30. Juni 2016

'Kampfstoff: Parasiten' von Albert Karer

Die Dresdner Polizisten Sabine Lemko und Chris Engel ermitteln in einem Mordfall, der immer größere Kreise zieht: von einer Forschungsanlage in Sachsen bis zu einem geheimen Labor bei Aleppo in Syrien. Eine Spur führt zum Parasiten-Experten Andy Kuhl in Konstanz. Der legt nicht alle Karten auf den Tisch und wird bald gründlich von seiner Vergangenheit eingeholt. Als ein Anschlag auf Deutschland bekannt wird, muss er sich entscheiden: Hält er sich heraus oder setzt er alles aufs Spiel?

Gleich lesen: Kampfstoff: Parasiten







Leseprobe:
Montag, 28. Juli 2014

„Feigling!“
„Ich bin kein Feigling.“
„Bist du doch!“ Jonas ließ den rostigen Maschendrahtzaun los und baute sich vor dem um einen Kopf kleineren neunjährigen Elias auf. Elias’ Augen waren gerötet, er sah aus, als würde er jeden Moment losheulen. Der Heuschnupfen forderte im Moment sein Immunsystem gehörig heraus.
„Wenn du zur Bande gehören willst, musst du die Mutprobe machen.“ Lukas, Robin und David, die anderen aus Jonas’ Bande, alle um die zehn Jahre alt, nickten und feixten.
„Wir waren alle da drin“, sagte Lukas. „Wir warten am Fenster, du gehst die Treppe runter in den Keller. Kriegst auch meine Taschenlampe.“
„Was ist das für eine Mine?“, fragte Elias und zeigte auf ein Schild am zweiten Zaun in etwa zwanzig Meter Entfernung. „Achtung Minen! Gesperrt! Lebensgefahr!“ Das Schild war nicht zu übersehen.
„Da ist ’ne Bombe im Boden und wenn du drauftrittst, explodiert die“, Robin grinste.
Jonas verdrehte die Augen. „Oh Mann, du bist wirklich ein Schisser. Also pass auf. Früher war die russische Armee hier. Deswegen darf man nicht rein.“ Auf einem verwitterten Schild keine fünf Meter von ihnen stand auf schmutzig-weißem Untergrund in schwarzen Buchstaben: „Militärisches Sperrgebiet. Betreten verboten! Achtung! Schusswaffengebrauch!“
„Mein Alter hat hier noch als Soldat Wache geschoben. Unten bei der Pension Kalkbreite waren die Baracken von den Wachsoldaten. Da vorne, beim Pfeiler, da war ein Wachturm. Zwischen den beiden Zäunen hier sind die Wachen gelaufen. Mein Alter hat gesagt, Minen gab es damals schon keine mehr. Ganz früher aber schon, die haben einfach die Schilder hängen lassen. Also kein Grund, Schiss zu haben.“
Jonas griff nach dem Maschendraht und zog ihn wieder hoch. Er zwängte sich durch die Öffnung, Lukas, Robin und David folgten ihm auf dem Trampelpfad, der durch das hohe Gras zum zweiten Zaun führte. Elias gab sich einen Ruck und schlüpfte hinter ihnen durch den Zaun.
Im zweiten Zaun mussten sie nur eine verbeulte, schiefe Gittertür mit einer rostigen Kette öffnen. Das Warnschild mit schwarzem Kleeblatt auf gelbem Grund sagte den Kindern nichts, sie hätten es so oder so ignoriert, wie die anderen Schilder zuvor. Gleich darauf kletterten sie über eine Betonmauer, die etwa einen Meter hoch und zwei Meter breit war und einen zweistöckigen quadratischen Backsteinbau ringförmig umschloss.
Die Türen und Fenster des Hauses waren zugemauert. Die Jungen scheuchten zwei Katzen auf, die faul in der Sonne lagen, lautlos verschwanden die Tiere um die Hausecke. David und Robin fingen sofort an, Holzkisten von der Hausmauer wegzuschieben, Jonas legte Elias eine Hand auf die Schulter.
„Das ist die Rückseite. Vor dem Haus und da drüben standen früher noch ein paar Baracken.“ Er zeigte auf Betonfundamente mit Rissen, in denen Gras wuchs.
Inzwischen hatten David und Robin alle Kisten zur Seite geschoben. Vor ihnen klaffte ein Loch in der Hauswand. Ein Kellerfenster, das einmal zugemauert gewesen war. Lukas lag schon auf dem Bauch davor und leuchtete mit seiner Taschenlampe hinunter auf die Treppenstufen.
„Buuhh, das stinkt vielleicht. Vor zwei Wochen hat es noch nicht so gestunken.“ Lukas zog den Kopf aus der Öffnung zurück und grinste. „Bestimmt ’ne tote Ratte.“ Er reichte Elias die Taschenlampe.
„Du gehst die Treppe runter. Dann kommt ein Gang, da sind links und rechts ein paar Räume. Da unten liegt jede Menge Gerümpel rum, du schnappst dir was und bringst es uns.“
„Irgendwas?“, fragte Elias nach.
„Was aus Metall“, sagte Jonas. „Da liegt ein Haufen Papier rum. Kein Papier!“
Elias nickte nur, drehte sich um und ließ sich rückwärts durch die Öffnung gleiten, bis er auf einer Treppenstufe ankam. Das Kellerfenster war nun direkt über seinem Kopf. „Oh, das stinkt.“ Mit der linken Hand hielt er sich die Nase zu und lief los.
„Hast du die Zeit genommen, Jonas?“
„Klar, jede Wette, der braucht keine dreißig Sekunden, so viel Schiss, wie der hat.“ Jonas hielt seinen Arm hin, damit die anderen auch auf die Uhr schauen konnten.
„Dreißig sind vorbei“, kommentierte Robin.
„Ich hör noch nichts“, Lukas streckte den Kopf in die Öffnung und zog ihn gleich wieder zurück. „Das kann keine Ratte sein, so wie das stinkt.“
„Eine Minute fünfzehn.“
„Er kommt“, sagte Lukas. Gleich darauf streckte Elias die Hand mit der Taschenlampe nach oben und Robin und David zogen ihn hoch.
„Und, was hast du mitgebracht?“ Jonas streckte auffordernd die Hand aus.
Elias war aschfahl und zitterte, er griff nach hinten, zog eine Pistole aus dem Hosenbund und drückte sie Jonas in die Hand.
„Mensch, wo hast du denn die her? Verdammt, da ist ja Katzenscheiße dran!“
„Die ist von dem Mann, der da unten liegt“, stammelte Elias. „Er hat ein Messer in der Brust.“

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