12. Dezember 2016

'Urlaub für Fortgeschrittene' von Maria Resco

Katrin hat den lukrativen Auftrag einer Detektei in Aussicht: Sie soll den Italiener Roberto Morone der Untreue überführen, Urlaub am Gardasee inklusive. Anfängliche Bedenken wirft sie schnell über Bord, Geld und Abenteuer locken sie. Dumm nur, dass Gatte Paul, der Reisemuffel, ihren Plan durchkreuzt und sie begleitet. Und nicht nur er kommt ihr in die Quere.

Für Katrin ist klar: Niemand darf von dem pikanten Job als Lockvogel erfahren, immerhin hat sie einen Ruf als treusorgende Ehefrau und Mutter zu verlieren. Sie aber ist sich ihrer Sache sicher, schließlich kennt sie ihre Grenzen, etwas flirten, etwas knutschen, dann ist Schluss. Ihre Prinzipien geraten mächtig ins Wanken, als sie dem attraktiven Roberto gegenübersteht.

Gleich lesen: Urlaub für Fortgeschrittene

Leseprobe:
Spontaneität war nicht sein Ding! Er sollte es einfach lassen, spontan sein zu wollen. Drei Jahre lang hatte er es geschickt vermieden, einen Supermarkt von innen zu betreten – jetzt hatte es ihn doch erwischt. Und zwar nur, weil er spontan gewesen war. Er könnte sich in den Hintern beißen. Welcher Teufel hatte ihn geritten, die Nachbarn zum Grillen einzuladen, einfach so, aus einer Laune heraus? Er kannte Katrin doch. Besuch von den Nachbarn! Da musste vorher das ganze Haus blankgewienert werden. Und an wem blieb dann der Einkauf hängen? Wenn er schon mal spontan war! Er besaß wirklich viele nennenswerte Eigenschaften, Spontaneität gehörte nicht dazu. Das sollte er sich hinter die Ohren schreiben. Wie kam er jetzt aus dieser Nummer wieder raus?
Der Gedanke an seinen ersten und letzten Großeinkauf in einem dieser Megamärkte trieb Paul Schubert noch heute den Schweiß auf die Stirn. Er steht an der Kasse und sein Geld reicht nicht! Und das an einem Freitagnachmittag, wo sich die Leute in Schlangen vor den Kassen tummeln. Kopfschütteln und böse Mienen hinter ihm. »Sein Geld reicht nicht«, hörte er sie schimpfen, und »Wieder ein Idiot ohne Karte!«
Jawohl! Er lehnte die Dinger ab. Aus Prinzip. Und er stand dazu. Immer noch. Im Prinzip.
Frau Becker, die Kassiererin – an den Namen konnte er sich bis heute erinnern – die gute Frau Becker musste auf die Storno-Tante warten. Sie selbst war nicht befugt zu stornieren. Das verlängerte die Wartezeit um einige lange Minuten. Hinter ihm eine lauter werdende Protestwelle. Manch einer wechselte fluchend in die Nachbarschlange. Mit einem entschuldigenden Dauergrinsen hatte Paul versucht, den Anschein von Coolness zu wahren, tatsächlich aber durchlebte er in diesen Minuten das Trauma seines Lebens, während Frau Becker ein Teil nach dem anderen über den Scanner zog, Kartoffeln, Brokkoli, Käse, Sahne. Sie stornierte sein ganzes schönes Abendessen.
Nun, es war ja nicht so, dass er nicht lernfähig wäre. Wenn Katrin das auch immer wieder gern bezweifelte.
»Da ist die Liste«, brummte sie, als er in die Küche kam. Nicht eines Blickes würdigte sie ihn. Wie besessen schrubbte sie die Fliesen über der Spüle.
Paul überflog die elend lange Einkaufsliste. Himmel Herrgott! Wer sollte denn das alles essen? Sie tat ja gerade so, als würden sie einen Staatsbesuch erwarten. Es waren doch nur die Nachbarn!
»Hast ja recht«, lenkte er versöhnlich ein, »wirklich, ich verstehe, dass du sauer bist. Ich lade die Hollmanns ein, ohne dich zu fragen, und halse dir damit einen Haufen Arbeit auf, während ich gemütlich durch den Supermarkt tingle. Also meinetwegen können wir …«
Katrin stemmte beide Fäuste in die Hüften und warf ihm einen Blick zu, der Tote hätte wecken können.
Okay, er hatte verstanden. Sie wollte nicht tauschen. Sie war sauer, sowas von sauer. Muffelig kramte er in ihrer Handtasche nach dem Portemonnaie und nahm die EC-Karte heraus. Notgedrungen. Das bisschen Bargeld, das er noch bei sich hatte, würde für den Mammuteinkauf kaum ausreichen. Während er die Karte verstaute, stellte er sich vor, wie er den Supermarkt betrat und jene beiden älteren Damen, die damals hinter ihm gestanden hatten, seinen Weg kreuzten, ihn mit fragendem Blick musterten, als würden sie krampfhaft überlegen, wo sie ihn schon mal gesehen hatten, und wie er dann an ihren strahlenden Gesichtern ablesen konnte, dass es ihnen gerade eingefallen war. Das ist doch der Typ von damals, der, bei dem das Geld nicht gereicht hat! – Stimmt! Freitag war’s, weiß ich noch genau, Freitag, fünfzehnter August, Viertel vor zwei, um genau zu sein. Mein Karl hatte schlecht geschlafen die Nacht, dreimal musste er raus, die Blase, weißt du … Ein unbehagliches Gefühl machte sich in Paul breit. Alte Damen konnten sich bisweilen minutiös an die unwichtigsten Details erinnern. Das wusste er von seiner Mutter. »Wie ist die PIN?«
»6-5-6-4«, zischte Katrin, die jetzt die Spüle blank wienerte, als würde heute Abend ein Preis für die sauberste Spüle verliehen werden.
»6-5-6-4.« In Gedanken sortierte er die Zahlenreihe nach einer logischen Ordnung, einmal die 4, einmal die 5, zweimal die 6 – so war es doch viel leichter zu merken. Dann machte er sich auf die Socken.

Im Kindle-Shop: Urlaub für Fortgeschrittene

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