5. November 2016

'Cherry on top' von J. Vellguth

Cherry zaubert die besten Cupcakes von New York. Am liebsten fluffig, cremig, sahnig und mit einer Kirsche oben drauf. Jetzt soll sie für ihre beste Freundin die Einweihungsfeier versüßen. Eigentlich kein Problem, wenn sie dafür nicht mit Milo dem größten Macho der City zusammenarbeiten müsste.

Milo ist der absolute Übermacho und hat immer einen anzüglichen Spruch auf Lager. Die Mädels stehen reihenweise Schlange und lecken sich nach seinem Astralkörper die Finger … normalerweise. Zumindest bis er auf Cherry trifft …

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Leseprobe:
Cherry verteilte mit Hingabe die blassrosafarbene Buttercreme als dekoratives Häubchen auf den zartbraunen Cupcakes. Das schaffte sie grundsätzlich nicht, ohne zu kleckern. Deshalb leckte sie gerade genüsslich ihre Finger ab, als das Glöckchen über der Tür bimmelte und ihre Arbeitskollegin in den Laden trat.
»Sorry, dass ich zu spät bin«, sagte Annie.
»Ärger mit der Nanny?«, fragte Cherry ohne aufzublicken, um ein weiteres perfektes Häubchen auf einen der Kuchen zu drehen.
»Hör bloß auf«, seufzte Annie. »Ich hab endlich eine Tagesmutter gefunden, die fast bezahlbar ist. Aber dafür muss ich jetzt jeden Morgen eine Weltreise antreten.« Sie flocht sich mit geübten Fingern zwei Zöpfe in das kurze blonde Haar.
Cherry blickte hoch und lächelte aufmunternd. »Das klingt doch nach einem Anfang.« Annie versuchte schon so lange, einen bezahlbaren Betreuungsplatz für ihren Jungen zu finden. Es wurde Zeit, dass sie endlich einmal Glück hatte. »Und was sagt Timmy dazu?«
»Er war leider nicht sonderlich begeistert.« Sie verdrehte die Augen und griff nach einer der bunten Schürzen, die neben dem Tresen an der Wand hingen. »Aber ich hoffe, das gibt sich, wenn er die Dame ein bisschen besser kennenlernt.«
Mit der knalligen Schürze setzte Annie einen fröhlichen Farbtupfer in dem kleinen Laden. Mintgrüne Wände, weiße Holzblenden an den Möbeln, zwei kleine Tische mit Stühlen direkt neben dem Eingang und endlose Reihen von wunderhübsch verzierten Cupcakes, die in der gläsernen Vitrine neben der Kasse leuchteten, erzeugten eine urgemütliche Atmosphäre.
»Das wird schon«, sagte Cherry und biss sich auf die Zunge, während sie den nächsten Cupcake verzierte.
»Es muss«, sagte Annie. »Schließlich hab ich der guten Frau gerade meinen letzten Cent Erspartes als Anzahlung in die Hand gedrückt, damit sie uns überhaupt in Erwägung zieht.« Sie seufzte.
»Auf jeden Fall gut, dass du da bist«, sagte Cherry. »Und dass es heute Morgen so ruhig war. Sonst wäre ich aufgeschmissen gewesen.«
»Doug sollte wirklich endlich noch jemanden einstellen. Das wird sonst einfach alles zu viel.«
»Hey, das musst du mir nicht sagen.«
»Was wird das da eigentlich, wenn es fertig ist?«, fragte Annie und deutete mit einem Nicken auf Cherrys Kreation.
»Kirschcreme und Schokolade mit einer Spur Pfefferminz.«
»Klingt sehr … experimentell.«
»Ist es auch. Ich muss mir schon etwas einfallen lassen, wenn ich den CuteCupcakeContest gewinnen möchte. Drück mir die Daumen, dass ich die kleinen Probeschätzchen hier nicht alleine verdrücken muss.«
Annie lachte. »Würde dich das wirklich stören?«
»Kommt drauf an. Erinnerst du dich noch an die Zuckertörtchen?« Sie verzog das Gesicht. »Ich wüsste immer noch gerne, wie du das geschafft hast.«
»Wenn ich mich recht entsinne, war da ein kleiner Besucher nicht ganz unschuldig.«
Annie lief rosa an. »Stimmt, ich erinnere mich. Und eine Tüte Marshmallows hat auch noch eine Rolle gespielt. « Sie grinste verlegen. Dann zählte sie schnell die Küchlein in der Auslage. »Wir haben keine mehr mit Kaffee hier vorne«, sagte sie über die Schulter.
»Die neuen hab ich eben in den Ofen geschoben, kannst du, glaube ich, schon rausholen.« Damit fischte sie ein paar Kirschen aus ihrer Obstschale.
Annie kam gerade nach hinten, da ging die Tür auf und ihr Chef trat ein. Jung, riesig, braunes Haar und Goldrandbrille. Nicht muskulös, aber sehr … massiv. Er sah müde aus.
»Hey, Doug«, rief Cherry. »Heute ist es ruhig, aber du kannst gleich meine neueste Kreation probieren. Peppermint‐Surprise.«
Doug sah nicht gerade glücklich aus, als er die Brille abnahm. Er putzte die Gläser gewissenhaft, während er zu ihr trat. »Morgen zusammen. Sieht nett aus«, sagte er nachdenklich. »Aber da fehlt noch was.«
»Deko kommt noch, ich dachte an eine dicke, rote Kirsche und vielleicht sogar noch ein Pfefferminzblatt – wenn das nicht zu viel wirkt.«
Er nickte.
Sie reichte ihm den ersten Cupcake. Der arme Kerl sah echt mies aus, seine Haut war ganz grau und er hatte dicke Ringe unter den Augen. Entweder hatte er wieder die ganze Nacht durchgearbeitet oder er wurde krank. Manchmal war sie verdammt froh, dass sie kein Ladenbesitzer war. Sie stand wesentlich lieber in der Küche hinter dem Ofen.
Er nahm den Cupcake entgegen, löste das Papier und biss hinein.
»Und?«, fragte Cherry. Sie konnte es überhaupt nicht mehr aushalten.
Doug schluckte. »Lecker. Aber Kirschen schmecke ich nicht.«
»Nicht? Und was ist mit Pfefferminze?«
»Ausschließlich Pfefferminze, um genau zu sein.«
Wie konnte das sein? Sie hatte doch extra probiert? Und so viel Pfefferminz war es doch gar nicht gewesen. Sie griff selbst nach einem Cupcake. Aber wahrscheinlich war ihr Mund schon minztaub.
So ein Mist.
Annie hatte gerade die Törtchen aus dem Ofen geholt und ging jetzt zur Kasse, weil eine Kundin hereinkam.
»Vielleicht kannst du ja noch die Farbe ändern«, sagte sie im Vorbeigehen. Damit setzte sie ihr freundlichstes Lächeln auf und wandte sich der Kundin in dem mausgrauen Kostüm zu.
Cherry überlegte. Färben wäre vielleicht gar keine so schlechte Idee.
»So können wir das auf keinen Fall verkaufen«, sagte Doug und klang fast schon verzweifelt.
»Ich weiß, das geht auf meine Kappe. Es sei denn … wenn ich es braun färbe und Schoko‐Pfefferminz drauf schreibe, ginge das?«
Doug drehte den Cupcake in seinen Fingern, schloss die Augen und biss ein weiteres Mal hinein. Er seufzte. »Einverstanden. Aber mir wäre es sehr recht, wenn du die Experimente fürs Erste in deine private Küche verlagern könntest.«
Cherry war überrascht, normalerweise mochte er Eigeninitiative. Aber er war der Boss. »Sicher.«
»Ich muss noch mal weg, aber ich bin in ein paar Stunden zurück …«
Cherry hatte das Gefühl, er wollte noch etwas sagen, aber er warf nur einen Blick auf die einzige Kundin und verabschiedete sich dann mit einer kurzen Geste.
Sie wollte ihn noch fragen, ob er nicht lieber zu Hause bleiben und sich ausruhen wollte, aber da betrat eine junge Brünette den Laden.
Ihr Haar schimmerte kupferfarben in der Herbstsonne, über den Wildlederstiefeln trug sie ein braunes Strickkleid und eine kurze Jacke mit Kunstpelzkragen. Ohne Jeans hätte Cherry ihre Freundin fast gar nicht wiedererkannt. Aber seit sie mit Jake zusammen war, hatte sich so einiges geändert. Sara war viel offener und fröhlicher, besonders vor Kameras. Der einzige nicht ganz so gute Nebeneffekt war die Tatsache, dass ihre Freundin vor Kurzem ausgezogen war. Und jetzt vermisste sie ihre Zimmernachbarin maßlos. Aber natürlich war sie von Herzen glücklich, dass es mit ihr und Jake so gut lief »Hi«, rief Sara. »Ich hab ein kleines Attentat auf dich vor.«
Cherry verdrehte theatralisch die Augen. Das bedeutete normalerweise, dass sie für irgendwen backen sollte. Und in Gedanken gestaltete sie bereits die ersten Kuchen‐Designs. »Wer hat Geburtstag?«
»Niemand. Viel größer.« Damit schob Sara sich hinter den Tresen und lehnte sich an die Wand.
»Größer?«, fragte Cherry und mischte noch etwas Farbstoff in die Cremefüllung. Tatsächlich entstand dabei ein dunkler, nicht einmal unappetitlicher Braunton. »Jupp. Jake und die Gang wollen ein Kreativ‐Studio eröffnen und wir brauchen noch jemanden, der den süßen Teil des Caterings übernimmt. Da haben wir an dich gedacht.«
»Wer macht denn den nicht‐süßen Teil?«
Sara grinste. »Jake möchte Pizza backen und er macht himmlische Kanapees.«
Cherry musste nicht lange nachdenken. SweetCakes hatte schon seit einer Weile keinen größeren Auftrag mehr gehabt. »Doug wird sich bestimmt freuen.« Sie nahm einen ihrer Minz‐Cupcakes in die Hand und hielt ihn ihrer Freundin entgegen. »Probier mal.«
»Das heißt, du bist dabei?«, fragte Sara.
»Als ob ich dir etwas abschlagen könnte.«
»Okidoki, Cherry ist verantwortlich für das leibliche Wohl. Check. Dann müsstest du dich nur wegen Farben, Thema, Aufbau und so weiter mit der restlichen Orga absprechen.« Sara biss in den experimentellen kleinen Kuchen.
»Kein Problem. Wer macht die denn?«
Sara war plötzlich sehr damit beschäftigt, die braune Creme von ihren Lippen zu lecken. »Das ist echt lecker, habt ihr die neu im Sortiment?«
Aber Cherry ließ sich nicht ablenken. »Jetzt sag schon. Wer?«
Sara seufzte. »Wirst du schon sehen, wir sind in deiner Mittagspause verabredet.«
Cherry kniff misstrauisch die Augen zusammen. »Und wieso kannst du mir das nicht einfach sagen?«
»Die sind wirklich verdammt lecker. Ich finde, ihr solltet die in euer Programm aufnehmen.«
Cherry gab es auf, fürs Erste. Sie wusste, dass sie aus Sara nichts weiter herausbekommen würde. Allerdings hatte sie schon eine dumpfe Ahnung, was das bedeuten könnte. Und das machte es nur schwieriger, bis zu ihrer Pause abzuwarten.

Im Kindle-Shop: Cherry on top

Mehr über und von J. Vellguth auf ihrer Website.



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