29. Juli 2016

'Todesrauschen' von B. M. Ackermann

»Ich weiß jetzt, was damals passiert ist. Bitte ruf mich an, bevor es zu spät ist!«, sind die letzten Worte, die Edward MacCarty an seinen Sohn Matt richtet. Danach bringt er sich um...

Doch Matt glaubt nicht an einen Selbstmord, denn sein Vater war etwas auf der Spur. Etwas tödlichem, etwas geheimnisvollem, etwas, das ihn womöglich das Leben gekostet hat. Aber was ist damals passiert? Hat es mit den blutigen Bildern zu tun, mit dem Mord, an den Matt sich zwar erinnert, den er sich selbst gegenüber jedoch leugnet und immer wieder verdrängt? Und was ist mit seinem Freund Paul passiert? Matt muss die Geheimnisse lüften und folgt den Spuren seines Vaters. Doch er hat nicht viel Zeit, denn der unbekannte Mörder könnte noch immer auf der Suche sein, auf der Suche nach neuen Opfern in den Wäldern über der amerikanischen Kleinstadt Coldmont.

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Leseprobe:
Ich stand an der Kante eines Daches und starrte in die Tiefe. Vierzehn Stockwerke unter mir blinkten blaue und rote Lichter wild durchei­ nander. Die hell erleuchtete Skyline von Pittsburgh ragte steil in den dunkel­ blauen Himmel, und zwischen den Wolken­ krat­ zern schwebte der Vollmond, der an diesem Abend aus­ sah wie ein Kürbis­ kopf an Halloween. Sein Grinsen ent­ blößte schiefe Zäh­ ne mit Lücken dazwischen, und seine schräg stehen­ den Augen blick­ ten vorwurfsvoll auf mich herab. Sie passten nicht zu der Knol­ lennase, die sein Gesicht dominierte und doch erin­ nerte mich diese Fratze an jemanden aus meiner Vergangen­ heit. Oder bildete ich mir das nur ein?
»Matt, es ist nicht deine Schuld«, riss mich eine tiefe Stimme aus meinen Gedanken. Sie gehörte meinem väterlichen Freund und Boss Robert Stone, der plötzlich hinter mir stand. »Mach dir bitte keine Vorwürfe.«
Ich sagte nichts, fragte mich stattdessen, wie es sich wohl an­ fühlte, in diese Tiefe zu fallen. Spürte man den Schmerz, wenn man unten aufschlug?
»Hey, Matt, hörst du mir überhaupt zu?«, fragte Robert. »Du kannst nicht alle retten, das weißt du doch, oder?«
Natürlich wusste ich das, konnte mich aber trotzdem nicht damit ab­ finden. Als Sozialarbeiter schlug ich mich tagtäglich mit Jugend­ lichen herum, die auf der Straße lebten und Drogen kon­ sumierten. Ihnen zu helfen war eine große Herausforderung, und normaler­ weise war ich gut in meinem Job. Dieses Mal allerdings hatte ich kläglich versagt.
Vor nicht einmal dreißig Minuten war einer meiner Schütz­ linge von diesem Dach gesprungen, weil er keinen anderen Ausweg sah. Nach einem heftigen Streit mit seinem Vater war der sech­ zehn­ jährige Junge von Zuhause ausgerissen, hatte ein paar Monate auf der Straße gelebt und mit Drogen herum­ experimen­ tiert. Ich führ­ te lange Ge­ spräche mit ihm, und er gab mir zu ver­ stehen, dass er aus der Szene raus und wieder nach Hause wollte. Sein Vater je­ doch schlug ihm die Tür vor der Nase zu, als der Junge ihn um Verzei­ hung bat. Ich fragte mich, ob der Mann sein Ver­ halten be­ reuen würde, wenn er seinen Sohn zu Grabe trug.
Wie auch immer. Der Junge war etwas Besonderes gewesen. In ihm hatte ich mich selbst wiedererkannt, weil ich in meiner Jugend Ähnliches durchgemacht hatte. Wäre Robert Stone nicht gewesen, würde ich heute nicht mehr leben. Robert hatte mir zu einem neuen Leben verholfen, ich diesem Jungen nicht. Und ge­ nau dieser Ge­ danke machte mir zu schaffen.
»Du solltest jetzt endlich von diesem Dach runter. Über die Trep­ pe na­ türlich«, sagte Robert. »Sonst kriegst du Ärger mit den Cops. Oder meinst du, die wollen noch wen vom Bür­ ger­ steig kratzen?«
Seine Worte klangen härter als er sie normalerweise wählte, aber ich wusste, was er damit bezweckte. Sie sollten mich wach­ rütteln, verfehlten jedoch zunächst ihre Wirkung. Erst, als mir kurz schwin­ delig wurde, ich ins Wanken geriet und beinahe mit dem Kopf voran über die Brüstung stürzte, kam ich zur Besin­ nung.
Zum Glück reagierte Robert sofort. Er packte meinen Arm und zog mich vom Rand des Daches weg.
»Verdammte Scheiße, das war knapp«, fluchte er lautstark. »Bist du denn total übergeschnappt? Oder vielleicht lebens­ müde?«
Ich gab ihm keine Antwort.
»Jetzt rede doch endlich mit mir, Matt. Oder führe ich hier Selbst­ gespräche? Komm zu dir, es ist vorbei, du kannst es nicht mehr än­ dern. Der Junge ist tot.«
Das saß. Endlich fand ich meine Sprache wieder. »Es tut mir leid, Rob. Ich habe versagt.«
Robert schüttelte den Kopf. »Nein, Matt, du hast nicht versagt, du hast dein Bestes gegeben, konntest dem Jungen aber nicht helfen. Er hat die Entscheidung getroffen, ganz egal, ob sie rich­ tig war oder nicht. Verstehst du mich?«
Ich verstand ihn, abfinden konnte ich mich mit dem Selbst­ mord meines Schützlings aber trotzdem nicht.
»Komm schon, Matt, lass uns gehen, bevor die Cops das Dach stür­ men und dich festnehmen«, drängte Robert. »Und das nur, weil du sie geärgert hast.«
Ich gab mich geschlagen und verließ von Robert gefolgt das Dach.
Nachdem der Lift uns nach unten gefahren, und wir ihn verlas­ sen hatten, kamen uns im Erdgeschoss zwei Polizisten ent­ gegen. Einer davon stellte mir ein paar Fragen, die ich ihm beantwor­ tete, so gut es ging. Dann ließen sie mich gehen.
Als ich hinter Robert ins Freie trat, fuhr gerade der Leichen­ wagen davon. Die Polizei packte zusammen, die letzten Schau­ lustigen zo­ gen ihrer Wege und gaben die Sicht frei auf eine dunkelrote Pfütze, die sich auf dem ansonsten trockenen Bürger­ steig abzeichnete. Ich fühlte, wie mein Herz sich ver­ krampfte, und konnte den Blick kaum von der Stelle abwenden. Doch Robert packte meinen Arm und zerrte mich in die andere Richtung zu seinem Wagen, in den ich widerwillig einstieg.
Nach zwanzig Minuten Fahrt, in der wir kaum miteinander gere­ det hatten, parkte Robert sein Auto in zweiter Reihe vor einem vier­ stöckigen Backsteingebäude, das genauso aussah, wie alle anderen in diesem Wohnviertel, irgendwie abgewohnt und unper­ sönlich. Meine Wohnung befand sich in der dritten Etage, die einzige, in der noch kein Licht brannte.
Ein schrilles Hupen ließ mich aufschrecken, und ein Wagen raste mit quietschenden Reifen an uns vorbei. Der Fahrer streckte den Mittelfinger in die Höhe, doch Robert beachtete ihn nicht weiter und wandte sich stattdessen mir zu.
»Und mit dir ist soweit alles in Ordnung?«, fragte er mit besorg­ tem Gesichtsausdruck. »Du kommst klar mit dem Ganzen?«
Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Ja, denke schon. Du brauchst dir jedenfalls keine Sorgen um mich zu machen.«
Er bedachte mich mit einem letzten prüfenden Blick und nickte dann. »Na schön. Dann mal raus mit dir, ich muss weiter. Wir sehen uns Morgen.«
Ich nickte ihm zu, stieg aus und blickte seinem Wagen solange nach­ denklich hinterher, bis ich ihn nicht mehr sehen konnte. Da­ nach betrat ich das Haus und öffnete meinen Briefkasten. Da­ bei fiel mir die gesamte Post vor die Füße.
Genervt hob ich die Briefe auf und sah sie durch. Die meisten davon waren uninteres­ sant. Werbe­ briefe, Rechnungen und Mah­ nungen. Ein Brief je­ doch lag dazwi­ schen, der mich stutzen ließ. Nein, nicht nur das. Hatte ich vorhin auf dem Dach noch geglaubt, mein Tag könnte nicht schlim­ mer werden, wurde ich jetzt eines Besseren belehrt.
Fassungslos starrte ich auf den Poststempel und begann am gan­ zen Körper zu zittern. Mein Herz hämmerte so kräftig gegen meine Rip­ pen, dass sie zu brechen drohten. Ich rieb mir über die Augen und blickte noch einmal auf den Umschlag. Nichts hatte sich geän­ dert. Der Brief war in Coldmont, meiner Geburtsstadt, abgestem­ pelt wor­ den. Auf der Rückseite stand der Absender.
Edward MacCarty.
Das war der Name des Mannes, von dem ich seit sechzehn Jah­ ren nicht ein Sterbenswort gehört hatte, der mich von sich stieß, als ich ihn am meisten brauchte. Diesen Mann hatte ich so sehr geliebt und bewundert, dass es schmerzte. Was zur Hölle wollte mein Va­ ter von mir? Wollte ich das überhaupt wissen?
Ich dachte ernsthaft darüber nach, den Brief unge­ öffnet zu verbren­ nen oder die Toilette hinunter­ zuspülen.

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