10. August 2016

'Küsse ernten' von Ulla B. Müller

An der Seite eines angesehenen Orthopäden lebt es sich easy. Doch Bea braucht kein Penthouse mit Rheinblick, um glücklich zu sein. Ihr würden ein paar Wiesen und Felder vor der Tür reichen. Blöd nur, dass ihr Freund so allergisch auf alles Einfache und Ländliche reagiert.

Als sie überraschend bei einem Urban-Gardening-Projekt vor den Toren Kölns aushelfen soll, stürzt sie sich ohne Ahnung von Kraut und Rüben in die Arbeit. Zum Glück gibt es dort Nachbarn mit Herz und einen Cowboy, der nicht nur ein Händchen für Rindviecher hat. Von ihm bekommt Bea einen Steilkurs in Gemüseanbau und … ihren ersten Maibaum.

„Küsse ernten“, der dritte Roman der Rheinländerin Ulla B. Müller, entführt den Leser ins wunderschöne Bergische Land bei Köln und lässt ihn an einer romantischen Liebesgeschichte mit einem Hauch von Gülle teilhaben. Der grüne Lese-Kick für alle modernen Stadtpflanzen mit Herz für die Natur!

Gleich lesen: Küsse ernten

Leseprobe:
Gerade hatte Bea die Tür zur Praxis passiert, als sie vom Anmeldetresen aus mit energischem Armwedeln herangewinkt wurde.
»Frau Kirsch, diese komischen Schlammpackungen, die Sie letztens bestellt haben, sind vor einer halben Stunde geliefert worden. Vielleicht können Sie die mal wegbringen. Die stören hier ziemlich.« Sofort wieder in den Bildschirm ihres Computers vertieft, wies die Arzthelferin mit dem aschgrauen Haarhelm auf den Karton neben ihren Beinen.
Bea sah hinab und schüttelte in Gedanken den Kopf. Natürlich, dort im Durchgang zum Anmeldebereich war das kniehohe Paket mehr als im Weg. Aber nichts hätte dagegen gesprochen, es mit dem Fuß einen Meter weiter in die Ecke am Schrank zu schieben. Nur erstens wäre diese Lösung zu simpel gewesen, und zweitens hätte Frau Bender, die seit über zehn Jahren die leitende Arzthelferin in dieser Praxis war, eine günstige Gelegenheit verpasst, Bea wieder einmal deutlich zu machen, wer außerhalb der Sprechzimmer das Sagen hatte.
»Sie hätten den Lieferanten mit den Fangopackungen doch direkt zu mir in die Physio-Abteilung schicken können, Frau Bender«, konterte Bea und zwang sich, dabei so sachlich wie möglich zu klingen.
»Da war ja niemand! Und ich übernehme keine Verantwortung, wenn dieses Zeug da drüben unbeaufsichtigt rumsteht«, plusterte sich Frau Bender auf. »Sie glauben ja gar nicht, was hier alles wegkommt.«
Bea atmete tief durch und schwieg. Es war nicht das erste Mal, dass sie von Frau Bender zu spüren bekam, wie wenig sie davon hielt, einen Teil ihres Reichs an die Freundin des Chefs abtreten zu müssen. Noch dazu an eine einfache Therapeutin.
Obwohl Bea nun schon mehr als zwei Jahre mit Henrik befreundet war und voller Begeisterung die Leitung der Physio-Abteilung seiner Orthopädie-Praxis übernommen hatte, war die Beziehung zu dieser Frau immer auf dem gleichen Niveau geblieben. Sie war kälter als kühl und sollte es wohl auch bleiben. Bea spürte an den berechnenden Äußerungen der zwanzig Jahre älteren Angestellten genau, dass sie auf einen geeigneten Anlass wartete, sie vor Henrik anschwärzen zu können. Aber diese Gelegenheit würde sie ihr nicht bieten. Nicht, solange sie und Henrik ein Paar waren.
Bea bückte sich, schob ihre Finger unter den Boden des Kartons und hob an. Verdammt, war der schwer! Sie hatte doch Moorpackungen bestellt und keine Bleiwesten! Ohne Mühe konnte sie sich Frau Benders schadenfrohes Grinsen vorstellen, als sie wie ein Möbelpacker ächzend loszog. Am liebsten hätte sie der Frau hinter dem Tresen eine frisch erhitzte Fangopackung unter ihr ausladendes Bürostuhl-Gesäß gepatscht. Mit schmerzenden Händen schleppte sie ihre Fracht den schmalen Verbindungsflur entlang bis zu der kleinen Wartezone vor ihrem Behandlungsraum. Dort setzte sie den Karton mit einem Stoßseufzer auf dem Boden ab. Von den Stühlen rechts und links an den Wänden verfolgten vier Patienten das Spektakel.
»Hallo, allerseits«, grüßte Bea in die Runde. »Einen Moment noch, dann geht’s los.«
Eine korpulente Frau mit einem khakifarbenen Trenchcoat und der türkis-goldenen Papiertüte einer Parfümerie-Kette auf dem Schoß, rutschte wie auf Kommando auf die vordere Kante ihres Stuhls und hob ihren Zeigefinger in die Höhe. Einen Gruß hielt sie nicht für nötig.
»Ich war die Erste. Herr Doktor meinte gestern, die Behandlung mit diesem Massagedings ist ganz dringend bei mir«, klärte sie Bea mit einem hitzigen Flackern in den Augen auf.
Der alte Mann neben ihr drehte seinen buckeligen Oberkörper entrüstet von seiner Nachbarin zu Bea und klappte den Mund auf und zu, traute sich aber nicht, etwas zu sagen. Das tat dafür der Ausländer ihm gegenüber, der sich Behandlungstermine geben lassen wollte. Er schüttelte aufgebracht den Kopf und fuchtelte mit dem Zeigefinger.
»Nein, nein, nicht richtig. Der zuerst«, stellte er klar und zeigte auf den alten Mann. Nun mischte sich auch die hagere Frau neben ihm ein, indem sie ihren Arm, der bis über den Ellenbogen mit einem weißen Verband umwickelt war, in die Höhe hob.
»Aber ich muss unbedingt bis spätestens um drei zurück auf der Arbeit sein, sonst kriege ich Ärger.«
Bea wies auf das Paket vor ihren Füßen. »Ich pack das schnell weg und zieh mich um. In zwei Minuten bin ich für Sie da.«
»Das ist doch sicher bloß eine Ausrede«, empörte sich die Parfümerieketten-Papiertüte.
Unter einem weiteren Hagel von Zurufen verschwand sie hinter der Tür mit dem Schild »Privat« und atmete durch. Rasch tauschte sie ihre Alltagsgarderobe gegen eine weiße Jeans und ein blassgelbes Polohemd, dem pflichtgemäßen Outfit für alle Praxis-Angestellten. Als ihr beim abschließenden Blick in den Spiegel das Stoffschild über der Brusttasche ins Auge fiel, zog sie einen Mundwinkel in die Höhe. »Ihr freundliches Praxisteam« stand dort in Rot auf weißem Untergrund. Für Bea waren das zwei Fehler auf engstem Raum. Weder verstanden sich der Haarhelm und seine zwei Unterarzthelferinnen als Team, noch gaben sie sich den Patienten gegenüber besonders freundlich. Aber wie konnte es auch anders sein? Die herbe Sachlichkeit ihres Vorgesetzten hatte im täglichen Umgang längst abgefärbt.
Bea schnappte sich den Stapel Behandlungsanweisungen vom Tisch und machte sich auf den Weg zu ihrem Arbeitsplatz im Nebenraum. Ihr Blick glitt über die Behandlungskarten in ihrer Hand zur Armbanduhr. Verächtlich schnaufte sie durch die Nase. Vor sechs würde sie auch heute nicht aus der Praxis kommen, so viel war sicher.
Als sie die Milchglastür zum großen Behandlungsraum aufdrückte, wehte ihr von den weit geöffneten Fenstern eiskalte Luft entgegen. »Na, toll! Das ist ja wieder typisch«, schoss es sofort durch ihren Kopf.

Im Kindle-Shop: Küsse ernten

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