4. November 2016

'Die Warnung des Kolibris' von Tonia Nellie

Während einer Reise nach Brasilien schaukelt sich der jahrelange Konflikt zweier Schwestern hoch ...

Eigentlich will Dorothee mit ihrem Freund und ihrer jüngeren Schwester die Reise alleine antreten. Aber kurzfristig beschließt ihre verhasste ältere Schwester Andrea, auch der Einladung ihres Onkels zu folgen und sie nach Brasilien zu begleiten. Dorothee sieht nicht nur ihren Urlaub verdorben, sondern hat auch Angst, ihren Freund an sie zu verlieren.

Tatsächlich spinnt Andrea schon kurz nach ihrer Ankunft Intrigen. Aber auch die alte Villa, in der einst eine grausame Sklaventreiberin hauste, bereitet Dorothee Unbehagen. Häufig fällt der Strom aus und merkwürdige Gestalten laufen herum. Und warum verhält sich ihre Tante auf einmal so sonderbar?

Schlafmangel und Albträume verunsichern Dorothee zusehends. Und allmählich eskaliert die Situation zwischen den beiden Schwestern ...

Gleich lesen: Die Warnung des Kolibris

Leseprobe:
Fast wäre Dorothee der Hörer aus der Hand gefallen.
Dabei hatte das Telefonat so harmlos begonnen – als Small Talk mit ihrer jüngeren Schwester Betti. »Kannst du unsere Brasilientour auch kaum noch abwarten?«, fragte diese.
»Nicht wirklich«, antwortete Dorothee und ließ ihren Blick über die ausgedruckten Internetseiten schweifen, die quer verteilt auf ihrem weißen Teppich lagen. »Wenn ich mir die Fotos mit Urwäldern und herrlichen Stränden angucke, möchte ich morgen schon los!«
›Und bald sitze ich mit Gustav unter einer Palme und trinke mit ihm aus einer Kokosnuss‹, fügte sie gedanklich hinzu. Allein der Gedanke daran, dass ihr Freund auf die große Reise mitkommen würde, ließ ihr Herz höherschlagen.
»Schade, dass Mama und Papa schon Thailand gebucht hatten. Da können die doch später immer noch hin! Dabei ...« Auf einmal zögerte Betti.
»Dabei – was?«
»Nun ... den verrückten Onkel Fritz haben sie bestimmt fünfzig Jahre nicht mehr gesehen!«, antwortete die kleine Schwester.
›Warum klingt sie plötzlich so betont locker?‹, dachte Dorothee.
»Nur siebenundzwanzig, übertreib mal nicht, liebe Betti. Und du hast ihn überhaupt noch nicht kennengelernt.«
»Nee. Und auf sein Hotel bin ich auch ... ganz gespannt.«
»Klar, auf die alte Kaffeebaronvilla. Ich auch.« Dorothee lehnte sich an ihre Tür. »Aber ich habe das Gefühl, du willst noch was anderes sagen.«
Schweigen auf der anderen Seite der Leitung.
Sie seufzte. »Vielleicht war es doch keine gute Idee, Gustav mit einzuladen. Jetzt sind wir eine unglückliche Dreierkombi, bei der sich mindestens einer überflüssig fühlt.«
»Nee, wie gesagt, kein Problem«, antwortete die zweiundzwanzigjährige Schwester prompt. »Jetzt kennst du den Typen schon ein paar Monate, und ich will den endlich auch mal sehen.«
»Aber ...«
»Doro, was meinst du, wie gespannt ich auf den bin? So wie du jeden Einbauschrank umrempelst, seit du Gustav an Land gezogen hast, muss der ’ne Wucht sein!«
Erleichtert atmete Dorothee auf. Ein schlechtes Gewissen brauchte sie also nicht zu haben. Dennoch war es nicht zu überhören: Betti hielt sich mehr zurück als sonst.
»Gibt es Schwierigkeiten?«
Wieder druckste die Kleine herum. »Onkel Fritz hat doch die ganze Family eingeladen. Das heißt ... da fehlt noch wer.«
Oh nein. Ihre große Schwester.
»Andrea hat doch abgesagt – ohne Angabe von Gründen.«
Jetzt redete Betti drauflos, als sei es die selbstverständlichste Nachricht der Welt:
»Aber sie will jetzt doch mit. Will wohl raus aus dem ewigen Regen hier. Oder mit Latino-Lovern anbändeln ...«
Als Dorothee wieder Worte fand, klang ihre Stimme belegt: »Sie bekommt doch so kurzfristig gar keinen Flug mehr!«
»Sie hat aber schon einen. Stand zum Glück auf der Warteliste! Ist doch wohl kein Problem für dich, oder?«
»Ach, Betti ...«
›Du warst noch so klein‹, wollte Dorothee sagen, doch stattdessen ging sie innerlich in die Knie. Spontan kamen ihr Erinnerungsbilder von Andreas Party zu deren fünfzehnten Geburtstag in den Sinn, zu der sie – die eigene Schwester – nicht eingeladen war. Dorothee saß in ihrem Zimmer und es gelang ihr nicht, sich zu konzentrieren, denn ihre Versuche, die Hausaufgaben zu machen, wurden ständig von Lachsalven gestört, die aus Andreas Zimmer drangen. Irgendwann stand sie auf und ging hinüber. Durch die geschlossene Tür klang die Stimme ihrer Schwester, und es hörte sich an, als stünde sie auf einer Bühne. Schon nach den ersten Worten wurde ihr klar: Andrea las einen Brief von ihr vor! Er war an Torsten gerichtet, einen guten Freund und Seelentröster, der einige Jahre älter war als sie. Dorothee war sich nicht sicher gewesen, ob sie diese Zeilen so abschicken konnte, daher hatte der Schrieb noch in ihrem Schreibtisch gelegen.
»Seit ich dich kenne, geht es mir besser«, deklamierte Andrea in theatralischem Ton.
Lautes Gekicher.
»Deshalb möchte ich mich bei dir bedanken. Du hast mir Mut gemacht, als ich mich abgelehnt fühlte. Von der Mädchenband. Von der Theater-AG. Als alle sagten, ich hätte kein Talent.«
Ein spöttisches »Oooooh, die Arme« raunte durch den Raum.
Dorothee stand reglos vor der Tür, von einem Gefühl der Demütigung wie gelähmt.
»... es hat mir so geholfen, als du mir sagtest, dass ich nicht auf einer Abwärtsrutsche des Lebens sitze, sondern nur eine schlechte Phase durchmache«, parodierte Andrea ihren Brief weiter.
»Abwärtsrutsche«, gluckste eine Stimme. »Ich lach’ mich tot!«
»Es kommt noch besser«, unterbrach Andrea sie. »Hört mal: ›Ich habe mich selber nicht so gesehen, deshalb hat es mir gutgetan, als du sagtest, dass ich klug bin und ein gutes Herz habe‹.«
Weiter kam sie nicht, denn das Gelächter im Raum schwoll derart an, dass sie hätte brüllen müssen, um es zu übertönen.
Noch heute klang es Dorothee in den Ohren.
Und dennoch, all das war nichts gegen die Geschichte mit Sascha ...
»Doro, so still geworden? Überschlag’ dich nicht gleich vor Vorfreude!«, drang Bettis Stimme aus dem Hörer.
»Vorfreude?!«, stammelte sie. »Die ist gerade davongerutscht. Und zwar steil abwärts!«

Im Kindle-Shop: Die Warnung des Kolibris

Mehr über und von Tonia Nellie auf ihrer Facebook-Seite.



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