15. November 2016

'Meine Kalorien haben ein Zuhause' von Martina Jansen

Achtung Satire!

Christiane Mayer, genannt Chrissy, Mutter, Ehe- und Rubensfrau kurz vor ihrem 50. Geburtstag, beschließt nach einem frustrierenden Einkaufsbummel in der GGG-Abteilung, der abseits gelegenen Ecke mit "Großen Größen in Grau", endlich abzunehmen. Voll motiviert legt sie immer und immer wieder die Stolpersteine zur Seite, die auf ihrem Weg zum Traumgewicht liegen. Allmählich wird sie Expertin darin, Diäten abzubrechen und stattdessen in Erinnerungen zu schwelgen.

Humorvoll nimmt sie sich dabei selber auf die Schüppe, unterstützt von dem kleinen Teufelchen auf ihrer Schulter.

Gleich lesen: Meine Kalorien haben ein Zuhause


Leseprobe:
Wow, das ist jetzt endlich meine Diät. Quasi maßgeschneidert für mich. Ich warte also darauf, dass mein Mann mit dem Familienauto endlich nach Hause kommt und stapel eine halbe Stunde später zentnerweise Weißkohl, Sellerie, Zwiebeln, Knoblauch, Paprika und Möhren in meine beiden Einkaufswagen und hinterlasse eine fast leere Gemüsetheke. Für mein Vorhaben reicht ein Weißkohlkopf nun mal nicht aus.
Sind ja ganz schön unhandlich diese Kugeln. Und verdammt schwer. Schon die zweite kann ich nicht richtig halten, sie fällt zu Boden und landet direkt auf meinem Zeh. Zwar geschützt durch meine Sneaker mit kaum sichtbaren lädierten Hacken, aber dennoch muss ich mich kurzzeitig an der Theke abstützen, um meinen Fuß an der anderen Wade so lange zu reiben, bis der Schmerz nachlässt.
Alle anderen Krautköpfe lege ich später ohne weitere Pannen in den Einkaufwagen. Fast alle, denn der letzte rutscht mir ebenfalls aus der Hand, so dass ich ihn von Hand zu Hand jongliere, was bei dem Gewicht die Armmuskeln erheblich kräftigt.
Meine Mühe war umsonst, er fällt letztendlich doch in die Kiste mit leicht überreifen Weintrauben. Ich suche in meiner Jacke nach einem Taschentuch, wische mir das Fruchtmus aus dem Gesicht und von der Kleidung und lasse den Kohl mitten in den Trauben liegen. So dreckig will ich ihn nicht mehr, aber einer mehr oder weniger wird wohl nicht so tragisch sein.
Ich verabschiede mich noch eben von meinen entfernten Verwandten, den Bananen, denn 40 Prozent meiner Gene habe ich mit ihnen gemeinsam, schnappe mir meinen Wagen und bin irritiert. Dort drinnen registriere ich ganz oben auf meinen Zwiebelsäckchen und Kohlköpfen Hundefutter, Kaffee, Brot und Sekt. Habe ich nicht reingelegt, brauche ich auch nicht, also raus damit. Ich packe alles aufs Gemüse in der Auslage, damit der hungrige Kunde, der diese Genussmittel ursprünglich kaufen wollte, sie auch wieder findet. Beim Brot überlege ich noch kurz, denn Brot brauchen wir auch, lege es dann aber doch auch dazu, ist nicht unsere bevorzugte Sorte.
Beim nächsten Mal werde ich mit einem fremden Einkaufskorb zur Kasse gehen, zahlen und zu Hause vielleicht mal Lebensmittel probieren, die ich sonst nicht gekauft hätte. So erweitert man also sein alltagstaugliches Wissen.
Ich weiche den glitschigen Stellen auf dem Boden aus und gehe schnurstracks zur Brottheke. Ein saftig schmatzendes Geräusch, als würde ich eine Weintraube zertreten, begleitet mich auf dem Weg dorthin und ich stelle fest: Es ist eine Weintraube, bzw. es war mal eine.
Ich höre auf mich über den Matsch unter meinem Schuh zu ärgern, jetzt steht die Brotschneidemaschine im Zentrum meines Zornes. Wie ich diese Geräte hasse. Können einfach kein frisches Brot schneiden, ohne einen klebrigen undefinierbaren Haufen zurück zu lassen. Den will ich so jetzt auch nicht. Also doch kein Brot heute.
„Sah ja schon verdammt unaufgeräumt aus die Obst- und Gemüseabteilung, dort könnte ruhig mal jemand für Ordnung sorgen“, stelle ich kopfschüttelnd auf dem Weg zur Kasse fest, als mir beim Blick auf meinen geplanten Einkauf spontan der Gedanke kommt, dass das darmtechnisch sicher nicht gut gehen kann, aber ich schiebe diesen Einwand erst einmal weit nach hinten. Einmal angefangen, gebe ich doch so schnell nicht wieder auf. Ich doch nicht.
Ist gar nicht so einfach zwei volle Einkaufswagen gleichzeitig zu beherrschen. Einen schiebe ich, einen ziehe ich, aber er fährt mir ständig in meine eh schon lädierten Haken.
„Ey Alter, krass die Alte.“
Hinter mir ertönt die Stimme eines sich noch nicht im Stimmbruch befindlichen Vor-Pubertierenden. Also entweder steht hinter mir eine, in deren Augen, supercoole Zwölfjährige oder sie meinen mich.
Ich drehe mich unerwartet im Laufen blitzschnell, soweit es mir möglich ist, um und einer der beiden Rotzlöffel rennt ungebremst in den letzen Wagen hinein. Dumm gelaufen, im wahrsten Sinne des Wortes.
Ich setze mein bestes Pokerface auf und schaue den beiden Möchtegern-Gangstern mit leicht gespreizten Beinen furchtlos ich die Augen. High Noon an der Tiefkühltheke. Ich bin hoch konzentriert und schussbereit. Werden wir doch mal sehen, wer die stärkeren Nerven hat.
„Shit Alter“, höre ich noch und weg sind sie. Ich ziehe eine Augenbraue hoch, da habe ich wohl mental schneller gezogen und verlasse das Schlachtfeld als Sieger. Das Pusten in den Revolverlauf verkneife ich mir, obwohl es mir erheblich in den Fingern juckt.
Ich setze meinen Weg fort bzw. will ihn fortsetzen, da bemerke ich, dass mein Sohnemann grinsend hinter mir steht. Er hat also die Zwei vertrieben. Wortlos, nur durch seine bloße Anwesenheit. Aber wieso? Wodurch? Wie hat er es geschafft?
Er ist doch gerade mal etwa drei Jahre älter als sie. Verprügelt er sie auf dem Schulhof? Erpresst er sie? Dealt er etwa?
Und warum ist er um diese Zeit hier und nicht in der Schule? Heute ist doch SchlaDo-Tag, der scheiß lange Donnerstag, wie er allgemein von sämtlichen Schülern genannt wird. Habe ich in der Erziehung vielleicht komplett versagt und mein kleiner … äh großer Hase ist auf die schiefe Bahn geraten? Kläre ich zu Hause, nicht jetzt im Supermarkt, jetzt brauche ich mal wieder die blauen Elefanten, um mich nicht noch mehr hinein zu steigern.
Einige mitleidige Blicke begleiten mich auf dem Weg zu Kasse. Sicherlich von Menschen, die die Kohlsuppe auch brav gelöffelt haben, allerdings ohne Erfolg, so wie es scheint. Aber davon lasse ich mich nicht beirren. „Wollen Sie das etwa alles essen?“, fragt mich ungläubig eine Frau in meinem Alter.
„Nein, das verbuddel‘ ich gleich im Garten“, liegt mir auf der Zunge, aber ich beherrsche mich noch gerade eben und lächel sie nur an.
Ich drehe mich wieder um, um die Waren aufs Band zu legen, aber ich nahm wohl ein Ideechen zu viel Schwung und reiße mit meiner Handtasche, die ja bekanntlich ein bisschen größer geraten ist, den Pappaufsteller mit Schokoladenriegeln um.
„Lassen Sie ruhig liegen, ist kein Problem, räumt meine Kollegin gleich weg“, ruft mir die Kassiererin vom anderen Ende des Kassenbandes zu. Hätte ich ja eh gemacht, denn Schokolade steht heute nicht auf meinem Einkaufszettel.
„Na machen wir auch die Kohlsuppendiät?“, höre ich dann kurze Zeit später von ihr.
Nach dem Desaster neulich in der Umkleide, gehe ich über das vertraute „wir“ hinweg, schlucke widerwillig den aufkommenden Ärger hinunter und zahle meinen Monatseinkauf. Muss ich noch extra erwähnen, dass ich natürlich in der falschen Schlange stand? Egal, wo ich mich anstelle, nebenan geht es immer schneller voran.
„Wenn wir Beide jetzt noch einmal das Personalpronomen der 1. Person Plural hören, dann wechseln wir den Laden“, spricht der kleine Kobold zu meiner Rechten und zeigte mir damit, dass er auf meiner Seite steht.
Wow, für so gebildet hätte ich ihn gar nicht gehalten.

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Mehr über und von Martina Jansen auf ihrer Facebook-Seite.



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