3. Oktober 2016

'Das Spiel des Lebens' von Anna Musewald

Um Stefan zu retten, müssen Andreas, Kim, Harry und Thomas am Spiel des Lebens teilnehmen. Dieses Spiel ist jedoch Realität. Die Freunde wissen noch nicht, dass sie am Ende um ihr Leben spielen.

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Leseprobe:
Am Rand des einsamsten und unerreichbarsten Berghanges, den ein Mensch je gesehen hat, dort, wo die Natur alleine lebt, dort wo alles feucht und moosig ist, floss das kalte Wasser des aufgetauten Schnees und grub eine dunkle, von der Sonne verschonte Höhle. Am Eingang dieser Höhle wuchs ein prächtiger dichter Wald, in düsterer Finsternis und grausamer Einsamkeit vor den Menschen verborgen, bis eines Morgens ein verdatterter winziger Leuchtkäfer Richtung Höhle flog.
Der zierliche Leuchtkäfer folgte dem melodischen Ruf des Windes, der ihn führte. Einige Tage zuvor war er planlos und verwirrt umhergeflogen. Er hatte seinen Weg verloren und versuchte sich vergeblich zu erinnern, wohin er fliegen sollte. Dann vernahm er plötzlich die süße, weiche Melodie des Windes, die ihn zu sich rief. Verzaubert von der Wärme des Rufs, die seinen leuchtenden Körper umhüllte, beschloss er ihm zu folgen. Die Melodie, so erfüllend und wahrhaftig, führte ihn mit ihrem vielfältigen und echten Klang langsam und behutsam in den Eingang der dunklen Höhle.
Die dichten Bäume und die üppigen Gräser teilten sich und machten ihm den Weg frei. Das Wasser, das in schmalen Rinnsalen von den Wänden der Höhle floss, erzitterte und glitzerte wie die Scherben eines zerbrochenen Spiegels, als der Leuchtkäfer vorbeiflog. Der unregelmäßige Herzschlag seines kleinen Herzens hallte in der eisigen Stille der Dunkelheit wider. Zwei Wölfe, die in der vorherigen Nacht in den dunklen Ecken der Höhle Schutz vor dem Wind gesucht hatten, fürchteten das leuchtende Licht, welches der kleine Leuchtkäfer verbreitete. Sie heulten erschrocken auf und verließen fluchtartig den Ort.
Kaum in der Höhle, flog der Leuchtkäfer wie blind hin und her, taumelnd von der einen feuchten Wand zur anderen. Mit einer unvergleichlichen Flinkheit schoss er gegen die Decke wie ein leuchtender Strahl und fiel dann schlagartig wie goldener Regen zum feuchten Erdboden.
Irgendwann war er erschöpft von den Sprüngen und Spielen und machte sich auf die Suche nach der sanften Melodie, die ihn hierher gelockt hatte. In der Höhle herrschte eine solche Stille, dass er seinen eigenen Atem hören konnte. Er drehte sich um und suchte nach dem Ausgang. Wie ein leuchtender Pfeil sauste er zur Öffnung, doch wider Erwarten stieß er mit Wucht auf eine unsichtbare Wand.
„Ups!“, zeterte er verblüfft. Er versuchte erneut mit größerem Schwung aus der Höhle herauszufliegen. Nach dem neuen Aufprall, der ihn zum anderen Ende der Höhle schleuderte, dröhnte ihm der Kopf. Der Leuchtkäfer schaute erschrocken Richtung Ausgang. Er konnte nicht erkennen, was für ein Hindernis ihn in der Höhle hielt. Sein Licht fing an zu flackern und sein Körper wurde trüb. Er geriet in Panik. War er nun hier gefangen? Konnte es sein, dass die süße Melodie ihn in die Irre geführt hatte?
Seitdem versucht der Leuchtkäfer sich zu befreien, aber vergebens. Er hört andere, unendlich viele Käfer vor der Höhle fliegen und vorbeizischen, aber er kann sie nicht sehen. Er hört den Klang des frischen Wassers von schmelzendem Eis, das in der Nähe seines Gefängnisses fließt, kann aber seine Kühle nicht genießen. Der Gedanke, dass er wirklich gefangen ist, gefällt ihm allerdings nicht. Er betrachtet die feuchten Wände der Höhle nicht als sein Gefängnis, denn sie halten ihn nicht davon ab, das Summen der anderen Käfer und den Klang des Wassers zu hören. Er lächelt zufrieden, denn in seiner Vorstellung sieht er die bunten schillernden Flügel der Käfer und den schneeweißen Schaum des Wassers.
Trotz seiner Leiden gibt der kleine Leuchtkäfer, so wie alle anderen Leuchtkäfer, nicht einfach auf. Er hofft weiter und wartet geduldig auf die liebliche, weiche Melodie, die ihn von seinen unsichtbaren Fesseln befreien und wieder zurück nach Hause führen würde.

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