6. Juli 2016

'Gib mir dein Wort: Im Schatten der Mafia' von Harald Schmidt

Als der vierzehnjährige Claudio ungewollt durch einen Freund in die Drogengeschäfte der ›Organisation‹ hineingezogen wird, beginnt sein Leidensweg. Verrat und Misstrauen bringen ihn in allergrößte Gefahr. Zu seiner eigenen Sicherheit muss er Kalabrien, Familie und Freunde verlassen. Auf sich selbst gestellt, begibt er sich auf den steinigen Weg nach Deutschland. Hier hofft er, sich aus dem Netz der Mafia, der Ndrangheta, befreien zu können.

Doch das Leben zeigt ihm mit aller Härte, was es bedeutet, der Vergangenheit entfliehen zu wollen. Kann Claudio untertauchen in einer für ihn völlig fremden Welt? Wird er eine Zukunft mit eigener Familie aufbauen können? Findet er ›LA DOLCE VITA‹ auch in Deutschland?

Inspiriert von einer wahren Geschichte, schildert der Roman in ungeschönten Bildern, wie das Verbrechen ein Leben zerstören kann. Ein Sumpf von Gewalt, Drogen und Korruption, aber auch tiefe Freundschaften begleiten den Jungen auf der Suche nach einer neuen Heimat.

Gleich lesen: Gib mir dein Wort: Im Schatten der Mafia

Leseprobe:
Ungeduldig schlug Annunziata Zanetti gegen den Fensterladen - ihre Augen blitzten gefährlich. Ständig musste sie auf den Bengel warten. Das Essen hatte sie vorgekocht, da heute der Wocheneinkauf anstand. Das bedeutete für sie, entlang der Viale Aldo Moro runter ins Zentrum zu gehen. Claudio versuchte stets, sich davor zu drücken, doch sie alleine konnte die Tüten nicht tragen.
»Wo bleibst du nur? Um sechs kommt Papa von der Arbeit.« Begeisterung sah anders aus. Mit tief in den Hosentaschen vergrabenen Händen zeigte das Gesicht des Jungen deutlich, was er von dieser Aktion hielt. Der Klaps auf den Hinterkopf erinnerte ihn an seine Aufgaben. »Du trägst Taschen und Rucksack. Los geht’s.«
Der Weg vom höher gelegenen Teil Roccas hinunter ins Tal führte über eine Serpentine, hier ließ die Hanglage einen Blick bis zum Horizont zu. Sie kamen an der Säule vorbei, in der die Statue von Francesco di Paola, dem Schutzpatron Kalabriens, auf Gläubige wartete. Automatisch blieb Claudio stehen, er ertrug geduldig Mamas gewohnte Prozedur, sie sprach ihr Gebet. Die Zeit, in der sie mit dem Stein palaverte, nutzte er, um gelangweilt über die Häuser des trostlosen Ortes zu sehen. Die Hitze des Tages ließ die Luft über den roten Dächern flimmern. Beim dritten Versuch schaffte er es, mit dem Kiesel eine Orange zu treffen, die mit einem dumpfen ›Platsch‹ auf dem staubigen Boden aufschlug.
»Du Lausebengel könntest ebenfalls ein Wort an den Heiligen richten, damit er dir die Flausen austreibt.« Mama stupste Claudio an, trieb ihn in Richtung Stadtkern. Sein Shirt hatte bereits bessere Tage gesehen; das war zu einer Zeit, als es von dem älteren Bruder Nicola getragen wurde. Mit den Sandalen, in die er noch hineinwachsen musste, wirbelte er mutwillig den Staub auf. Quittiert wurde das mit einem erneuten Nackenschlag.

Der Einkauf war umfangreich und der gefüllte Rucksack drückte unangenehm auf Claudios Rücken. Er wusste, den Abschluss bildete der Besuch der Parfümerie. Mutter hielt gezielt nach preiswerten Haarwaschmitteln Ausschau. Die Zeit nutzte Claudio, um sich zwischen den Düften umzusehen.
Den schweißtreibenden Rückweg bergauf schafften sie lange vor Papas Rückkehr. Jetzt hatte Claudio endlich die Gelegenheit, im Zimmer zu verschwinden. Grinsend saß er auf dem Bett und betrachtete die vier Parfümflaschen, die er in der Parfümerie organisiert hatte, das brachte zusätzliches Taschengeld. Gedankenverloren sortierte er im Kopf die Abnehmer, die für Düfte infrage kamen. Das Geräusch der aufspringenden Tür ließ ihn erstarren, Mama erschien wie ein Geist im Raum. Sie sah nicht ein, warum sie in ihrem eigenen Haus vor dem Öffnen an die Türen der Kinder klopfen sollte. Das Herz schlug ihm bis zum Hals und er versuchte spontan, die Beute notdürftig mit dem Laken abzudecken.
»Claudio, hast du die Milch ...?« Mitten im Satz brach sie ab. Sie starrte auf die Beute, die er nicht komplett hatte verstecken können. Mit einem Ruck warf sie die Decke zurück.
»Was ist das? Das ist doch nicht etwa ...?« Ungläubig starrte sie abwechselnd auf die Düfte und auf ihren Sohn. »Du stiehlst, während ich im Geschäft einkaufe? Das hast du tatsächlich getan?« Mit einem kräftigen Stoß schleuderte sie die Tür ins Schloss, während Sie gleichzeitig in Claudios Haarschopf griff. Die Schläge trafen ihn hart ... überall, der Lärm schallte durch das Haus. Francesco Zanetti, der zwischenzeitlich eingetroffen war, stürmte entsetzt in den Raum.
»Was ist hier los?«, stammelte er. Er fasste seiner Frau in den Arm und versuchte, ihr den Lederriemen aus der Hand zu winden, den sie vorsorglich hinter der Tür zu Claudios Zimmer an der Wand hängen hatte.
»Du schlägst den Jungen ja noch zum Krüppel. Annunziata, hör auf damit.«
»Weißt du, was der Bengel heute angestellt hat? Der klaut in meinem Beisein in der Parfümerie.« Sie rang nach Atem und fuchtelte mit den Armen. »Er stiehlt, während die Mutter einkauft! Der demütigt uns im gesamten Ort, oh Gott, warum hat mich der Allmächtige mit diesem Kind gestraft?« Erneut wollte sie auf ihn einschlagen. Claudio hielt schützend den Arm über den Kopf, Vater Zanetti schob sich zwischen beide.
»Ist das wahr, Sohn?« Claudio hatte den Blick gesenkt, er nickte stumm und wischte mit dem Ärmel eine Träne ab, die er nicht hatte unterdrücken können.
»Siehst du, Francesco, der Bengel ist durch und durch verdorben. Das wird er mir büßen.« Mit erhobenem Zeigefinger verließ sie den Raum und verschwand in der Küche. Zu diesem Zeitpunkt hatte noch kein Familienmitglied eine Vorstellung davon, was sie damit meinte.

Mutter Annunziata saß mit wutverzerrtem Gesicht auf dem Beifahrersitz. Erstaunt empfing der Inhaber Pietro Calabrese die drei. »Buonasera, habt ihr was vergessen?«, fragte er nichts ahnend.
»Los, du Mistkerl, sag es ihm.« Heftig stieß Annunziata ihren Sohn zur Theke. Claudio trat von einem Fuß auf den anderen, er hatte aufgegeben und akzeptierte das Schicksal.
»Signor Calabrese, ich möchte ... ich soll Ihnen das hier zurückgeben.« Mit gesenktem Kopf hielt er dem erstaunten Inhaber die vier Fläschchen entgegen, die der zögernd entgegennahm.
»Hast du die etwa bei mir ...?« Mit Unglauben sah er Claudio an, der wortlos dastand, der Schlag in den Nacken kam unerwartet.
»Gib gefälligst Antwort. Gestehe deine Tat bei Signor Calabrese.« Die Aufforderung drang als Zischlaut durch die gepressten Lippen der Mutter.
»Entschuldigen Sie ... es tut mir leid.« Er schrie die letzten Worte, obwohl ihm der Trotz den Hals zuschnüren wollte. Er fühlte, wie die Szene seinen Stolz verletzte, in ihm eine unbändige Wut hochkochen ließ. Er stürzte auf die Straße, denn keiner durfte sehen, dass ihm die Tränen über die Wange rollten. Im Augenblick ahnte er nicht, dass der Rachefeldzug der Mutter erst begann.

Der Gang zur Kirche bedeutete für Familie Zanetti eine heilige, sonntägliche Pflicht, wie sie es für jeden gottesgläubigen Italiener war. Padre Cornetti sprach über die ausgesprochen erfolgreiche Ernte und lobte das Engagement der Frauen bei den Vorbereitungen zum kommenden Dorffest. Das Vaterunser beendete den Gottesdienst. Die ersten Besucher rafften ihre Kleider und Taschen zusammen, alle freuten sich darauf, auf dem Vorplatz die obligatorische Passeggiata, das Schwätzchen, abzuhalten. Annunziata Zanetti stand auf, sie sah in die Runde und erhob die Stimme.
»Padre, bitte. Darf ich für einen Moment das Wort an Gott und die Gemeinde richten?« Sie hatte augenblicklich die volle Aufmerksamkeit aller. Ein allgemeines Geraune setzte ein, Köpfe wurden zusammengesteckt, selbst Francesco blickte überrascht auf.
»Signora Zanetti, sprechen Sie, wir hören.«
»Padre, geschätzte Gemeinde. Alle kennen mich hier als eine gottesfürchtige Frau. Niemals würde ich Dinge tun, sie auch nur zulassen, in denen unser Herr Sünde sieht. Das verlange ich auch von meiner gesamten Familie. Niemand darf gegen die Gebote Gottes und der Gemeinschaft verstoßen.« Sie schlug ein Kreuz. »Ich muss hier im Angesicht des Herrn, im Angesicht der Anwesenden gestehen, dass eines meiner Kinder ein Unrecht beging. Mein Sohn Claudio hier ... steh sofort auf ... hat gegen die Gesetze des Herrn verstoßen, er hat gestohlen. Aber er bereut. Das tust du doch ... oder?«
Sie zog ihn am Kragen des Sakkos hoch, ihr Blick duldete keinen Widerspruch. Claudios Kopf glich einer überreifen Tomate, pures Entsetzen erfüllte ihn. Jeder im Gotteshaus sah auf ihn ... nein, sie starrten ihn an. Alle nahmen die Spannung auf, die im Augenblick zwischen Mutter und Sohn entstand.
»Bereust du deine Tat, mein Junge?«, richtete der Padre das Wort an ihn. Er hatte die Situation erfasst und versuchte, sie zu entschärfen. Claudio sah ihn an, er war nicht in der Lage, zu antworten. Erst nach dreimaligem Schlucken presste er heraus: »Padre, ich ... ich bereue meine Tat.«
»Das ist im Sinne unseres Herrn, Gott wird dir vergeben, er vergibt dem reuigen Sünder. Sei deiner Mutter ein gehorsamer Sohn, damit sie stolz auf dich sein kann. Lasst uns den Gottesdienst nun beschließen. Einen gesegneten Sonntag wünsche ich allen Anwesenden. Der Herr segne und beschütze Euch.«
Zufrieden in die Runde blickend drängte Mama Zanetti ihre Familie zum Gehen, sie mischte sich auf dem Vorplatz unter eine Frauengruppe. Die Blicke der restlichen Dorfgemeinschaft suchten immer wieder Annunziata. Es war deutlich spürbar, dass dieses Thema heiß diskutiert wurde, die Gemeinde hatte Gesprächsstoff. Claudio schritt steif zur Gruppe der engsten Freunde, er stierte stumm in die Ferne, während alle gleichzeitig auf ihn einredeten. Er bebte vor Zorn, das wollte er Mama niemals verzeihen.

Im Kindle-Shop: Gib mir dein Wort: Im Schatten der Mafia

Mehr über und von Harald Schmidt auf seiner Website.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen