15. Oktober 2016

'Verdammte Welt - Böse Geschichten' von Norbert Böseler

Sie legen ihr Schicksal in die Hand des Bösen und begeben sich in eine Welt, aus der es kein Entrinnen gibt.

Ein dunkles Wesen, ein teuflisches Navigationsgerät, ein hochprozentiges Getränk, eine blutrünstige Schreibfeder, eine zum Leben erwachte Tätowierung und ein magischer Hut verkörpern in sechs unheimlichen Geschichten das Böse.

Auch als Taschenbuch erhältlich.

Gleich lesen: Verdammte Welt - Böse Geschichten






Leseprobe:
Im Schatten der Feder

Er wollte eine Geschichte schreiben. Es sollte seine letzte, mit Blut geschriebene Geschichte werden. Gerold Weller, ein unscheinbarer Mann mittleren Alters, hatte lange darüber nachgedacht, ob er sie schreiben sollte oder nicht. Nun waren die Würfel gefallen und es gab kein Zurück mehr. Er glaubte, die Feder habe die Entscheidung für ihn getroffen. Sie wollte die Geschichte schreiben.
Argwöhnisch betrachtete er die Schreibfeder, die er vor über zehn Jahren erworben. Die Feder erstrahlte in einem jungfräulichen Weiß, als wäre sie der Gans am frühen Morgen aus dem Flügel gezogen worden. Dabei musste sie hunderte von Jahren alt sein. Der Kiel war fest in einem Holzröhrchen verankert. Der hölzerne Schaft diente als Federhalter und wies feine Schnitzereien in unterschiedlichster Form auf. Im Wechsel verliehen zackige und geschwungene Linien dem Federhalter eine griffige Struktur, sodass er gut zwischen den Fingern lag. Eine Kugelspitzfeder aus Metall steckte passgenau im unteren Ende des Halters. Die Schreibfeder lag auf einer kleinen Schale, die aus dem gleichen Holz geschnitzt zu sein schien wie das Röhrchen. Auch hier verteilten sich schwungvoll geformte Verzierungen. Am linken Rand der Schale war eine Mulde eingelassen, in der sich ein Tintenfass aus Speckstein befand. Farblich unterschied sich das kleine Fässchen kaum vom Holz der Schale. Beides ergab eine fließende Einheit.
In dem Tintenfass war keine Tinte, sondern Blut. Das Blut seiner geliebten Frau Nadine.
Weller hatte alle Vorkehrungen getroffen, die er für seine Geschichte benötigte. Der Laptop war geöffnet und die Übertragung vermittelte ein gutes Bild. Imprägniertes Papier lag zu seiner Rechten. Immer wenn er mit Blut schrieb, benutzte er dieses spezielle Papier. Die Trocknung dauerte zwar etwas länger, doch die Schrift verlief nicht so stark wie auf normalem Schreibpapier. Weller nahm ein Blatt und legte es vor sich ab. Er wollte zunächst überprüfen, ob das Blut die richtige Konsistenz hatte. Es durfte nicht zu dünn, aber auch nicht zu dickflüssig sein. Mit leicht zitternder Hand nahm er die Schreibfeder von der Schale und öffnete das Tintenfass indem er den mit Kork untersetzten Deckel abnahm. Er tauchte die Metallfeder vorsichtig ein und streifte die nun rote Spitze auf einem weichen Baumwolltuch ab. Ein roter Blutfleck zierte jetzt das helle Tuch.
Gerold Weller tauchte die Feder erneut ein und hielt sie anschließend über das leicht glänzende Blatt Papier. Er wollte die Feder gerade aufsetzen, als wieder der alte Mann mit dem hässlich entstellten Gesicht auf der noch leeren weißen Seite erschien.

Im Kindle-Shop: Verdammte Welt - Böse Geschichten

Mehr über und von Norbert Böseler auf seiner Facebook-Seite.



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