1. September 2016

'Berlin Ripper' von Siegfried Langer

Bereits mehrere Frauen sind einem grausamen Serienmörder zum Opfer gefallen. Alle waren sie jung, blond, attraktiv und keine Kinder von Traurigkeit. Die Medien sprechen schon vom 'Ripper von Berlin'.

Die Privatdetektivin Sabrina Lampe folgt einer Spur ins Allgäu. Neugierig wühlt sie in der Vergangenheit und bringt dabei eine dunkle Familientragödie ans Tageslicht. Zeitgleich führen die Ermittlungen von Kriminalhauptkommissar Niklas Steg direkt in die höchsten Berliner Regierungskreise.

Sind die beiden schnell genug, um weitere Morde zu verhindern?

Gleich lesen: Berlin Ripper



Leseprobe:
Sabrina Lampe war einfach nur müde.
Bereits zum dritten Mal hintereinander hatte sie bis nachts um vier einen Mann beschattet. Dessen Frau hatte Sabrina beauftragt. Sie glaubte, dass er eine Geliebte hätte, wahrscheinlich sogar mehrere. Die Frau hatte unglaublich viel geredet, ohne Punkt und Komma, Sabrina hatte während einer ganzen Stunde gerade mal drei Sätze gesprochen.
Bislang war Sabrina nichts Verdächtiges aufgefallen. Der Mann machte einfach nur ausgedehnte Nachtspaziergänge. Vermutlich kam auch er zuhause nur selten zu Wort und suchte lediglich seine Ruhe.
Sabrina fürchtete den Tag, an dem sie ihrer Auftraggeberin die Wahrheit sagen und ihre Honorarrechnung vorlegen musste.
Um zehn war sie dann pünktlich im KaDeWe gewesen.
Sie wünschte sich so sehr, endlich auf ihren Kaufhausdetektiv-Job verzichten zu können. Die meiste Zeit stand sie sich ohnehin nur die Beine in den Bauch.
Aber sie brauchte das Geld. Nicht zuletzt, um endlich mal wieder in den Urlaub fahren zu können. Von dem her freundete sie sich immer mehr mit der Idee von Mojito an: Günstiger als Italien war Mecklenburg-Vorpommern allemal.
Als sie kurz nach eins nach Hause kam, freute sie sich auf ihr wohlverdientes Mittagsschläfchen.
Sie setzte ihre Schlafbrille auf und legte sich hin.
Prompt begann eine Bohrmaschine zu dröhnen.
Sabrina tastete nach ihrer Nachttischschublade und zog sie auf. Rasch fanden ihre Finger den gesuchten kleinen Karton. Sie öffnete ihn und steckte die darin befindlichen Kunststoffstöpsel in ihre Ohren. Schlagartig endete der Lärm.
Doch vermutlich hatte der Arbeiter nur kurz seine Maschine abgesetzt, denn keine zehn Sekunden später begann das Bohren von Neuem, nur unwesentlich gedämpft.
Sabrina legte sich auf das eine Ohr und ihre Hand auf das andere.
Das verringerte zwar den Krach, doch die Position war viel zu unbequem, um längere Zeit so zu liegen, geschweige denn einzuschlafen.
Gab es früher nicht einmal so etwas wie Mittagsruhe?
Sabrina konnte sich gar nicht erinnern, wann sie den Begriff zuletzt gehört hatte.
Es gab sie doch noch, oder? Oder hatte man inzwischen auch die Mittagsruhe abgeschafft, wie ein Relikt aus vergangenen Tagen, wie Telefonzelle und Testbild.
Ignoriere den Lärm, Sabrina, er ist gar nicht da. Stell dir einfach das Meer vor, die Ostsee, nein, doch lieber das Mittelmeer. Ein romantischer Sandstrand, eine sanfte Brandung. Wie liebevoll das Wasser deine Füße umspült, wie romantisch sich die Wellen auf und ab wiegen.
Jetzt wurde der Krach noch ein paar Dezibel lauter: Ein Tsunami, Sabrina, da rauscht ein Tsunami heran.
Sie schreckte hoch.
Das durfte doch nicht wahr sein!
Na, denen würde sie aber etwas erzählen.
Sie schob die Schlafbrille nach oben, eilte zum Fenster und öffnete es.
Sofort entdeckte Sabrina den Übeltäter. Er hatte eine Leiter ans Haus gestellt und bohrte gerade ein Loch neben das Fenster der Wohnung unter ihrer eigenen.
„Wissen Sie eigentlich, wie spät es ist?“, brüllte sie.
Doch er reagierte nicht.
Klar, bei dem Lärm.
Sabrina wartete.
Nur wenige Meter entfernt entdeckte sie den Wagen des Krachmachers: ein kleiner, weißer LKW. Er parkte direkt vor dem Hauseingang, die hinteren Türen geöffnet, auf der Seitenfläche prangte in schwarzen Buchstaben 'Oleg Beljajew Sicherheitstechnick GbR'.
Abgesehen von der falschen Rechtschreibung wunderte sie sich darüber, dass sie selbst in all den Jahren, die sie hier wohnte, noch nie so einen guten Parkplatz ergattert hatte.
Und jetzt erschien auch ihre Lieblingsnachbarin auf der Bildfläche: Angelika Schimmelpfeng. Ihr gehörte die Wohnung, an der Oleg Beljajew arbeitete.
In der Hand hielt sie eine Tasse, aus der es dampfte. Es duftete bis in den ersten Stock nach Kaffee.
Frau Schimmelpfeng stellte sich neben die Leiter und beobachtete den Sicherheitstechniker.
Sobald er den Bohrer abgeschaltet hatte, meldete sich Sabrina erneut zu Wort: „Es ist Mittagszeit. Hören Sie auf damit.“
Die beiden Angesprochenen wandten ihre Blicke nach oben.
Die Nachbarin bewegte ihre Lippen und Sabrina konnte sehen, dass ihr Gebiss hin und her wanderte, doch sie hörte nichts.
Mist, die Ohrstöpsel.
Rasch fummelte sie sie heraus. In der Aufregung rutschte ihr dabei einer der beiden aus den Fingern, fiel hinab und plumpste genau in die Tasse von Frau Schimmelpfeng. Es spritzte und Sabrinas Nachbarin blickte irritiert zuerst zur Tasse und dann hinauf zu ihr.
„Haben Sie heute schon Zeitung gelesen, Frau Lampe?“, rief die Nachbarin nach oben.
Was wollte die nur von ihr? Smalltalk?
„Ich habe bis weit in die Nacht gearbeitet. Ich brauche meine Ruhe.“
„So hübsche Frauen.“
Oleg Beljajew sah sehnsuchtsvoll zu dem Kaffee.
„Was für Frauen? Wovon reden Sie?“, fragte Sabrina.
„Na, von dem Ripper“, während sie antwortete, reichte sie die Tasse weiter an den Sicherheitstechniker. „Der hat schon mehrere Frauen hier in Schöneberg aufgeschlitzt. Alle jung und hübsch.“
Dann ergänzte sie: „Na, Sie sind ja nicht gefährdet.“
Wie bitte?
Was für eine Frechheit!
Der würde sie es aber geben.
Dann fiel ihr Blick auf Beljajew, der genüsslich einen ersten Schluck aus der Tasse nahm.
Sollte sie ihn warnen?
„Sie wohnen ja im ersten Stock! Da wird schon niemand einsteigen“, erläuterte Frau Schimmelpfeng ihre Aussage von gerade eben. „Aber ich? Ich kann nun in eine teure Alarmanlage investieren.“
Ja, du passt auch genau ins Beuteraster.
„Sie müssen Zeitung lesen, Frau Lampe“, sie griff sich an ihr Gebiss und schien es neu auszurichten. „Dann können Sie auch mitreden. Wenn ich Privatdetektivin wäre, wäre ich besser informiert.“
„Danke für Kaffee“, mischte sich Beljajew jetzt ein. „Schmeckt gut. Ist Haselnussaroma?“
„Nein, ist von Aldi.“
Die ersten Passanten waren bereits stehen geblieben, beobachteten, was am Fenster der Erdgeschosswohnung geschah und folgten der Unterhaltung.
„Wissen Sie, wen ich gestern gesehen habe?“
Spielte die Schimmelpfeng jetzt Rätselraten mit ihr?
„Könnten Sie bitte das Bohren einstellen?“
„Ihren Mann. Stand mit seinen Kumpanen vor dem Kaiser's. Sturzbesoffen war der. Die anderen auch. Die haben mir nachgepfiffen.“
Sabrina war sich nicht sicher, ob sie den letzten Satz richtig verstanden hatte.
Zumindest wussten nun die umstehenden Gaffer und Zuhörer wegen ihres Ex-Mannes Bescheid.
„Also, ich möchte nicht morgens mit aufgeschlitztem Bauch aufwachen, wie die Frau in der 'Grünen Aue' oder die im 'Oslo'.“
Das 'Oslo' lag tatsächlich nur zehn Minuten Fußweg entfernt, die Kleingartenkolonie unwesentlich weiter.
Und da waren Morde geschehen?
Wie Sabrina erschrocken feststellte, hatte Beljajew inzwischen die Tasse geleert. Er kaute auf etwas herum und auf seinem Gesicht entstand ein fragender Ausdruck. Dann hob er den Kopf und spuckte. In hohem Bogen flog der gelbe Ohrstöpsel über den Kopf von Frau Schimmelpfeng hinweg, direkt vor die Füße eines älteren Herrn, der sich danach bückte und ihn aufhob.
„Pennerin!“, rief Frau Schimmelpfeng nach oben.
„Wie bitte? Was fällt Ihnen ein?“
„Jetzt konnte ich es endlich entziffern.“
„Was?“
„Das Wort auf Ihrer Stirn.“
Ach, du meine Güte. Sie trug immer noch die Schlafbrille.
Ihre Tochter Lara hatte sie ihr am letzten Geburtstag geschenkt. Merkwürdiger Humor.
Sieht ja sonst keiner, hatte Lara damals gesagt.
„Wem gehört dieser Ohrstöpsel?“, fragte der Mann auf der Straße.
Zeit, das Fenster zu schließen, Sabrina.
Schlafen konnte sie nach all der Aufregung ohnehin nicht mehr.
Da konnte sie genauso gut im Internet recherchieren, was es mit den Morden auf sich hatte.

Im Kindle-Shop: Berlin Ripper

Mehr über und von Siegfried Langer auf seiner Website.



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