28. Oktober 2016

'Die Welt wartet' von Dana Winter

Eine junge Frau zieht hinaus in die Welt. Literarisch belesen, ausgestattet mit erstklassigen Zeugnissen und Vielsprachigkeit hat sie große Ambitionen, wie ihr Leben nach dem Studium aussehen soll: Sie will Karriere machen. Mit viel Ehrgeiz und Disziplin will sie den Idealen ihrer ostpreußischen Familie entsprechen.

Marie lebt mehr in den Geschichten ihrer Bücher, als in der Wirklichkeit, und so macht sie sich auf die Suche nach dem wahren Leben. Mit der Blauäugigkeit eines Kindes stürzt sie sich in die weite Welt, in der Annahme, dass Fleiß, Talent und Kompetenz etwas zählen, doch sie wird bald mit der harten Realität konfrontiert. In der luxemburgischen Bankenszene vor dem großen Crash bekommt sie einen ernüchternden Einblick in die reale Arbeitswelt.

Auch die Künstlerszene entpuppt sich als weit weniger erhaben, als die Vorstellung der ungebrochenen Optimistin. Davor hatte sie, wie sie glaubt, keiner gewarnt. Doch sie bleibt entgegen aller Widernisse sie selbst und durchschreitet kopfschüttelnd ihr Leben, wie eine Romanfigur – so kommt sie schließlich da an, wo zwangsläufig alles hinführen musste …

Gleich lesen: Die Welt wartet: Die Suche nach dem wahren Leben

Leseprobe:
Die Kinderliebe zwischen Freundinnen war jäh vorbei, als die Freundin, die sie immer so geliebt hatte, sagte: »Du bist wie eine Blume, die das ganze Licht anzieht. Ich kann neben dir nicht wachsen.« Damit begann ein Abschnitt in ihrem Leben ohne beste Freundin. Aber vielleicht war das ja auch nicht mehr zeitgemäß.
Die große Liebe sagte später: »Ob es Liebe oder Freundschaft ist … ich wünsche dir, dass du den findest, der Haie von dir fernhält« – und heiratete Ute, die weder schön noch besonders begabt oder intelligent war, eher pummelig mit breitem saarländischen Akzent – »Wäääische?« Alexander, Fan von Milan Kundera, begeisterter Kunst- und Literaturliebhaber mit einer Schalterangestellten, das hatte Marie nie wirklich verstanden – im Nachhinein war es viel besser so (wie so oft, nur weiß man es im Moment selbst nicht). Sie hätte nie in St. Wendel leben können – von Ostpreußen nach St. Wendel: undenkbar. Saarbrücken war schon schwer genug.
Nun denn, nach Teneriffa, zweite Liebe, um die erste zu vergessen: großer Mann mit breiten Schultern, braun gebrannt mit schwarzen Haaren. Er ging elegant und aufrecht, das war unglaublich anziehend. Alexander lachte und sagte »Er geht schön?« als sie ihm erklärte, warum sie sich verliebt hatte. Er fand das unsinnig, aber seine Ute ging vermutlich nicht besonders schön.
»Yo no soy Marco Polo«, hatte Quique zu Marie gesagt und einen wunderschönen Brief geschrieben. Und er hatte recht, sie würde nicht nach Teneriffa ziehen und er nicht nach Saarbrücken.
Ihre Freundin Ilka war schwanger geworden von Pedro. »Dann haben wir was, was uns beiden gehört«, erzählte Ilka begeistert und wusste noch nicht, dass sie ihren Pedro nie wiedersehen würde, ihr Sohn auch nicht seinen Vater, denn der war schon verheiratet, mit Frau und Kind auf der Insel, auf der sie eigentlich nur Party machen wollte. Mit 19 sah Party machen aber noch bescheiden aus und somit wurde aus dieser Woche Teneriffa eine Liebesgeschichte, die ein zarter Übergang ins neue Leben war.
Alexander war sie von da an noch manchmal an der Uni begegnet, aber sie hatten sich ja versöhnlich als Freunde verabschiedet. Eigentlich hatten sie auch nur miteinander geredet, aber es war schön, im Garten und Schloss der Gedanken des anderen spazieren gehen zu dürfen. Er hatte dann noch ein anderes Mädchen getroffen – vor Ute – mit der er Mühe hatte, denn sie verstand seine Literaturanspielungen alle nicht, hatte nicht die ganzen englischen und spanischen Romane gelesen, die sie zusammen in allen Vorlesungen durchgesprochen hatten. In Phonetik hatten sie auch zusammen in einer Klasse gesessen, wo sie die schüsselförmigen Laute lernten. Was um alles in Welt sollte das sein? »Die drei Nasale im Französischen sind an, on und en«, betonte der Professor – er sprach alle drei gleich aus. Man lernt so viel Abstruses an der Uni, das man für das wahre Leben nie brauchen wird, aber was ist schon das wahre Leben?
Es war ja auch irgendwie beruhigend, absurde Sachen gemacht zu haben: die Ex-Freundin von Maries Ex hatte ihre Doktorarbeit tatsächlich über den Ursprung des Wortes Sonntag geschrieben. 150 Seiten Sonntag. Unglaublich. Wer schreibt den Montag?

***

Der Tag im Büro war fast vorbei – praktisch. Eins konnte man hier nicht: sich überarbeiten. Marie wartete auf 16:30 Uhr, um dann endlich zu Hause den Jogginganzug anzuziehen, aufzuräumen und den Montagskrimi zu gucken. Highlight des Tages: saure Stäbchen und Krimi – war das nun das wahre Leben?

***

Sie hatte nicht alles, aber doch vieles probiert: Als sie in Sevilla Spanisch studierte, fehlte ihr schon der Gesang und die ersten Anmeldungen zum Vorsingen kamen per Post. Dann Loïc in Paris, der ihr den Koffer trug und nebenbei beim Kaffee erwähnte: »Oui, mon histoire amoureuse avec Jean-Luc.« Dabei wollte sie doch Tosca mit ihm singen. Je suis un homo comme ils disent – und Aznavour hatte recht, alle Klischees stimmten: die Wohnung perfekt gestylt und generell war alles gepflegt und schön – alle Männer in dieser Kneipe sahen aus wie Topmodels, aber Grazia meinte, sie würden sie eher nach Kosmetik fragen, als irgendein Interesse an ihnen zu zeigen.
Marie hatte Loïc für einen wahren Gentleman gehalten – er wollte nichts überstürzen und sich einer Frau nicht gleich am ersten Abend aufdrängen –, dass er aber Paul-François liebte und begehrte, das hatte sie nicht verstanden. Später war ihr das peinlich: Wie konnte sie übersehen haben, dass er schwul war? Breite Schultern, tiefe Stimme, ein sehr viriler Typ … woher sollte man das wissen? Keiner hatte sie gewarnt.
Magister Artium – war das heute wirklich noch jemand? Latein machte auch keiner mehr in der Schule und Klavier lernten nur die Kinder von Ballettschülerinnen wie Lenes Tochter. Lene achtete immer fanatisch auf ihr Gewicht, dabei war sie nie dick – aber was man ihr beim Ballett eingetrichtert hatte, ging nicht mehr aus dem Kopf und so sagte sie jedes Mal, wenn sie sich was gönnte: »Oh je, danach muss ich aber aufhören, sonst werde ich ganz fett.« Unter etwas gönnen verstand sie einen Cappuccino mit Sahne – höchstens einmal im Monat; Maach mol keen Stress fir Nix un widder Nix, würde der Saarländer sagen –, aber Nele war ja schließlich was Besseres, Saarlouis immerhin.
Was sollte man eigentlich mit einem MA machen, wenn man nicht Lehrer werden wollte und keine Pädagogikscheine gesammelt hatte? – »Warum machst du Lehramt?« – »Ferien und Halbtagsjob bei vollem Gehalt.« Das waren tatsächlich die Antworten der Kommilitonen. Marie aber war mit 20 noch motiviert: zu etwas Höherem ist der Mensch geboren.
Die Einkaufsleiter bei Dillinger Stahlbau und ZFGetriebe hatten ihr geraten BWL zu studieren, um nicht ein Leben lang Business-English für Mitarbeiter zu unterrichten, wo sie doch ihre Magisterarbeit über Modes of Self-Consciousness bei Ian McEwan geschrieben hatte. Was war das doch gleich?
Sie wollte ihren Vater so gerne stolz machen: Wirtschaft – endlich was Richtiges. Er hatte sich seinen Weg nach oben so hart erarbeitet und sie hatte das nie richtig gewürdigt – alle haben nie erkannt, was er geleistet hatte. Die Kinder der Kriegskinder hatten das auch nicht – wie auch?
Sie wusste selbst nicht genau, wie sie dieses Diplom geschafft hatte, nie eine Eins in Mathe oder Logik, Knock-out Kriterium bei McKinsey, wo sie direkt im ersten Test durchgefallen war – verdienterweise. Aber der Titel MBA machte sich irgendwie gut.
In den Genuss der neuen Wohnung – die erste Wohnung alleine, ohne Mama –, in der alles so ordentlich und sauber war wie bei Oma, kam sie nur kurz, denn dann folgte schon der Umzug nach Luxemburg. Neues Leben: Investmentbanking. Sven meinte nur: »Waaas? Gemüse-Fonds?«

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