4. Juli 2016

'Ad Enum - Unter blutiger Erde: Ein Rosenheimkrimi' von Peter Brand

Rosenheimer Stadtteil Westerndorf St. Peter: Bauer Hauser findet beim Pflügen einen menschlichen Schädel. Bei weiterer Freilegung von Knochen kommen römische Münzen zutage. Die Polizei geht von einem antiken Grab aus, und zieht das Bayrische Landesamt für Denkmalpflege hinzu. Die verblüffende Erkenntnis: einige Skelettteile sind Hausers Mutter Hanni, die seit Jahren verschollen ist, zuzuordnen, und tieferliegende Knochen tatsächlich antiken Personen. Archäologen starten eine wissenschaftliche Grabung, denn bereits vierzig Jahre zuvor fand man in der Nähe antik-römische Töpferwerkstätten.

Privatdetektiv Michael Warthens und Kommissar Obermeier ermitteln zunächst unabhängig voneinander. Kurz darauf wird Thomas Hauser tot aufgefunden. Steht Hausers Ermordung in Verbindung mit den Funden?

Michael findet heraus: Hanni Hauser besaß neue Hinweise auf die römische Besiedlung mit einer Wehranlage und ein römisches Landgut. Diese Entdeckung würde als Sensation gelten, und der Stadt viel Aufmerksamkeit und zusätzlichen Tourismus bringen. Die aktuelle Grabung stärkt diese Hoffnung bei einigen Beteiligten, zumal viel wertvollere Gegenstände als Tonscherben am geheimen Fundort zu erwarten wären. Wer ist hinter Hannis Geheimnis her, und schreckt sogar vor Mord nicht zurück …?

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Leseprobe:
An Rosenheims nördlichem Stadtrand blies ein strammer Wind. Michael versuchte, den geliehenen Gleitschirm am Boden zu bändigen. Sein Sportsfreund Erich hatte ihn überredet, er könnte es doch mal mit dem Schirm versuchen. Eigentlich war Michael seinen Flugdrachen gewohnt, mit dem er oft vom Rosenheimer Hausberg, der Hochries, abhob. Mit dem Drachen hatte er sich bei seinen ersten Übungen am Berg weitaus weniger geplagt, als mit dem Schirm auf dieser ebenen und freien Wiese kurz vor Westerndorf St. Peter. Wenn das Ding sich weiter so widerspenstig verhielt, ließ er den Schmarren wieder bleiben. Seine ungeschickten Manöver an diesem luftigen Frühlingstag hatten vorhin schon ein paar Schulkinder zum Lachen gebracht. Soweit kam es noch, dass er sich von Kids auslachen lassen musste. Michael hatte mit den Leinen des Schirms alle Hände voll zu tun und dem Geschehen auf der Nachbarwiese bis jetzt kaum Aufmerksamkeit geschenkt.
Michael Warthens, der seit gut einem Jahr als Privatdetektiv arbeitete, wusste, der Grund dort drüben gehörte Thomas Hauser, einem Bauern aus Westerndorf, den er aus seiner Jugendzeit kannte. Mitten in der Wiese neben Bauer Hausers Traktor parkten zwei Streifenwagen der Polizei. Zwei Herren in Zivil und zwei in Uniformen redeten mit Hauser.
Michael konnte seine Neugier kaum besser zügeln als den Gleitschirm. Er schnürte den Schirm dilettantisch zu einem unförmigen Paket zusammen, ließ es im Gras liegen, zog den Reißverschluss seines Overalls bis zum Kragen zu, und schlenderte wie beiläufig über einen schmalen Feldweg zu Thomas Hauser und den Polizisten hinüber.
Während er sich bewusst Zeit ließ, damit niemand der Herren auf die Idee kam, er wäre übermäßig interessiert an dem merkwürdigen Umstand, ein Bauer brauche beim Pflügen die Hilfe der Polizei, fuhr ihm der nach Regen riechende, böige Wind unangenehm in die Haare. Die seit einer Woche mit frühlingshafter Wucht aufgeschossenen Grashalme unter Michaels Füßen reichten schon fast bis zu seinen Waden. Ihr Duft erinnerte ihn an die warmen Frühlingstage, an denen er hier draußen als Bub herumgetollt und durchs frische Gras geschlichen und gekrochen war, dass seine Mutter ihn zuhause wegen der Grasflecken auf seiner Hose heftig geschimpft hatte. Als wäre es gestern gewesen …
Die Kulisse mit dem Turm der etwas weiter entfernten Kirche St. Peter im Hintergrund zeigte heute ein anderes Bild als damals, mit sehr viel mehr Verkehr auf den Zufahrtsstraßen nach Rosenheim, die den vor Jahrzehnten zu Rosenheim eingemeindeten Ort durchschnitten, mit mehr Häusern, dafür weniger Bäumen und allerhand Hunde-Gassigängern. Wenn er nach Nordwesten schaute, aufs freie Feld, sah alles noch ein wenig wie früher aus – mit einem stehenden Traktor. Nur die Polizeifahrzeuge störten die trügerische Idylle. Inmitten eines tennisplatzgroßen Rechtecks, das mit im Wind flatternden Bändern abgesperrt worden war, sprach einer der Polizisten ein paar Worte zu Thomas Hauser. In einigen Schritten Abstand hatte Thomas seinen alten Traktor samt Pflugscharen geparkt. Parallel zur Zugmaschine war ein Streifenwagen mit dem Vorderreifen in eine Furche eingesunken. Im Moment versuchten zwei Beamte, ihn wieder flott zu kriegen.
Jetzt erkannte Michael auch Herrn Obermeier, einen Kriminalhauptkommissar. Michael konnte sich nicht mehr zurückhalten. Was war da los?
Er hörte eben noch, wie Hauser erklärte, er würde die Wiese da zum ersten Mal umpflügen, und Mais wollte er anbauen, für Biogas – und schon hatte ihn Obermeier entdeckt.
Michael tat so, als sehe er den Kommissar erst jetzt. Im Herbst des Vorjahres hatten sie bereits miteinander zu tun gehabt.
„Und der Herr Kommissar ist ja auch da!“, tat er überrascht. „Was ist denn los?“
Obermeier atmete tief ein. Sehr tief.
„Herr Warthens. Immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort, was?“
Das zielte auf seinen letzten Fall, an dem Michael maßgeblich zur Aufklärung beigetragen hatte.
„Richtig. Aber das ist jetzt wirklich nur ein Zufall!“ Beschwichtigend hob Michael die Hand.
Thomas Hauser erkannte seinen Jugendfreund Michael nach einer Denksekunde. Toms und Michaels Väter waren zu ihren Lebzeiten gute Bekannte gewesen. Michael hatte als kleines Kind herrliche Sommertage auf dem Hof verbracht. Die beiden gleichaltrigen Thomas und Michael hatten als fünfjährige Zwergerl aufgeregt gackernde Hühner über den Hof gejagt, und danach von Toms Oma heftig den Kopf gewaschen bekommen. Schließlich war sie als sogenannte „Austragbäuerin“ – die Bäuerin im Ruhestand – für das Kleinvieh zuständig gewesen. Im Alter von vierzehn oder fünfzehn Jahren war Michaels Kontakt zu Tom abgebrochen. Er erfuhr nie den Grund.
Nach der Schulzeit trafen sie sich selten, und nur noch zufällig. Tom war also im selben Alter wie Michael, ein später Fünfziger.
„Michi? Was machst ’n du da?“
„Einen Spaziergang.“, log er und sagte mehr im Scherz: „Haben s’ vielleicht eine Leich’ gefunden, auf deinem Grund?“
Tom schaute Michael an, als sei der nicht ganz gescheit. Michael bemerkte, wie nervös Tom war, durcheinander, mit zitternden Nasenflügeln und von einem Bein aufs andere steigend, als wollte er im nächsten Moment einfach nur losrennen. Weg von hier!
Er riss sich zusammen und klärte Michael auf: „Sozusagen, ja. Ich bin mit ’m Bulldog drüber. Der Pflug hat’s rausg’holt, das … ach was, i hoff bloß, es ist net wieder mal was Römisches! Ein Schädel diesmal. Nix Genaues weiß man nicht.“
Tom sah wie abwesend an Michael vorbei und machte dabei ein Gesicht wie bei einer Beerdigung.
Obermeier räusperte sich unbehaglich und sah Tom an, als würde er ihm gleich einen Maulkorb anlegen müssen.
Michael machte ein bedauerndes „Oh!“ Er erinnerte sich vage an das baurechtliche Drama um die historische Fundstelle, als Tom und er noch Jugendliche waren. Ganz Westerndorf St. Peter sei wieder fest in römischer Hand, hatte der alte Hauser geschimpft.
Ein dritter Polizeiwagen rollte holpernd heran, ein Kombi. Zwei Beamte stiegen aus und entnahmen dem Laderaum weiße Schutzanzüge und Gummistiefel. Routiniert streiften sie sich Latexhandschuhe über die Hände. Spurensicherer, erkannte Michael. Interessante Spuren, erinnerte sich Michael, hatte man auf Toms Grund schon Jahre zuvor gefunden – allerdings keine, die für die Kripo interessant gewesen waren, sondern für Archäologen.
Während die Spusi ihre Arbeit aufnahm, notierte sich ein Beamter Hausers Personalien. Obermeier und Michael sahen aneinander vorbei. Dem Kommissar passte der Umstand, schon wieder „den Warthens“ bei einem Einsatz dabei zu haben, offensichtlich gar nicht.

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