21. November 2016

'Dein Traum in mir' von Thalea Storm

Was würdest du tun, wenn du die Möglichkeit hättest, noch einmal von vorne zu beginnen und die Vergangenheit hinter dir zu lassen?

Ellas Leben ist kompliziert: Um sie herum jagt alle Welt ihren Träumen und Zielen hinterher, während ihr Alltag von Terminen, Verantwortung und Frust gezeichnet ist. Doch dann lernt sie auf verblüffende Art und Weise den mysteriösen und zugleich faszinierenden Conrad kennen. Für Ella wird Conrad ein Ort der Zuflucht, der alles daran setzt, ihr die schönen Seiten des Lebens wieder näher zu bringen. Ein Wechselbad der Gefühle beginnt, hin- und hergerissen zwischen Traumwelt und Realität.

Ella will der Wahrheit auf den Grund gehen und begibt sich auf eine geheimnisvolle Reise in die Vergangenheit. Immer im Wettlauf mit der Zeit, denn ihre Leben droht sie erbarmungslos einzuholen.

Gleich lesen: Dein Traum in mir

Leseprobe:
Eine gefühlte Ewigkeit dauerte es, bis wir den letzten großen Felsvorsprung überwunden hatten und auf der Klippe ankamen. Ich ließ mich erschöpft ins Gras fallen und schloss die Augen. Der Wind fegte dort oben viel intensiver über meinen Körper hinweg, als er es am Strand getan hatte. In der Ferne hörte ich die Möwen schreien. Der Geruch des Meeres - salzig mit einer leichten Note aus Algen und Fisch - drang in meine Nase. Wie konnte es sich alles so real anfühlen, aber nur in meinem Traum möglich sein?
“Komm her Ella. Sieh dir das an.”
Conrad war bis zum äußersten Rand der Klippe gelaufen.
Er saß auf dem moosgrünen Boden und ließ die Beine über die Felswand baumeln.
Als ich hinter ihm stand und sich vor mir das riesige Meer ausbreitete, an dessen Horizont die Sonne unterging, verschlug es mir die Sprache. Ich hatte selten etwas Schöneres gesehen.
Er klopfte neben sich auf den Boden. Vorsichtig hockte ich mich erst hin und traute mich dann doch, die Beine ebenfalls über den Klippenrand zu hängen.
Der Himmel leuchtete in einem intensiven Orangerot. Es sah aus, als brannte der Horizont lichterloh und das Meer glitzerte wie Millionen kleiner Kristalle in seinen Flammen.
“So etwas Atemberaubendes habe ich noch nie gesehen.”
Meine Stimme war belegt. Mein Hals mit einem schweren Kloß gefüllt. Ich schluckte.
“Dann wird es Zeit, dass du die Schönheit in den Dingen wahrnimmst. Geht bei dir zu Hause denn etwa keine Sonne unter?”
„Doch, aber dafür habe ich meistens keine Zeit.“
„Zeit muss man sich nehmen.“
Conrad sah mich an. Auch in seinen Augen tanzten die Flammen des Himmels und leuchteten die Kristalle des Meeres. Ich wusste nicht, was ich schöner fand: die Kraft der Natur um mich herum oder diesen wunderschönen Mann neben mir.
“Wir wissen nicht, ob wir jemals einen von euch treffen werden. Manchen passiert es, manchen passiert es nie. Diejenigen, denen es nicht passiert, glauben nur selten an euch und eure Welt. Ich bin froh, dass ich es jetzt schon erleben darf und nicht noch so viele Jahre warten muss. Geduld ist nicht meine Stärke.”
Er lachte und der Klang seines Lachens ließ mein Herz schneller schlagen.
“Hast du schon mal von Klarträumen gehört?”
“Nein, sagt mir nix. Was ist das?”
“Es soll helfen, dass man nachts in seinem Traum Dinge bewusst erlebt. Man kann Menschen treffen, verschiedene Aktivitäten durchführen. Man kann eigentlich alles. Es ist dein Traum und vor allem weißt du die ganze Zeit, dass du träumst.”
“Klingt interessant.” Er zupfte an dem Moos neben sich und krümelte es zwischen den Fingern die Klippe hinunter.
“Ja. Aber irgendwie hat es mich hierhergebracht. Das wirkt alles nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Ich weiß, dass ich träume. Aber du hast ein Leben hier. Eine Vergangenheit. Das kann ich mir doch nicht alles einbilden, außer ich bin völlig verrückt geworden.”
“Das bist du nicht. Glaub mir, so wie du dein Leben hast, habe ich meins. Ich habe keine Ahnung was dich hierhergeführt hat, aber ich bin froh, dass du jetzt da bist.” Daraufhin lächelte er mir zu.
Wir saßen beide schweigsam nebeneinander, bis die Sonne am Horizont verschwunden war. Als der Wind auffrischte und die Dunkelheit entschieden über uns hereinbrach, beschlossen wir, dass es besser wäre, die Klippen rechtzeitig zu verlassen.
Er stand zuerst auf und reichte mir höflich seine Hand.
Dankend lächelte ich ihm zu und ergriff sie.
Kurz bevor meine Hand seine getroffen hätte, durchfuhr uns beide ein Gefühl, dass einem gewaltigen Stromschlag glich. Unsere Hände kribbelten und schmerzten. Ein Krampf zog sich bis zu meiner Schulter und den Nacken hinauf.
Alleine stand ich auf und sah ihn schockiert an. Auch er hielt seine Hand und starrte verwundert zwischen ihr und mir hin und her.
“Was zur Hölle…?” Bevor ich etwas erwidern konnte, kam Conrad zu mir und versuchte erneut nach meiner Hand zu greifen. Wieder durchzuckte unsere Körper das elektrisierende Gefühl exakt in dem Moment, als seine Fingerspitzen meine Haut berührten. Für einen kurzen Moment dachte ich, ich würde brennen, so heiß wurde meine Haut. Ich stöhnte.
“Was ist das?”
Er schüttelte den Kopf. Eine Haarsträhne fiel ihm dabei ins Gesicht. Er pustete sie weg. Sein Gesicht war feuerrot.
“Ich weiß es nicht. Ich kann dich sehen und dich hören, doch berühren scheine ich dich nicht zu können. Es ist, als existierst du gar nicht richtig. Wie ein Geist oder sowas.”
Lange standen wir uns dort auf den Klippen gegenüber. Sein Blick suchte meinen und ließ ihn nicht mehr los.
Als Conrads Bild vor meinen Augen nach und nach verschwamm, schloss ich sie und ließ mich zurücktreiben.

Im Kindle-Shop: Dein Traum in mir

Mehr über und von Thalea Storm auf ihrer Website.



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