21. Mai 2016

'Vergessen? Ach wo!: Ein phantastisches Sammelsurium' von Ruth M. Fuchs

Wenn das ganz normale Leben auf die Welt der Elfen, Hexen und Kobolde trifft, liegen Alltägliches und Unglaubliches oft ganz nah beieinander.

In siebzehn Erzählungen zeigt Erkül-Bwaroo-Chronistin Ruth M. Fuchs, dass nicht nur der schrullige Elfendetektiv ihre Phantasie beflügeln kann: Ob nun eine Prinzessin mit Handy und Limousine sich eines Riesens erwehren muss, eine Badewanne ein Geheimnis hütet, ein Ökobestatter einen Kobold trifft, der Kühlschränke liebt oder eine Hexe einen Staubsauger zum Fliegen bevorzugt – der unverwechselbare Humor der Autorin entführt uns in zum Teil sehr moderne Fantasywelten und zeigt, dass das Genre viel mehr zu bieten hat, als epische Kämpfe und Weltenrettung.

Gleich lesen: Vergessen? Ach wo!: Ein phantastisches Sammelsurium


Leseprobe:
Siegfried besah sich stirnrunzelnd die Reihe Bücher vor ihm. Was er sah, gefiel ihm gar nicht. Nein, ganz und gar nicht. Er schwebte ein wenig höher. Aber auch hier sah es keinen Deut besser aus. Sorgenvoll schüttelte Siegfried den Kopf und seufzte abgrundtief.
„Was mach ich bloß, was mach ich bloß“, murmelte er, während er sanft wieder abwärts schwebte.
„Was ist denn los?“ Thaddäus kam hinter dem nächsten Regal hervor und setzte sich vor Siegfried auf die Hinterbeine. Neugierig blickte er zu ihm auf.
„Du siehst gar nicht gut aus“, stellte er kritisch fest. „So bleich und durchsichtig warst du noch nie! Da muss ja etwas Furchtbares passiert sein.“
„In der Tat“, nickte Siegfried. „Die Bücher wollen gelesen werden.“

Bücher wollen natürlich immer gelesen werden. Das ist der Sinn und Zweck eines Buches. Und um zu ermöglichen, dass viele Bücher von vielen Leuten gelesen werden, gibt es Bibliotheken. So wie diese, in der Siegfried lebte. Oder besser nicht lebte, denn Siegfried war tot. Er war sein Leben lang in dieser Bibliothek gewesen, die einst sein Großvater verwaltet hatte, bis dieser in Rente ging und Siegfried seine Arbeit übernahm. Zwischen den prächtig geschnitzten Regalen und den Büchern war er alt geworden. Hier war er eines Abends auch gestorben. Und dann hatte sein Geist es nicht fertig gebracht, sich von diesem ihm so lieben Ort zu trennen und er war einfach geblieben.
Dann hatte man aus dem Schloss, zu dem die Bibliothek gehörte, ein Museum gemacht und nun las keiner mehr in den Büchern, sondern starrte sie nur an, wenn mal wieder eine Touristengruppe durchgeführt wurde. Nur hin und wieder kam vielleicht mal ein ganz besonderer Mensch, der dann weiße Baumwollhandschuhe überzog, bevor er eines der Bücher auf den Lesetisch hob und ehrfürchtig darin blätterte. Aber das war viel zu selten der Fall und manche Bücher waren schon Jahrzehnte nicht mehr aus ihren Regalen gekommen. Das machte sie unzufrieden.
Siegfried hörte sie flüstern und klagen und sein Herz blutete. Wenn ein Buch besonders weinte, hob er es herunter und las selbst darin. Oder er legte es Thaddäus hin, damit der es las. Denn Thaddäus war eine Leseratte. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er war ein stattliches Exemplar von einer Ratte, schlank, mit silbergrauem Fell und zartrosa Pfoten. Auch das Näschen war rosa. Und der Schwanz. Dass Ratten unbehaarte Schwänze haben, machte Thaddäus sehr zu schaffen. Er fand es nicht nur unschön, sondern richtiggehend peinlich. Sein Schwanz war ihm sogar so unangenehm, dass er sich, wann immer es möglich war, darauf setzte, damit er nicht gesehen werden konnte.
Thaddäus war ein eifriger und hingebungsvoller Leser. Jedes Buch, das er las, fühlte sich gleich besser. Auch Siegfrieds Lektüre schenkte den Büchern Wohlbehagen. Aber bei Tausenden von Büchern standen die beiden letztlich doch auf verlorenem Posten.
Siegfried konnte spüren, wie die Stimmung der Bücher immer trübseliger wurde und er konnte es auch sehen. Denn jedes Buch besaß eine Aura. Die von zufriedenen Büchern schimmerte in warmen Farben von Gelb bis zu hellem Rot. Doch nun verloren die Auren an Glanz, wurden blau, grünlich, grau oder drifteten gar in Richtung Schwarz. Natürlich holte Siegfried letztere sofort aus dem Regal und begann zu lesen, aber es wurden immer schneller immer mehr. Er musste sich eingestehen, dass er und Thaddäus nicht mehr nachkamen.
Wäre es möglich gewesen, dass Geister weinen, Siegfried hätte bittere Tränen vergossen. Er liebte diese Bücher in ihren Leder- und Leineneinbänden, die schlichten genauso wie die mit Goldschnitt, mit handschriftlichen Vermerken, in Frakturschrift oder mit Bildern geschmückt. Und egal ob Folio-, Quart-, Oktav-, oder Sedezformat – jedes einzelne Buch hatte einen Platz in Siegfrieds Herzen.

„Ach, Thaddäus, wir werden sie verlieren“, seufzte Siegfried eines Tages, als er wieder einmal in seinem Lesesessel saß und ein Buch mit fast schwarzer Aura auf dem Schoß hielt. „Ich weiß mir keinen Rat mehr. Schon bald wird eines dieser wunderbaren Bücher sterben und zu Staub zerfallen. Und wir werden es nicht verhindern können.“
„Kopf hoch, Sigi!“ Die Ratte hatte es sich mit einem ähnlich betrübten Buch auf dem Tischchen neben dem Sessel bequem gemacht. „Wir dürfen nicht aufgeben. Wir müssen einfach noch schneller lesen.“
„Mach dir nichts vor. Zwei Leser sind zu wenig. Wir brauchen Hilfe. Kannst du nicht ein paar deiner Verwandten bitten ...“
„Das wird nichts bringen.“ Thaddäus begann, verlegen mit dem Fell auf seinem Bauch zu spielen. „Es ist nämlich so, dass ich, nun, um genau zu sein, etwas aus der Art geschlagen bin.“
„Lesen die anderen Ratten nicht gern?“ Siegfried war erstaunt. Es wollte ihm schon zu Lebzeiten nicht recht eingehen, dass es Wesen gab, die nicht gerne lasen.
„Na ja, eigentlich ist es sogar so, dass sie ...“ Thaddäus war diese Sache sogar noch peinlicher als sein rosa Schwanz, „genaugenommen überhaupt nicht lesen können. Ich habe wirklich alles versucht, es ihnen beizubringen“, beteuerte er sofort mit Nachdruck. „Aber irgendwie war die Frage, wo es was zu fressen gibt, immer viel wichtiger ...“
„Ich verstehe“, sagte Siegfried und machte dabei ein Gesicht, als ob er überhaupt nichts verstand. „Oh edler Herr, wenn es gestattet, zu solch später Stunde Euch zu stören ...“
Siegfried und Thaddäus fuhren beide erschrocken herum. Aus dem Schatten des Bücherregals für Romane trat ein Mädchen hervor. Sie trug ein bodenlanges Kleid aus burgunderfarbenem Samt mit geschlitzten Ärmeln und mit Stickereien aus Goldfäden verziert. Darunter war ein beigefarbenes Unterkleid aus feinstem Leinen sichtbar. Ihr dunkles Haar wurde hinten von einer kleinen, goldgewirkten Kappe zusammengehalten und fiel ansonsten lose bis zu ihrer Taille herab. Sie war blutjung und strahlend schön.
Zutraulich kam sie näher heran und lächelte Siegfried zu.
„Bitte vergebt mir, wenn ich so kühn die Frage wage: Ist Euch Romeo bekannt? Aus dem Hause Montague? Wenn Ihr es wisst, sagt an, wo sein Verbleib, edler Herr und edle ...“ Das Mädchen zögerte, als es Thaddäus betrachtete. „Ratte? Für wahr, eine Ratte! Iiiiiigitt!“
Mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen wich es zurück.
Thaddäus erlebte eine solche Reaktion nicht zum ersten Mal. Trotzdem erschrak er seinerseits zutiefst. Hastig vergewisserte er sich, dass sein Schwanz nicht zu sehen war und kauerte sich dann zusammen in dem verzweifelten Versuch, so auszusehen, als sei er nur eine niedliche kleine Maus.

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Mehr über und von Ruth M. Fuchs auf ihrer Website.

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