29. September 2016

'Niemand trägt die Schuld allein' von Harald Schmidt

Vera und Peter Sobier genießen mit ihrem zwölfjährigen Sohn Patrick ein sorgenfreies Familienglück. Das endet abrupt, als der erfolgreiche Rechtsanwalt einen folgenschweren Verkehrsunfall verursacht. Patrick erleidet ein Schädel-/Hirn-Trauma und fällt in ein Koma. Peter Sobier kommt mit leichten Verletzungen davon und sucht verzweifelt einen Weg, mit seiner schweren Schuld leben zu können. Die Liebe zu Vera wird auf eine harte Probe gestellt.

Die härteste Zerreißprobe ihres Lebens fordert den Eltern alles ab, denn das Schicksal kann grausam sein. Verzweiflung, Glaubenskonflikte und Hoffnungslosigkeit zerfressen den Geist des Vaters. Außergewöhnliche Signale, die der Sohn aus seiner finsteren Welt aussendet, verändern die Sicht aller Beteiligten.

Wird die Liebe der Eltern den vielen Prüfungen standhalten? Hat Patrick eine Chance, jemals wieder aus dem Koma zurück ins Leben zu finden?

Auch in diesem Roman versteht es der Autor, den Leser tief eintauchen zu lassen in einfühlsame, aber auch emotional geführte Dialoge. Wie schon in früheren Titeln nimmt er ihn mit auf eine Gefühlsachterbahn - bis zum überraschenden Ende.

Gleich lesen: Niemand trägt die Schuld allein

Leseprobe:
Erinnerungen
Im Lichtkegel der Laternen verfolgte Vera die tanzenden Schneeflocken, die sich im Vorgarten mit der dort bereits ruhenden, weißen Masse vereinigten. Sie verdeckten allmählich die Spuren, die kurz zuvor eine streunende Katze hinterlassen hatte. Obwohl das Außen-Thermometer Minustemperaturen anzeigte, gab ihr dieses Bild der Winterlandschaft ein wärmendes Gefühl. Sie schob die Lesebrille, die sie leicht angehoben hatte, in das Haar und konzentrierte sich vollends auf das Geschehen. Das Buch, in dem sie las, hatte sie in eine Melancholie versetzt, ihr das Gefühl gegeben, vergessen geglaubten Gedanken nachhängen zu müssen. Das Lesezeichen schob sie gedankenverloren zwischen die Seiten, klappte den Roman zu und legte ihn neben die kleine Vase auf den Tisch. Ohne den Blick vom Fenster abzuwenden, griff sie zum Glas und nippte daran. Sie liebte es früher, an Winterabenden ein gutes Buch zu genießen, dazu ein edler Tropfen. Peter hatte damals stets einen erlesenen Wein im Keller bevorratet. Seine geschäftlichen Kontakte zu einem badischen Winzer nutzte er gerne zu einer Weinprobe. Stolz präsentierte er ihr später seine neuesten Einkäufe, die dann, von einem feinen Abendessen begleitet, genossen wurden. Sie liebte diese Abende, denn sie fanden in den meisten Fällen ein feuriges, romantisches Ende.
Gerne erinnerte sie sich an diese Zeit der Harmonie, der tiefen Zuneigung zu diesem Mann, der ihr Herz im Sturm erobert hatte. Der smarte Jurastudent verstand es, ihr das Gefühl der Einzigartigkeit zu geben. Er respektierte sie und ihre kleinen Marotten - er schien diese sogar zu mögen. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie die Decke über die Schultern zog. Wie sehr vermisste sie diese Hände, die in der Lage waren, den Augenblick zu verändern. Seine Zauberhände konnten ihr nur durch bloße Berührung die Sinne rauben, sie in eine andere Traumwelt katapultieren. Wohlige Schauer zogen über ihren Körper. Sie spürte diese Finger genau in diesem Augenblick in ihrem Nacken, streckte sich ihnen entgegen. Die Erinnerung vermochte es, ihr diese Trugbilder vorzugaukeln.
Immer häufiger hing sie diesen Gedanken nach. Natürlich hatte es Männer in ihrem Leben gegeben, aber keiner von ihnen reichte auch nur annähernd an Peter heran. Es machte ihr mittlerweile Angst, dass sie sich immer stärker nach den Berührungen zurücksehnte, Berührungen, die nicht nur den Körper erreichten. Nein, sie veränderten die Sinne, schalteten alle Sorgen des Alltags aus. Peter Sobier war ein Magier, ein Mensch, der ihr Tun beeinflussen konnte. Immer, wenn er ging, verschwand diese Magie mit ihm.
Vera starrte zum gefühlt tausendsten Mal auf das Foto, das sie auf der Anrichte zwischen zwei Kerzen gebettet hatte. Es zeigte das pure Glück einer Familie, die den Sommerurlaub am Strand von Barbados genoss. Peter und sie hatten den überglücklichen Patrick in die Mitte genommen, sie tobten gemeinsam durch die türkisfarbenen Wellen. Keiner von ihnen bemerkte damals die dunklen Wolken, die am azurblauen Himmel aufzogen ...

Wie alles begann
Peter Sobier ließ den Wagen einige Meter vor der Garageneinfahrt ausrollen und betrachtete ihr neues Heim. Die Fenster und Türen waren während ihres dreiwöchigen Urlaubs in der Karibik eingebaut worden, das Außengerüst war schon teilweise abgebaut. Sogar die Klinkerarbeiten hatte die Baufirma geschafft. Nur die vielen Sandhügel und herumliegenden Materialien störten noch das Gesamtbild.
»Ist das schön geworden.«
Vera hatte das Fenster heruntergefahren und blickte verträumt auf die Riesenterrasse, auf die sie bei der Planung bestanden hatte.
»Morgen werden wir uns das einmal von innen ansehen. Jetzt geht´s nach Hause zum Auspacken und ausruhen. Ich spüre nun auch die Müdigkeit nach dem langen Flug.«
Peter startete den Motor wieder und setzte zurück. Sein Blick fiel dabei auf Patrick, der ruhig schlafend im Sicherheitsgurt hing. Zuhause angekommen weckte Peter vorsichtig seinen Sohn und drückte ihm eine leichte Reisetasche in die Hand. Vera hielt dem Kleinen, der sein Gepäck mühsam hinter sich herzog, lächelnd die Haustür auf und folgte mit ihrem Trolli. Die schweren Koffer überließ sie dem starken Geschlecht.

Das Frühstück stand duftend auf dem Küchentisch und wartete auf hungrige Mäuler.
»Patrick, du bist ja noch gar nicht gewaschen, wach auf mein Schatz.«
Vera berührte den Kleinen an der Schulter. Langsam öffnete er die Augen und blickte um sich.
»Haben wir verschlafen? Wir wollten doch zum Haus.« Er blinzelte und umarmte seine Mutter.
»Guten Morgen Mama. Wie spät ist es?«
»Es ist noch früh genug, du Schlafmütze. Wasch dich schnell, das Frühstück wartet. Papa ist schon vom Joggen zurück. Auf, auf.«

Der Möbelwagen blockierte die Auffahrt, sodass Peter den Mercedes auf der Straße parkte.
»Wer zuerst am Haus ist, dessen Zimmer wird heute noch eingerichtet, also bei Drei. Eins, Zwei ... halt, du Betrüger, erst bei Drei! Da Peter auch noch beim Loslaufen absichtlich wegrutschte, erreichte Patrick vor seinen Eltern die Haustür und blieb laut lachend stehen.
»Ihr Schlappschwänze ... Ich habe gewonnen.« Peter nahm seinen Sohn in die Arme und warf ihn spielerisch hoch. Den kleinen Blutfaden, der aus dem Nasenloch sickerte, übersah er dabei und begrüßte die Möbelpacker, die sich den herumalbernden Hausbesitzern grinsend genähert hatten. Patrick wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen und erschrak heftig.
»Mama, ich blute.«
Vera drehte sich ihm zu und kramte ihr Taschentuch aus der Hosentasche.
»Du hast nur Nasenbluten. Habt ihr wohl doch etwas zu heftig getobt. Werde Papa jetzt mal ordentlich die Meinung geigen. Das geht ja gar nicht.«
»Lass Papa in Ruhe. Der kann da nichts zu. Ich habe mich bestimmt gestoßen.«
»Na, dann hat dein Vater ja noch mal Glück gehabt. Wenn du dich so für ihn einsetzt, werde ich ihn ein letztes Mal verschonen.«
Lachend liefen beide zum Möbelwagen und bestaunten die unzähligen Kartons.

»Kommst du runter, Patrick? Das Abendessen ist fertig?«
Den ganzen Tag über hatten sie den Aufbau der Möbel beaufsichtigt. Patrick hatte eifrig beim Tragen der kleinen Päckchen geholfen und lag nun geschafft auf seinem Bett. Vera fand ihn schlafend und tupfte vorsichtig den kleinen Blutfaden weg, der sich wieder unter seiner Nase gebildet hatte. Sie entschloss sich dazu, ihn ruhen zu lassen und das Essen aufzubewahren, falls er doch Hunger verspürte und runter kam.
»Der Kleine ist völlig alle. Der wird bis morgen früh durchschlafen. Ich verstehe nur nicht, warum er plötzlich Nasenbluten bekommt. Das hat er doch noch nie gehabt.«
Sie sah Peter fragend an, während sie die dampfenden Kroketten entgegennahm, die er ihr anreichte.
»Das wird wohl die Klimaumstellung sein, du wirst schon sehen. Musst du nicht übermorgen zu Doktor Klein? Nimm Patrick doch mit, der soll ihn sich mal ansehen.«
»Gute Idee, Schatz. Der kennt ihn ja schon von Geburt an.«
»Morgen will ich mit ihm noch den versprochenen Ausflug zum Sea Life nach Oberhausen machen. Nachmittags bringe ich dann wieder ein paar Kartons rüber. Die empfindlichen Gegenstände vertraue ich nicht gerne den Möbelpackern an. Hast du eigentlich darüber nachgedacht, ob wir ihm den Hund gestatten? So ein Berner Sennenhund wird ja ziemlich groß. Der macht schließlich Arbeit und schränkt uns bestimmt ein.«
Vera runzelte die Stirn und blickte zur Treppe, um sich zu vergewissern, dass Patrick nicht mithörte.
»Ich würde empfehlen, dass wir das Thema im Augenblick zurückstellen, es könnte sein, dass es nur so eine fixe Idee war und er das wieder vergisst.«
»Das glaube ich allerdings nicht. Ist dir aufgefallen, wie er reagiert, wenn er Hunde sieht? Der wird ja täglich aufs Neue daran erinnert, wenn er draußen ist. Was machst du übrigens heute, Liebling?«
Erwartungsvoll sah er Vera an.
»Du bist ein typischer Macho, du hörst mir einfach nicht zu. Ich habe dir noch zuletzt am Gepäckband in Düsseldorf gesagt, dass ich mit Mama zum Frisör nach Essen-Rüttenscheid fahre. Sie schwärmt so vom Salon Conny Giese, dass ich ihn auch mal ausprobieren möchte. Lass mir die Haare komplett kurz schneiden, ist jetzt total in.«
Lange hielt sie Peters entgeistertem Blick nicht Stand, sie prustete los.
»War doch nur ein Scherz ... Was soll das ... was willst du? ... Peter, nein.«
Mit gespieltem Entsetzen riss sie die Arme hoch, um sich vor seinem Angriff zu schützen. Die Gegenwehr erlahmte jedoch, als sie seine Lippen auf ihren spürte und seine Hände ihre Taille umfassten. Peter hob sie vom Stuhl auf den Teppich, der nicht zum ersten Mal als Unterlage für spontane Liebesspiele diente. Seine Hände begannen, ihren Körper zu verzaubern.

»Wie lange soll ich noch auf dich warten? Du musst kein Schwimmzeug einpacken, das ist ein Aquarium ausschließlich für Meeresbewohner.«
Peter trommelte ungeduldig auf den Dielenschrank und kramte nach dem Autoschlüssel.
»Das weiß ich auch, Papa. Aber ich habe die Kamera nicht gefunden, wir können aber jetzt sofort los. Wo ist Mama? Ich hab´ noch nicht Tschüss gesagt.«
Vera schaute aus dem Bad, die Haare hatte sie mit dem Handtuch zum Turm gebunden. Beide Männer wurden begutachtet. Erst das von einem Lächeln begleitete Nicken zeigte ihnen, dass sie outfitmäßig ohne Beanstandungen durch die entscheidende Kontrolle gekommen waren.
»Fahrt ihr danach direkt zum Haus, oder zieht ihr euch erst noch um? Ich komme so gegen fünfzehn Uhr mit Mama dorthin. Sie will unbedingt helfen.« Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern und verabschiedete die beiden Männer mit einem Kuss. Mit einem hintergründigen Lächeln kniff sie Peter in den Po und verschwand wieder im Bad.
»Hab´ ich im Spiegel gesehen«, feixte Patrick und lief lachend zur Garage.

Die A42 war relativ frei und Shakira schmetterte ihren WM-Song ›Waka Waka‹ durch den Äther. Laut sangen Peter und Patrick mit.
»Papa, ich glaube, es geht schon wieder los, meine Nase blutet. Hast du ein Tempo für mich?« Peter sah kurz nach hinten und klappte das Handschuhfach auf. In der äußersten Ecke fand er ein angebrochenes Paket und reichte es nach hinten. Eine Bodenwelle ließ das Auto aufschwingen, sodass die Tücher hinter den Beifahrersitz fielen. Spontan griff Peter danach. Den ausscherenden Lastwagen rechts vor ihm bemerkte er noch aus den Augenwinkeln und riss das Steuer nach links. Mit diesem Manöver hatte der überholende Kleintransporter nicht gerechnet, er katapultierte Peters Mercedes wieder zurück auf die mittlere Spur. Sein Schrei ging unter im Lärm des sich verbiegenden Metalls und zersplitternder Scheiben. In sein Unterbewusstsein fraß sich als letzte Wahrnehmung Patricks ungläubiger Blick und der geöffnete Mund. Eine gnädige Ohnmacht entriss ihm dieses Bild.

»Ich schaff das nicht aus meiner Position, könnt ihr das Lenkrad hochstellen? Der Arm ist eingeklemmt und scheint gebrochen zu sein, müssen wir wohl provisorisch schienen. Habt ihr den Jungen schon im Helikopter?«
Wie durch einen wabernden Nebel vernahm Peter Wortfetzen der Unterhaltung. Er versuchte, die Augen zu öffnen und seine Gedanken zu ordnen. Jeder Atemzug schmerzte höllisch. Er spürte, wie Hände an ihm zogen, ihn bewegen wollten. Schemenhaft nahm er die um ihn herumhängenden Säcke der Airbags wahr. Irgendjemand versuchte, sie zur Seite zu drücken.
»Hallo ... können Sie mich verstehen? Wir haben Sie gleich hier raus, bleiben Sie ganz ruhig, alles wird gut.«
»Patrick ... Patrick ... wo?«
Er hauchte die Worte so leise, sodass einer der Helfer sein Ohr dichter an Peters Mund hielt.
»Was haben Sie gesagt? Bitte wiederholen Sie.«
»Wo ist Patrick ... ist er gesund?«
Die gekrächzten Worte hatte der Sanitäter jetzt verstanden und sah hilfesuchend zum Notarzt.
»Mein Name ist Doktor Hoffmann. Der Junge ist bereits auf dem Weg ins Essener Klinikum. Wir hatten für ihn einen Hubschrauber bestellt, damit er schnellstens versorgt wird. Der ist in guten Händen. Jetzt kümmern wir uns erst einmal um Sie. Bleiben Sie bitte ganz entspannt sitzen, damit wir Sie aus dem Sitz befreien können. Sie werden dann ebenfalls in das gleiche Krankenhaus gebracht.«

Im Kindle-Shop: Niemand trägt die Schuld allein

Mehr über und von Harald Schmidt auf seiner Website.



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