23. Januar 2017

'Löwenflügel' von Thalea Storm

Wie normal kannst du sein, wenn du eigentlich total unnormal bist? Leo hält sich für unnormal, denn er ist anders. Schüchtern, zurückhaltend und vielleicht ein bisschen komisch. Er lebt in seiner eigenen Welt, die keinen Platz für die Leichtigkeit des Lebens lässt.

Den Blicken und Vorurteilen der Gesellschaft ausgesetzt, versucht er, sich durchs Leben zu schlängeln und eckt dabei überall an, wo er nur anecken kann. Kaum jemand ahnt, was hinter seinem merkwürdigen Verhalten steckt, denn Leo ist krank. Psychisch krank. Er leidet unter einer Sozialen Phobie, die ihm die Teilhabe am Leben nahezu unmöglich macht. Sein Alltag ist erfüllt vom eigenen Kampf gegen sich selbst und der steten Hoffnung, irgendwie in eine Gesellschaft zu passen, die ihn nicht akzeptieren will. Erst die quirlige, lebenslustige Maya, die hinter seine geheimnisvolle Fassade blickt, haucht ihm mit ihrer Neugierde, Aufgeschlossenheit und vor allem Toleranz, endlich wieder Leben ein. Sie nimmt ihn an die Hand und er lässt sich von ihr führen, unter dem trügerischen Gefühl von Sicherheit. Leo gibt sich Maya und ihrer Zuneigung vollends hin und ahnt dabei nicht, welche dramatischen Folgen ihre Freundschaft für ihn haben wird. Wie schnell muss man rennen, um dem eigenen Selbst zu entkommen?

Leo und Maya. Eine herzerwärmende, emotionale Geschichte von aufregender Freundschaft, zaghafter Liebe, unsterblicher Hoffnung und dem steten Versuch, etwas passend zu machen, das einfach nicht passt.

Lesermeinung: „Diese Geschichte hat einfach alles: Sie bringt Humor und Ernsthaftigkeit so eng zusammen und trägt so viele verschiedene Gefühle in sich, die zum Nachdenken darüber anregen, was im Leben wirklich wichtig ist.“

Gleich lesen: Löwenflügel

Leseprobe:
“City-Ticket oder lieber Zone 1,2,3 oder 4?”
Die Busfahrerin starrte mich auffordernd an. Hinter mir drängelten mehrere Fahrgäste und schoben mich immer weiter und weiter in den Bus hinein. Reflexartig griff ich an eine Haltestange und hielt mich fest. Die Luft im Innenraum war stickig. So stickig, dass ich glaubte, jeden Moment nicht mehr atmen zu können. Meine Brust zog sich zu.
“Junger Mann, wohin wollen Sie?”, hakte sie noch einmal nach. Die Schulkinder hinter mir kicherten. Nein, sie kicherten nicht, sie lachten. Ein verächtliches, lautes Lachen. Ich spürte ihre Blicke in meinem Rücken, dafür musste ich mich gar nicht zu ihnen umdrehen. Sie brannten ein Loch durch meine Jacke bis auf die Haut hinunter.
“Ich…”, versuchte ich zu antworten. Mein Herz begann unter ihrem eindringlichen Blick zu rasen.
“Ich…ich möchte…” Der Schweiß brach mir aus. Meine Stirn wurde nass und es kitzelte, als ein Schweißtropfen meine Wange hinab rollte. Verlegen wischte ich ihn weg und die Hand an der Hose ab. Hatten sie das alle gesehen? Ganz bestimmt hatten sie das. Was sollten sie nur über mich denken? Das ich dreckig bin? Oder eklig? Sicher ekelten sie sich vor mir. Ich ließ die Hand in der Hosentasche verschwinden.
“Was ist das denn für ein Idiot?”, hetzten sie sogleich hinter mir los. Ein kleiner Junge wurde gegen mich geschubst und meine Hand an der Haltestange verkrampfte so sehr, dass die Knöchel weiß hervortraten.
“Machen Sie schon, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.”
Noch einmal versuchte ich, tief Luft zu holen und meinen Fahrkartenwunsch auszusprechen. City-Ticket. Das waren doch nun wirklich keine schweren Worte. Gefühlt hunderte Male hatte ich sie bereits in meinem Leben ausgesprochen. Doch sie wollten mir in diesem Moment nicht über die Lippen kommen.
Das Herz in meiner Brust schlug so heftig, dass ich Sorge bekam, es würde jeden Moment zerspringen. Das Klopfen dröhnte in meinen Ohren.
“Was wird das denn hier? Ich habe heute noch einen Termin.”, schimpfte ein kleiner, rundlicher Mann, der einen Jungen hinter sich herzog. Er drückte mich zur Seite und bezahlte seine Fahrkarte bei der Busfahrerin. Die Jungs hinter mir drängelten sich sofort nach ihm durch. Ich quetschte mich zurück nach draußen und vermied es, den Menschen ins Gesicht zu sehen. Ihre Blicke bohrten sich dennoch heiß und schmerzhaft in mein Gesicht, übergossen mich mit Unzufriedenheit und Beschuldigungen. Ich wagte es nicht, auch nur eine Sekunde nach oben zu sehen. Als die frische Luft mir endlich entgegen stieß, atmete ich mehrmals kräftig durch. Wenn ich doch nur hätte laufen können. Es regnete nicht und war sogar noch hell. Doch dann würde ich niemals ankommen, dachte ich und stellte mich mehr unfreiwillig als freiwillig ganz ans Ende der Schlange. Rasch lichtete sich die Reihe und ein Fahrgast nach dem anderen verschwand im Inneren des Busses. Schneller als erwartet stand ich wieder vor der Busfahrerin. Per Knopfdruck und mit einem zischenden Geräusch schloss sie die Türen hinter mir.
Was sollte das? Durfte ich jetzt nicht mehr raus?
Die Schulkinder hatten sich direkt die Plätze hinter der Fahrerin ausgesucht und fixierten mich mit neugierigen Blicken. Sie konnten ihr Lachen kaum unterdrücken. Ich wünschte, ich hätte einfach verschwinden können.
“Kopfnicken oder -schütteln werden Sie ja wohl hinkriegen. City-Ticket?”
Ich nickte.
“Na geht doch. Macht 1,20 €.”
Zitternd zog ich das Portemonnaie aus der Hosentasche. Es rutschte mir aus den schweißig-feuchten Händen und fiel zu Boden. Die Kinder kreischten vor Lachen und zeigten auf mich. Wenn es nicht noch alberner gewirkt hätte, hätte ich mich einfach auf den Boden gesetzt, die Knie zur Brust gezogen, den Kopf in den verschränkten Armen versteckt und darauf gewartet, dass es alles irgendwie ein Ende hatte.
“1,20 € bitte.” erinnerte sie mich noch einmal. Der Reißverschluss hakte beim Öffnen. Zudem drohte ein Schweißtropfen von der Stirn in mein rechts Auge zu laufen. Hektisch wischte ich ihn weg, wobei das geöffnete Portemonnaie erneut zu Boden fiel und das Kleingeld kreuz und quer durch den Einstiegsbereich rollte.
“Man, man, man. Sowas hab ich in 20 Jahren Berufstätigkeit noch nicht erlebt.” schimpfte die Fahrerin, trat aus ihrer Kabine und half mir beim Einsammeln der Münzen.
“Hier, die behalte ich gleich. 1,20€.” Sie zeigte mir ihre geöffnete Handfläche, auf der die Münzen lagen. Kaum sichtbar nickte ich. Aus ihrer Kabine reichte sie mir den Fahrschein und fuhr los, während ich mich auf den Weg durch den Bus machte. Die Blicke der restlichen Fahrgäste stachen wie tausende kleine Nadelstiche auf meiner Haut. Vor mir, hinter mir und neben mir hörte ich sie kichern und tuscheln. Unendlich lang erschien mir der Gang bis zum orangenen Stempelautomaten in der Mitte des Busses. Mit größter Mühe schob ich die kleine Karte in die vorhergesehene Öffnung. Es klickte so laut, dass ich mich am liebsten auf den Automaten geworfen hätte, damit sich nicht auch noch die letzten Fahrgäste umdrehten, die bisher kein Interesse an mir gezeigt hatten. Beim Herausziehen sah ich, dass der Stempel auf der falschen Seite war. Egal. Ganz sicher würde ich die Karte nicht ein zweites Mal stempeln. Sie wussten sowieso schon alle, dass ich der totale Trottel war. Ich steckte die Fahrkarte in die Hosentasche und ließ meinen Blick durch die Reihen schweifen. Ganz hinten im Bus saßen ein paar Jugendliche, die mich amüsiert ansahen und mir irgendetwas zuriefen. Ich bemühte mich, nicht hinzuhören. Mir gegenüber saß eine kleine, ältere Frau, die ihre Hände auf einen Gehstock stützte und mich mitleidig ansah. Vorne im Bus tummelten sich die kleineren Schulkinder, sowie Vater und Sohn. Wo war das geringste Risiko für mich? Die Jugendlichen konnten mich angreifen oder beleidigen. Sie waren zu viert, ich alleine. Auf keinen Fall wollte ich mich zu ihnen setzen oder auch nur in ihre Nähe kommen. Das Gelächter der kleinen Schulkinder drang mir bereits durch Mark und Bein. Ihr Gekicher und Getuschel würde nur für noch mehr Schweißperlen und Schnappatmung sorgen. Auch keine gute Idee. Vater und Sohn hatten mich bereits einmal vor allen blamiert. Zu ihnen wollte ich um keinen Preis der Welt. Blieb nur die ältere Frau. Was konnte sie mir schon tun? Außerdem saß sie mittig im Bus. Von allen Gefahrenquellen weit genug entfernt und so nah an einem Ausgang, dass ich an jeder Haltestelle in Sekundenschnelle hinausspringen könnte. Ich überlegte keine Minute länger und entschied mich für einen Platz vor der freundlich blickenden Omi. Sobald ich saß, rutschte ich tief nach unten und lehnte den Kopf an die kühle Scheibe. Meine Beine zitterten so sehr, dass die Schnallen meiner Schuhe ein lautes, klapperndes Geräusch erzeugten. Ich wünschte, ich hätte es abstellen können. Je mehr ich das wünschte, umso lauter wurde es. In meinem Rucksack suchte ich die Kopfhörer, doch ich fand sie nicht. Die Fahrt zu Tobis Haus dauerte ein paar Minuten, die ich ohne Musik nur schwer überstehen konnte. Es machte mich nervös, die Menschen um mich herum reden zu hören, ohne ihren genauen Wortlaut zu verstehen. Sicher sprachen sie über mich. Ich hatte mich wieder einmal wie der totale Vollidiot angestellt. Jedes Kleinkind konnte seine Fahrkarte besser kaufen als ich. Noch immer liefen mir vereinzelte Schweißtropfen von der Stirn. Auch unter meinen Armen triefte es. Wahrscheinlich konnten sie mich alle schon riechen. Verkrampft presste ich die Arme an meinen Körper und traute mich kaum zu atmen. Zu meiner Erleichterung stiegen die Jugendlichen der hinteren Reihe bereits eine Station weiter aus. Allerdings nicht, ohne vorher noch einmal in meine Richtung zu grinsen.
“Ein schöner Abend ist das heute, finden Sie nicht auch?”
Vorsichtig drehte ich mich nach hinten um. Die alte Frau nickte aufmunternd in meine Richtung. Ich nickte zaghaft zurück und drehte mich rasch wieder nach vorn.
“Sie reden wohl nicht so gerne?”
Warum hatte ich daran nicht gedacht? Alte Leute suchten doch immer jemanden zum Reden, jemanden, den sie einfach anquatschen konnten, dem sie auf die Nerven gehen konnten. Was sollte ich denn jetzt machen? Die letzte Sitzreihe war nun leer. Wenn ich schnell genug sein würde, könnte ich dorthin wechseln. Aber was würde sie dann von mir denken?
“Man muss ja auch nicht mit jedem reden. Das machen sie schon ganz richtig.” Ich drehte mich noch einmal halb zu ihr um und hoffte, dass sie an meinen verzogenen Mundwinkeln erkennen konnte, dass ich mich bemühte, sie anzulächeln.
‘Nächster Halt: Trabensen Markt’
Eigentlich war das eine Haltestelle zu früh. Vom Bahnhof aus lief ich etwa 5 Minuten zu Tobis Haus. Vom Markt allerdings mindestens eine Viertelstunde. Der Bus wurde langsamer.
“Sie haben sicher etwas Schönes vor. Als ich in ihrem Alter war bin ich jeden Samstag …”
Ich sprang aus dem Sitz als hätte mich etwas in den Hintern gestochen. Ohne die alte Frau anzusehen, kroch ich aus den Reihen und eilte den Gang entlang. Vor der hinteren Tür drückte ich mehrmals den ‘Halt!’-Knopf. Wenige Sekunden später hielt der Bus am Markt und ließ mich endlich frei. Die Last, die von meinen Schultern fiel, ließ mich gleich etwas aufrechter stehen. Endlich. Freiheit. Luft. Atmen. Was waren schon 15 Minuten Fußweg? Als der Bus wieder anfuhr, glitt mein Blick über die Fenster und blieb an der alten Frau hängen. Sie schüttelte verwundert den Kopf.
Der einzige Mensch in diesem Bus, der mich nicht von Anfang an für den größten Trottel gehalten hatte, bekam durch meine Flucht genug Potential, um es schnellstmöglich nachzuholen.
Erschöpft lief ich los.
Eigentlich hätte ich auch sofort wieder umdrehen können.

Im Kindle-Shop: Löwenflügel

Mehr über und von Thalea Storm auf ihrer Website.



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