16. August 2016

'Der Rosenfälscher' von Detlef Krischak

Das zweite Ich
Sein zweites Ich steht auf blonde Frauen mit blauen Augen. Es war auch für den Tod einer seit drei Monaten vermissten Frau verantwortlich. Weshalb legte er eine blaue Rose zu den Leichenteilen, die zufällig in einem todsicheren Versteck in Lingen gefunden werden? War es ein letzter Gruß oder verhöhnte er sein Opfer? Dennis Winkler steht vor einem Rätsel. Erst kurze Zeit ist er der Leiter der Tatortgruppe Lingen, schon führt ihn sein erster Mordfall auf die Spur eines Psychopathen. Während Winkler mit seinem Team im Umfeld eines Bestatters ermittelt, wird wenige Tage später eine junge Rechtsanwältin aus Hopsten vermisst. Sie ist blond und blauäugig …

Carsten Grewe vom Kriminalkommissariat 23 in Ibbenbüren begibt sich auf die Suche nach der vermissten Anwältin, deren Entführer er unter ihren ehemaligen Mandanten vermutet. Blaue Rosenblütenblätter führen Grewe und Winkler zusammen. Schnell wird ihnen klar, dass sie den gleichen Täter suchen. Sie begeben sich gemeinsam auf die Jagd nach einem Mann mit gespaltener Persönlichkeit, der weiße Rosen blau färbt.

Dieser Roman ist der fünfte Band der Reihe Emsland-Krimi und wird im Verlauf der Handlung zu einem Tecklenburger-Land-Krimi.

Gleich lesen: Der Rosenfälscher: Das zweite Ich (Emsland-Krimi 5)

Leseprobe:
Sie trugen bis zu den Knien reichende schwarze Talare, die der Wind um ihre Beine flattern ließ. Darunter Anzüge in derselben Farbe. Altmodische Dreispitze in der klassischen Form auf ihren Köpfen konnten nur zur Zierde gedacht sein, vor der Kälte schützten sie nicht. Ihre weißen Paradehandschuhe waren ebenfalls nur Dekoration; später würden die Männer sie ins offene Grab auf den Sarg werfen. So war es Tradition. Die sechs Sargträger traten mit den Füßen auf der Stelle. Es war Ende Januar und kalt, sehr kalt. Die Männer froren und schwiegen.
Leichter Schneefall in der Nacht hatte dem Neuen Friedhof in Lingen ein noch friedlicheres Aussehen gegeben als sonst. Der kalte Ostwind wirbelte den Schnee durch die Luft, Eiskristalle glitzerten im Sonnenlicht. Den Männern wurde es zu kalt. Schutzsuchend gesellte sich ein Sargträger nach dem anderen zu den trauernden Angehörigen, die sich im Windschatten neben dem Gebude versammelt hatten. Auch sie froren und redeten nicht. Nur das Rauschen des Windes war zu hören.
Kurz nach zwlöf, mittags. Zwanzig Personen hatten sich versammelt. Ohne die Träger ein mickriger Haufen. In einer halben Stunde sollte die Andacht zum Tode von Hubert Schütte beginnen; direkt anschließend sollte er im Familiengrab neben seiner vor drei Jahren verstorbenen Hilde zur letzten Ruhe gebettet werden. Hubert Schütte war vor wenigen Tagen im Alter von neunundachtzig Jahren an einem Herzinfarkt gestorben und nur wenige Familienangehörige und Bekannte waren wegen des schlechten Wetters gekommen, um Abschied von ihm zu nehmen.
Hatte er das verdient? Nein, das hatte er nicht.
Ein Leben lang hatte Schütte sich für andere eingesetzt, nicht an sich gedacht, sich krumm gemacht für die Kinder, ihnen ein Heim gebaut, für ihre Ausbildung gesorgt, es ihnen leicht gemacht. Und für seine Frau war er da. Immer. Immer dann, wenn er nicht alleine in einer Kaserne hockte, Dienst schob und die Knochen für das Land hinhielt. Als Soldat.
Aber das war lange vorbei. Mit achtundfünfzig war Schluss. Das Vaterland, dem er treu zu dienen und es tapfer zu verteidigen geschworen hatte, brauchte ihn nicht mehr. Zum alten Eisen abgestempelt, genoss er einunddreiig Jahre lang seine Pension. Er lebte sehr sparsam und hatte in dieser Zeit ein kleines Vermgen angehäuft, das nun an seine beiden Kinder fiel.
Sein Sohn Helmut, ein im Ruhestand lebender Lehrer und Pfennigfuchser, hatte die Formalitäten der Beerdigung mit Josef Dengler besprochen und dabei natürlich versucht, den Preis zu drücken.
Dengler war der Inhaber des gleichnamigen Bestattungsinstitutes im Süden Lingens; er führte das Unternehmen mit seinem Sohn in der dritten Generation. Die Geschäfte des Einundsiebzigjhrigen liefen gut. Jede Woche hatte er im Schnitt drei Verstorbene unter die Erde zu bringen oder zum Krematorium nach Osnabrück zu fahren. Über die Kosten zu schachern, war nicht sein Ding. Dengler hatte einen guten Namen und war bekannt für gute Arbeit. Gute Arbeit für gutes Geld.
Der Bestatter stand mit seinem Sohn Martin vor dem Eingang zur Leichenhalle, die sich mit drei Kammern in einem Rundbau links neben der Friedhofskapelle befand. Die Trauerfeier sollte um ein Uhr beginnen. Er rieb sich die Hände und warf einen Blick auf seine Uhr: halb eins.
Josef Dengler wurde ungeduldig. "So langsam könnte die Frau hier eintrudeln." Er deutete mit dem Kopf zu den Trauergästen und den Sargträgern. "Den Leuten ist es bestimmt zu kalt hier draußen. Bitte sie doch in die Kapelle, sonst frieren sie sich noch einen Ast ab", sagte er und blies warmen Atem in seine nun gefalteten Hände.
Sein Sohn Martin nickte und ging zu den Wartenden, die sein Angebot, sich aufzuwärmen, dankend annahmen. Auch die Sargträger, rüstige Rentner, die sich nebenbei bei Dengler ein paar Euro dazuverdienten, traten aus dem Windschatten und stellten sich hinten in die Kapelle.
Rita Dreier, die Tochter des Verstorbenen, hatte vor einer halben Stunde bei Dengler angerufen und eine Bitte geäußert, die er nicht hatte ausschlagen können. Sie wollte noch einmal ihren verstorbenen Vater sehen. Ihr war es aus beruflichen Gründen nicht möglich gewesen, einen Tag vorher aus Köln anzureisen und Abschied von ihm zu nehmen.
"Das wird sich einrichten lassen, Frau Dreier. Kein Problem. Wir können den Beginn der Andacht ein paar Minuten hinausziehen", hatte Dengler ihr am Telefon geantwortet. Da hatte sie die Autobahn bei Lohne gerade verlassen und war in Richtung Lingen abgebogen.
Der Sarg mit der Leiche von Hubert Schütte stand auf einem Wagen in der ersten Kammer. Alles war vorbereitet. Sie mussten ihn nur noch in die Kapelle zwischen die Kerzenträger und Blumengestecke schieben. Martin Dengler hatte, kurz nachdem die Tochter des Verstorbenen den ungewöhnlichen Wunsch geuert hatte, die Schrauben auf Geheiß seines Vaters aus dem Sargdeckel entfernt. Auch das war erledigt.
"Das könnte sie sein." Martin stieß seinem Vater in die Seite. Mit schnellen Schritten näherte sich ihnen eine Frau in schwarzer Kleidung. Sie trug einen Strauß Gladiolen. Dengler senior nickte und blickte wieder auf seine Uhr. "Dann wollen wir mal."
Er ging ihr ein paar Schritte entgegen. "Sind Sie Frau Dreier?"
Sie war auer Atem und nickte. "Ja. Entschuldigung, dass ich mich etwas verspätet habe. Es war ziemlich glatt auf den Straßen."
Der Bestatter senkte seinen Kopf und reichte ihr die Hand. "Herzliches Beileid, Frau Dreier ... können wir?" Er wies Richtung Leichenhalle und ging langsam voraus.
"Wie sieht mein Vater aus?", fragte sie im Gehen. Fast hörte es sich so an, als erkundigte sie sich nach seinem Befinden. "Kann ich die Gladiolen in den Sarg legen? Er mochte sie zu Lebzeiten so gern."
"Er sieht aus, als wenn er schlafen würde. Machen Sie sich keine Sorgen. Die Blumen können Sie natrlich zu ihm legen", antwortete Dengler leise und betrat mit ihr den Flur, der zur Leichenkammer führte. Er wartete eine Weile und ließ sie zu Atem kommen. Die Zeit würde sie auch benötigen – das wusste der Bestatter –, sich zu sammeln und zu fassen.

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Mehr über und von Detlef Krischak auf seiner Website.



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