7. November 2016

'Zwischen meinem Sein' von Bea Cach

Stell dir vor, dein Leben wird komplett auf den Kopf gestellt - was dann?

Die Protagonistin Beate Fuhrmann möchte sich einen Traum erfüllen und begibt sich auf eine Reise, die nicht so verläuft, wie sie sich das vorstellt. Es ist ein Weg, der sie in ein fremdes Leben führt, in ein anderes Sein. Nicht nur ein vermeintliches Glück und große Gefühle findet sie im ersten Teil dieser Sequenz, sondern wesentlich mehr Fragen als Antworten.

Kann sie überleben? Hat sie als Profiler der anderen Art eine Chance zu bestehen? Wird sie ihre außerordentliche Gabe zum Sklaven machen? Gibt es für Menschen noch Grenzen, wenn es um ihre Gesundheit, ihr Leben, gar eine vermeintliche Unsterblichkeit geht? Alter, Jugend, gesund im Alter, ein ewiges Leben, das es nicht geben kann, oder? Wem kann sie vertrauen? Warum soll sie sterben und trotzdem unbedingt leben? Wer ist der Mann, den sie krankhaft liebt? Regiert nur das Kapital unsere Welt? Verkraftet unsere Psyche den Balanceakt zwischen dem Sein?

Das erste Buch ist Teil einer Erzählung, die in verschiedenen Sequenzen eine irreale Welt unter realen Gesichtspunkten betrachtet und unter verschiedenen Aspekten darstellt. Es bildet den Einstieg in eine bizarre Illusion.

Gleich lesen: Zwischen meinem Sein

Leseprobe:
Ein langer Tag ist nun endlich vorüber, er war schön, anstrengend und mir tut jeder Knochen einzeln weh. Es kommt mir vor, als hätten wir nicht meinen sechzigsten, sondern den hundertsten Geburtstag gefeiert.
Das Fest war wunderbar, einfach, wie man es sich so vorstellt. Eine wundervolle Familienfeier, die Kinder, Enkel, sogar meine Eltern, Familie im weitesten Sinne, Freunde und Geschäftspartner der letzten Jahre waren gekommen, um mit mir den Beginn des neuen Lebensabschnitts einzuläuten und das Rentnerdasein zu begrüßen. Eine Geburtstagsfeier mit den Menschen die ich liebe, die meinen Lebensweg bestimmten, war schön und schon etwas Besonderes. Bis kurz vor Mitternacht ließen wir uns in einer wunderbaren mittelalterlichen Umgebung in eine Traumwelt verführen. Ich glaube, meinen Gästen hat es durchaus gefallen, es waren nicht alltägliche Stunden. Bei einem Ritteressen, altertümlicher Musik und lustigen Spielen feierten wir bei Gesang und Tanz sehr ausgelassen.
Für mich war es jedoch noch mehr, auch ein kleiner Abschied von meinem bisherigen Leben. Nach tausend Träumen und einer kleinen Ewigkeit, fahre ich endlich los.
Mein Ziel oder besser gesagt mein Weg, ist die Erde. Einmal rundherum, man lebt schließlich nur einmal. Immer stand meiner Sehnsucht zu reisen, ich meine wirklich zu reisen, keine Urlaubsfahrt von zwei oder drei Wochen, nein eine Reise so nach Art von Marco Polo oder Humboldt, etwas im Wege. Erst waren es finanzielle Gründe. Später habe ich es mir zwar vorgenommen, doch irgendeinen Grund nicht zu fahren, gab es immer.
Schließlich bleibt auch bei der besten Beziehung und wirklicher Emanzipation, eine ganze Menge Arbeit und Verantwortung auf den Schultern einer Geschäftsfrau, dreifachen Mutter und Ehefrau liegen. Zur Klage habe ich wirklich keinen Grund, das wäre Maulen auf sehr hohem Niveau. Dennoch, etwas fehlt in meinem Leben immer mehr. Es gibt keine Überraschungen, es fehlt das Feuer, der Nervenkitzel.
Vieles ist nur noch Routine, seichtes Dahingleiten auf einem Fluss der Leben heißt und der jederzeit im Meer der ewigen Stille münden kann.
Heute Nacht geht es noch los, ich, die alte Frau zieht aus, um die Welt zu erleben, um fremde Länder und Völker zu sehen. Um das Leben neu zu schmecken, zu riechen und zu fühlen, um meinen letzten Jahren etwas abzutrotzen. Seit jeher wurde mein Handeln durch die Angst zu versagen maßgeblich bestimmt, die Angst meine gesamte Familie zu verlieren und dem finanziellen Ruin nicht zu entkommen.
Es ist wie die Befriedigung einer Sucht, einer ständigen Neugier, die Suche nach Freiheit, Wissen und Verstehen. Gut, das kann man auch in abgeschwächter und sicherer Weise im heimischen Wohnzimmer erfahren, bei den Möglichkeiten die uns heute so geboten werden. Wissen steht mehr als genug zur freien Verfügung, es wird alles erklärt, erläutert und in Dokumentationen, Berichten und Büchern dargestellt. Ein vernünftiger Mensch würde sagen, du als kleine mollige Oma brauchst nicht hinaus zu gehen, die Welt kommt zu dir. Ich bin kein Held, doch ich will das Schöne und das Schlechte erleben, natürlich auch überleben, was meine abenteuerliche Reise nicht unwesentlich prägt. Immerhin fahre ich auch in Gegenden, die nicht so sicher sind, wie Europa. Eigentlich habe ich etwas Angst, davon erfährt meine Umwelt jedoch nichts. Weder mein geschiedener Mann, noch meine Kinder. So richtig gefällt es ihnen sowieso nicht. Dennoch, ich bin eine zu neugierige und ruhelose Frau.

„Mama, wenn du deinen Flug erreichen willst, müssen wir jetzt endlich los. Vati schläft gleich ein, wir warten schon zwanzig Minuten.“
„Ja, ja, ich bin ja schon da. Oma wollte sich noch einmal verabschieden. Das war bestimmt das vierte Mal, es fällt ihr sehr schwer, mich gehen zu lassen.“
„Uns auch, du bist doch ständig zu erreichen und nicht aus der Welt. Nun mach schon!“ Meine Tochter ist immer etwas bestimmend, vielleicht hat sie ja Recht.
„Kind, wenn du weiter so hetzt, bekomme ich noch einen Herzinfarkt vor unserer Haustür. Es kann losgehen.“ Vollbepackt und nervös nehme ich neben Paul Platz. Mein geschiedener Mann ist eigentlich immer noch ein guter Freund und lächelt mich auch jetzt etwas tröstend an. Seine warmen braunen Augen ruhen müde auf meinem Gesicht, auch er ist gezeichnet vom Alter und einem anstrengenden Abend.
„Paul, ich bin total aufgeregt, wirst du zurechtkommen?“
„Natürlich, es dreht sich nicht alles nur um dich. Die Kinder sind ja auch noch da und im Hotel werde ich hervorragend versorgt. Mach dir also keine Gedanken, es reicht, wenn ich mir ständig Sorgen mache.“
„Du bist wirklich lieb. Schon, dass du keine Einwände hast und mich fahren lässt, ist wunderbar. Danke.“ Sie bringen mich zum Flugplatz, ich erzähle unterwegs zu viel und als sie mich nach einer Stunde endlich abliefern sind sie ebenso genervt wie ich. Meine jüngste Tochter ist gut fünfzehn Zentimeter größer als ich, ihre kurzen dunklen Haare und der athletische Körperbau lassen sie oft hartherzig erscheinen, doch sie ist wirklich lieb. Im Moment muss sie die Umarmungen für ihre Geschwister mit über sich ergehen lassen, die Verabschiedung dauert ewig. Schließlich erinnert Paul mich an den Flugplan und ich gehe allein in das große Flughafengebäude.

Im Kindle-Shop: Zwischen meinem Sein

Mehr über und von Bea Cach auf ihrer Website.



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