16. September 2016

'Wald der Wunder' von J. Vellguth

Schwarzwald, die Quelle von zauberhaften Sagen und uralten Märchen. Für Lea ist er nur ein mückenverseuchtes Dickicht, das es zu durchdringen gilt, als sie für ihren Chef dessen Blockhütte auf Vordermann bringen soll.

Nie hätte sie für möglich gehalten, was inmitten von moosigem Unterholz, geheimnisvollen Nebeln und gigantischen Baumriesen auf sie wartet. Zwischen dichten Wäldern und malerischen Dörfern treffen zwei Welten aufeinander und Lea muss sich entscheiden.

Ein romantisch-moderner Fantasy Liebesroman über mystische Zauberwesen und die Wunder der Natur.

Gleich lesen: Wald der Wunder: Fantasy Romance



Leseprobe:
Ihre Turnschuhe sanken immer wieder in den feuchten Waldboden ein und es war nur eine Frage der Zeit, bis sie nasse Socken bekommen würde.
Aber Lea stapfte trotzdem zwischen Tannen, Laubbäumen, Farnen und Gestrüpp den Berg hinauf und konzentrierte sich auf ihr Ziel. Eine fast freie Woche, mit ein bisschen Putzen für den Chef und hoffentlich genug Zeit, um ihre Selbständigkeit weiter auszubauen.
Wenn die erst einmal lief, war sie ihr eigener Chef. Dann könnte sie sich ihre Zeit selber einteilen und wäre endlich auf niemanden mehr angewiesen.
Wie lange sie sich schon wünschte, ihr Grafik-Design-Studio in Vollzeit betreiben zu können.
Studio, sie lachte in sich hinein. Aber hey, immerhin brauchte sie nicht mehr als ihren Laptop und das Internet, um zu arbeiten. Da durfte sie ihren Küchentisch wohl mit Fug und Recht auch als ihr Studio bezeichnen, oder?
Noch war es allerdings ein weiter Weg, nicht nur bis zur Vollzeit-Selbständigkeit, sondern auch zur Hütte.
Ein Blick auf das ausgetrocknete Flussbett sagte ihr, dass sie wenigstens noch in die richtige Richtung ging. Herr Walter hatte gesagt, sie könne die Hütte so überhaupt nicht verfehlen.
Allerdings war Flussbett schon eine ziemliche Übertreibung. Mit viel gutem Willen war die halb zugewachsene Mulde irgendwann mal ein Bächlein gewesen.
Hart schlug sie sich auf ihren bloßen Oberarm. Das Klatschen hallte zwischen den Bäumen hindurch, irgendwo schrie ein Vogel. Leas Haut brannte, aber sie hatte die blöde Mücke natürlich nicht erwischt.
Sie seufzte. Es gab schon einen Grund, weshalb sie mit Natur nicht viel anzufangen wusste. Sie hätte süßes Blut, pflegte ihre Großmutter zu sagen. Etliche Campingurlaube mit ihrem Vater hatten das immer wieder aufs Neue bestätigt.
Natur? Nein, das war einfach nichts für sie.
Überall grün, grün und nochmal grün. Wieder sank ihr Fuß tief in den moosigen Boden ein.
Ihr Chef hatte sie vorgewarnt, dass sie das letzte Stück zu Fuß gehen musste. Aber wie hätte sie ahnen sollen, dass er damit meinte, sie müsse sich mitten durchs Unterholz schlagen?
Sie hatte mit einem schmalen Weg gerechnet, im schlimmsten Fall aus Schotter. Aber das hier?
Schwarzwald.
Wer bitte schön machte freiwillig Urlaub im Schwarzwald?
Oh, ich hab eine nette kleine Hütte in der Nähe von Todtnau. Meine Frau will unbedingt unseren nächsten Urlaub dort verbringen. Wenn Sie das Häuschen für mich auf Vordermann bringen, rechne ich Ihnen das hoch an.
Ihre Mutter sagte immer, Lea wäre zu nett, sie müsste auch mal lernen nein zu sagen. Lea fiel es genauso schwer Hilfe auszuschlagen, wie sie anzunehmen.
Aber in diesem Fall war das ganz bestimmt anders. Natürlich wollte sie ihrem Chef auch helfen, aber die Aussicht auf bezahlte Überstunden und vor allem auf eine ruhige Zeit ohne Ablenkung hatten den Ausschlag gegeben.
Sie marschierte weiter und hoffte, dass sich der ganze Aufwand am Ende lohnen würde. Denn so, wie es im Augenblick aussah, hätte sie vielleicht doch besser einfach die Klappe gehalten.
Sie blieb kurz stehen, zog ihr Handy aus der Hose und prüfte das Telefonnetz. Ein einziger Balken schimmerte auf dem Display. Das versprach nicht gerade eine vernünftige Internetverbindung. Was ihre Arbeit so gut wie unmöglich machen würde.
Da trudelte auch schon eine SMS von ihrem neuesten Kunden ein, um ihr mitzuteilen, dass er seine Entwürfe am liebsten gestern schon gehabt hätte. Lea seufzte. Vielleicht hatte das schlechte Netz ja auch seine Vorteile, denn bisher hatte sie nicht die geringste Idee für diesen Auftrag gehabt.
Wie auch immer, sie würde das Beste daraus machen.
Der eine Balken verschwand von ihrem Display. Lea hielt das Handy in die Luft, da tauchte er wieder auf.
Sie teilte dem Kunden schnell mit, dass sie sich melden würde, sobald sie eine bessere Verbindung habe und tippte dann noch schnell eine Nachricht für Bibi.
Bin fast da. Reinste Pampa. Kaum Netz. Melde mich, wenn es geht. Küsschen. Dein Schnuffel.
Lea grinste vor sich hin. Schnuffel war das Codewort. Wenn es ihr gut ging, unterschrieb sie mit Schnuffel. Sollte sie aber mit Lea unterschreiben, dann würde ihre Schwester umgehend auf der Türschwelle auftauchen. So war zumindest der Plan.
Ihre Schwester hatte manchmal die verrücktesten Einfälle. Im Moment war sie zum Beispiel felsenfest davon überzeugt, dass Lea im Wald von Bruno dem Axtmörder entführt werden würde. So ein völlig bescheuerter Gedanke. Der Wald war gähnend leer und still.
Eigentlich hatte Lea mit der Nachricht bis zu ihrer Ankunft warten wollen, befürchtete aber einen totalen Netzausfall. Also blickte sie sich Bibi zuliebe noch einmal gründlich um. Baumstamm neben Baumstamm und hüfthohes Unkraut neben Unkraut. Ein richtiger Urwald. Später würde sie sich nach Zecken absuchen müssen.
Aber eins nach dem anderen. Mit einem Seufzen drückte sie auf Senden. Der Balken war schon wieder verschwunden. Sie hielt das Handy hoch über ihren Kopf und setzte sich mit ausgestrecktem Arm wieder in Bewegung.
Da, endlich, die Bestätigung blinkte auf, die SMS war versandt. Lea schob sich eine braune Strähne aus der Stirn, steckte das Handy in die Hosentasche und stieg über eine Wurzel. Dabei kam sie zu dicht an den Nachbarbaum, ihr Rucksack verfing sich an einem Ast und machte ein unschönes, reißendes Geräusch. Sie setzte ihn ab und erkannte, dass der Träger unten halb ausgerissen war.
Es wurde einfach immer besser.
Irgendwo im Unterholz knackte ein Ast und Lea sprang fast das Herz aus der Brust. Sie lauschte angestrengt und wünschte sich für einen panischen Augenblick, dass sie die SMS an Bibi doch erst in der Hütte abgeschickt hätte.
Dafür war es jetzt allerdings zu spät. Sie fingerte das Telefon wieder heraus, während sie versuchte, so leise wie möglich weiterzugehen. Das war natürlich nur ein Tier. Ganz bestimmt. Ein verdammt großes Tier.
Das war alles.
Noch ein Knacken.
»Hallo?«, rief sie und bereute es sofort wieder. Aber wenn es ein Axtmörder war, dann würde er sie bei ihrem Geräuschpegel sowieso finden. Und ein Tier würde von dem Schrei hoffentlich verscheucht werden, oder?
Ob es hier Wölfe gab? Oder Bären?
Ein Knacken, ein reißendes Krachen und dann ein dumpfer Fall. Ein Ast! Die Erleichterung rauschte durch ihre Adern wie frisches Eiswasser. Gott sei Dank, kein Axtmörder und auch kein Bär. Aber trotzdem ließen sie die Gedanken an wilde Tiere nicht mehr los.
Sie hatte irgendwo gelesen, dass man viel Krach machen sollte, um Raubtiere auf Abstand zu halten.
Also suchte sie in ihrem Handy nach Musik und steckte es halb in ihren Rucksack. Schandmaul schepperte in voller Lautstärke durch die Bäume.
Fresst das, ihr finsteren Bären – falls es euch überhaupt gibt.
Schwer atmend ging sie weiter den Berg hinauf. Ihre Kondition hatte sich komplett verabschiedet, seit sie in dem Architekturbüro arbeitete. Wenn sie wieder zu Hause war, musste sie unbedingt ihre Joggingschuhe wieder rauskramen.
Während sie über einen moosigen Baumstamm stieg, der Ähnlichkeit mit einem kleinen Elefanten hatte, freute sie sich schon wieder auf den Abstieg. Wenn’s vorher noch wie angekündigt ordentlich regnete, legte sie auf dem Rückweg eine wunderschöne Rutschpartie hin.
Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was die Frau vom Chef hier wollte, mit ihren Stöckelschuhen und ihren weißen Designerkostümen. Lea kam sich mit Jeans und Turnschuhen schon falsch angezogen vor, aber die Frau vom Chef …
Egal, das ging sie nichts an.
Sie konzentrierte sich wieder auf die bezahlten Überstunden, auf die Zeit für ihre Selbstständigkeit. Und wenn sie erst mal ihre kreative Flaute überstanden hatte, würde es auch da wieder aufwärtsgehen, das konnte sie spüren.
Aufwärts. Hah! Scherzkeks.
Auf jeden Fall würde sie Bibi für den Kundenkontakt einstellen, sobald sie es sich leisten konnte, dann wären sie ein echtes Familienunternehmen und sie konnte sich ganz auf den kreativen Teil konzentrieren. Zu schön, um wahr zu sein.
Trotzdem hielt sie sich an diesem Gedanken fest, während sie weiter zu den Tönen von Schandmaul den Hang hinaufstieg.

Im Kindle-Shop: Wald der Wunder: Fantasy Romance

Mehr über und von J. Vellguth auf ihrer Website.



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