6. Dezember 2016

'Urlaub für Anfänger' von Maria Resco

Die neuen Nachbarn bringen es an den Tag: Katrins unerfülltes Dasein an der Seite ihres Gatten Paul. Während die Hollmanns mit Hab und Gut und teuren Reisen protzen, radelt sie mit angezogener Handbremse durch die letzten Jahre ihrer Ehe.

Als Gaby Hollmann ihr zu allem Übel eine Putzstelle anbietet, platzt ihr der Kragen. Der groben Fehleinschätzung ihrer Person muss sie dringend etwas entgegensetzen. Sie erfindet eine exklusive Reise in das ferne Kenia und behauptet – damit der Schwindel nicht auffliegt – einen Tag nach den Nachbarn abzureisen.

Doch auch bei den Hollmann ist nicht alles Gold was glänzt. Warum sind die noch zu Hause? Warum sitzen die nicht längst im Flieger nach Miami? Was haben die Snobs zu verbergen? Einen Plan B hat Katrin nicht auf Lager, also ist jetzt Handeln angesagt, und zwar flott. Ein turbulentes nachbarschaftliches Versteckspiel beginnt.

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Leseprobe:
»Was kuckst du denn da am helllichten Tag?« Paul wunderte sich, als er vom Garten ins Wohnzimmer spazierte.
»Äh, nix … wieso?«, stotterte Katrin. Warum fühlte sie sich jetzt ertappt? Sie hatte doch nur den Fernseher eingeschaltet, und zwar gerade eben erst. Gleich würde er sie an ihre Vorbildfunktion als Mutter erinnern, weil sie ausnahmsweise mal am Nachmittag vor dem Fernseher saß, wo doch draußen die Sonne schien und im Garten die herrliche Natur wartete – und jede Menge Arbeit.
Aber nichts dergleichen entwich ihm. Aus unerfindlichem Grund hatte er heute gute Laune.
»Shopping-Queen?«, lachte er und stierte belustigt auf den Bildschirm. Ja, sie guckte Shopping-Queen! Na und? Sie fand es interessant. Schon die Idee! Vielleicht sollte sie sich auch mal bewerben. Fünf Hunderter, vier Stunden, ein Motto. Das würde sie hinkriegen. Sie wusste durchaus, was ihr stand. Und das konnte man längst nicht von jeder Kandidatin behaupten. Gespannt haftete Katrins Blick auf dem Bildschirm. Die kauft doch jetzt nicht allen Ernstes dieses viel zu enge Top! Da quillt doch oben alles raus! Das grüne wäre perfekt gewesen. Also wirklich!
»Hey, Mom. Du guckst Shopping-Queen? Willst dich wohl bewerben.« Amüsiert stürmte Lena zusammen mit Pia ins Wohnzimmer.
»Quatsch! Ich habe nur mal …«
»Hey, das wär doch voll lustig. Mom im Fernsehen!«
Verärgert schaltete Katrin den Fernseher aus. War es denn in diesem Haus unmöglich, irgendwas zu tun, ohne gleich durchschaut zu werden?
»Papa hat gesagt, wir dürfen heute Abend Pizza essen und einen Film dabei kucken«, verkündete Pia aufgeregt und kniete sich vor das Regal mit den DVDs.
Mit großen Augen sah Katrin ihren Gatten an. Essen vor dem Fernseher? Das gab es nur bei der Fußball-WM.
»Ja, das habe ich gesagt«, strahlte Paul gönnerhaft. »Und wir beide, Mausi, gehen heute Abend aus. Zieh dir also was Nettes an!«
»Wir gehen aus? Wohin denn?« Katrin blickte ihn argwöhnisch an.
»Lass dir ordentlich Platz im Magen. Mehr wird nicht verraten.«
»Und die Kinder?«
»Alles geregelt.« Ein siegesgewisses Grinsen war auf Pauls Gesicht getreten. »Um acht!«, sagte er, griff sich einen Apfel aus der Obstschale und entschwand wieder in den Garten.
Sprachlos blickte Katrin ihm hinterher. Was war denn nun los? Hatte sie irgendetwas verpasst? Wenn Paul, der Geizhals, sich darüber freute, auswärts essen zu gehen, dann war etwas faul, oberfaul. Mit anderen Worten: Es war äußerste Skepsis angebracht.
»Sag mal, Lena, hat Papa dir gesagt, wohin er mit mir gehen will?«
»Sorry, Mom, wir dürfen nichts verraten. Wir haben es versprochen.«
»Ist eine Überraschung«, erklärte Pia.
»Genau, Mom, jetzt freu dich doch einfach mal!«, ergänzte Lena.
Die Mädchen hatten Recht. Immer dieses Misstrauen. Katrin warf ihre Vorbehalte über Bord. Sie ging in die Küche, räumte beschwingt die Spülmaschine aus und verdrängte all die guten Gründe, die ihren Zweifeln Berechtigung hätten verleihen können. Stattdessen sann sie nach, wohin Paul sie wohl ausführen würde. Sicher zu dem neuen Italiener in der Altstadt, dem Casa Nuova. Er wusste, dass sie die Italienische Küche liebte. Vor allem aber liebte er die Italienische Küche, und so ganz selbstlos war er eigentlich nie.
Die Einladung war ein Geschenk des Himmels. Seit Tagen, eigentlich Wochen schon, hatte sie sich den Kopf zermartert, wie sie es ihm beibringen sollte. Eine italienische Trattoria bot genau das richtige Ambiente für ihr Anliegen, die romantische Atmosphäre würde das Entsetzen, das ihn ereilen würde, etwas beschwichtigen – hoffte sie.
Sie stellte sich vor, wie sie beim Candlelight-Dinner einander gegenübersäßen, betört vom Duft der hausgemachten Gnocchi, und sah Pauls selbstzufriedenes Grinsen vor sich, das er immer aufsetzte, wenn er vor einem gut gehäuften Teller saß. Das wäre genau der falsche Zeitpunkt, es zur Sprache zu bringen. Auf keinen Fall durfte sie ihm den Appetit verderben. Nahrungszufuhr war ihm heilig.
Diplomatie war geboten. Es kam auf exaktes Timing an. Also frühestens nach dem Essen – wenn der Magen angenehm gefüllt war, eventuell zwischen Hauptgang und Dessert, denn auf das Dessert legte er keinen gesteigerten Wert. Keinesfalls indes vor dem dritten Glas Wein, damit sein Geist jene Leichtigkeit erreicht haben würde, bei dem erotische Signale mehr zählten als nüchterne Fakten. Aber unbedingt, bevor die Rechnung kommen und ihm die Laune wieder vermiesen würde. Apropos, erotische Signale: Was um alles in der Welt sollte sie anziehen? Sie ließ blitzartig das Geschirrtuch fallen und flitzte nach oben ins Schlafzimmer.

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