der Kindergarten zu Ende war, holte Frau Seitz mich ab und nahm mich mit zu sich nach Hause. Dann spielte ich dort mit meiner Puppe oder mit meinem Teddybären.
Später, wenn Mama Feierabend hatte, holte sie mich bei Frau Seitz ab.
Mama hatte eine sehr wichtige Arbeit im Krankenhaus. Sie arbeitete im Büro und war die Ernährerin der Familie, was Ende der fünfziger Jahre noch nicht alltäglich war. Für mich war das selbstverständlich, ich kannte es nicht anders. Einen Vater hatte ich nicht. Zumindest wurde nicht über ihn geredet.
Aber ich hatte einen Opa, der offenbar verhindern wollte, dass ich verhungere.
Ich war ein mageres Kind, und er verlangte von mir, den Teller stets bis zur letzten Kuttel leer zu essen. Kutteln mochte ich nicht. Lieber mochte ich die kleinen Schokoladetafeln, die ich nur selten bekam, und die Opa in den Taschen seiner weiten Hosen verbarg.
Opa arbeitete beim Wach und Schließdienst. Das war auch eine wichtige Arbeit. Er erklärte mir, seine Hosentaschen seien weit, da er darin die Schlüssel aufbewahren musste. Mit den Schlüsseln musste er abends die Fabriktore abschließen, damit kein Einbrecher in die Betriebe kam.
Wenn er mit der Arbeit fertig, und alle Türen verriegelt waren, holte er mich mitunter bei Frau Seitz ab. Hatte er sein Gehalt bekommen, ging er mit mir zum Bahnhofskiosk und kaufte mir eine kleine Tafel Schokolade. Sie war in dunkelrot glänzendem Papier mit einer goldenen Aufschrift verpackt. Das Papier bewahrte ich auf, und legte es ans Fenster im Kinderzimmer, des alten Hauses in dem wir wohnten. Es glitzerte wenn die Sonne darauf fiel.
Das gefiel mir. Als ich sechs Jahre alt war, zogen wir um in ein neues Haus, in dem wir uns alle wohlfühlten. In der Schule wurde mir hin und wieder die Frage gestellt: „Was macht dein Vater?“ Ich antwortete so, wie meine Mutter und Opa es mir erklärt hatten: „Ich habe keinen Vater.“ Meist war die Angelegenheit damit erledigt, und ich dachte nicht länger darüber nach. Bis zu jenem Tag, an dem ich nach dieser lästigen Frage wieder meine gewohnte Antwort abgab, und eine Klassenkameradin empört sagte: „Das gibt es nicht, jeder Mensch hat einen Vater.“ Ich wusste nicht, was ich mit diesem Hinweis anfangen sollte, und entschied mich, mit Mama darüber zu reden.
Mama wusste alles, Mama konnte alles. Wenn sie Zeit hatte, würde sie mir gewiss erklären was das bedeutete. An diesem Tag stritten Mama und Opa, als ich nach Hause kam. Sie standen sich in der Küche gegenüber. Opa brüllte: „Du wirst dich nicht mit ihm treffen! Was will er hier bei uns? Du weißt doch, dieser Taugenichts will nur unser Geld. Er hat erfahren, dass wir ein eigenes Haus haben, er denkt, wir sind vermögend. Er begreift nicht, dass wir nun Schulden haben. Er wird dich wieder belügen und betrügen, wenn du dich mit ihm einlässt!“
Mama nahm ihre Jacke von der Garderobe, und ging ohne zu antworten zur Haustür. Ich hatte Angst, große Angst. Wohin wollte Mama? Was war passiert? Warum war Opa so wütend? Mama sollte zu hause bleiben, so wie sie es jeden Tag tat! Ich wollte nicht alleine sein, mit meinem Opa, dessen Gesicht wutverzerrt war.
„Mama nimm mich mit!“ kreischte ich. Opa versuchte, mich zurückzuhalten, aber ich war schneller. Ich drückte mich durch die Tür, rannte hinter Mama her. Als meine Mutter begriff, dass sie mich nicht abschütteln konnte, nahm sie mich bei der Hand und sagte: „ Nun haben wir beide ein Geheimnis, Aber das darfst du niemanden verraten, weder dem Opa noch deinem Bruder. Wir treffen uns mit deinem Vater.“

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