20. Januar 2017

'Ruf des Südens' von Emilia Doyle

Nach einem Streit mit ihrem Freund Benjamin irrt Nathalie während eines Gewitters durch ein Neubaugebiet und stürzt in eine Baugrube. Als sie wieder zu sich kommt, sieht sie sich kurz darauf einem Reiter gegenüber, der sich als Hank Craven vorstellt. Verwirrt lässt sie sich von ihm auf seine Plantage bringen. Langsam begreift Nathalie, dass sie durch ein Zeitloch gefallen und im Süden der USA gelandet ist. Der Sklavenhandel blüht und das Land steht kurz vor dem Bürgerkrieg.

Trotz ihrer Furcht und der Sehnsucht nach ihrer Familie arrangiert sie sich mit der neuen Lebenssituation, stößt aber durch ihre unkonventionelle Art den Sklaven gegenüber auf Unverständnis. Sie zieht sich den Hass von Mathew, Hanks Stiefbruder und Besitzer der Plantage, zu, der sie beschuldigt, eine Hure zu sein oder gar der Abolitionistenbewegung anzugehören, die den Sklaven zur Flucht verhilft.

Nathalie, die ihre Herkunft nicht nachweisen kann, verliebt sich in Hank und steht hilflos Mathews Forderung gegenüber, seine Mätresse zu werden. Ansonsten würde er sie von der Plantage jagen.

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Leseprobe:
Ein monotones Rumpeln schallte vom Weg zu ihr herüber. Die Sicht war durch das Buschwerk am Wegrand verdeckt. Womöglich waren Forstarbeiter dort am Werke. Sie rief um Hilfe. Ihre Stimme wollte ihr anfangs nicht gehorchen, war wie belegt, doch nach mehrmaligem hartem Räuspern, hatte sie sie im Griff. Sie rief, so laut sie konnte, und winkte mit den Armen. Verwundert stockte sie, als sie einen alten Pferdewagen aus der Biegung kommen sah. Befand sie sich in der Nähe eines Reiterhofes? Ein Mann hockte in gebückter Haltung auf dem klapprigen Wagen und hielt die Zügel. Sie schluckte schockiert. Für einen Moment war sie gewillt, sich zu verstecken. Ihre Vernunft siegte über ihre Angst. Vermutlich könnte es Stunden dauern, bis sie der nächsten Person begegnete. Sie überwand sich und rief erneut um Hilfe. Das Gefährt stoppte. Der Mann schaute in ihre Richtung, machte aber keine Anstalten, zu ihr zu eilen. Stattdessen blickte er irritiert nach vorn und hinter sich, als müsse er sich vergewissern, dass tatsächlich er gemeint war.
„Bitte helfen Sie mir. Ich brauche Hilfe“, rief sie erneut.
Endlich sprang er von seinem Wagen und kam unsicher und ohne Eile auf sie zu.
„Was ist mit Ihnen passiert, Ma’am?“
„Ich … ich weiß es nicht. Ich denke, ich bin überfallen worden.“
Der Schwarze musterte sie zurückhaltend und schien nicht zu wissen, was er tun sollte. Nathalie schätzte ihn auf annähernd vierzig Jahre. Er war ärmlich gekleidet. Sein schmuddeliges, ehemals weißes Hemd stand bis zur Brust offen, die Ärmel waren hochgekrempelt. Dazu trug er eine grobe, dunkle Hose, die auch schon bessere Tage gesehen hatte.
Nathalie ignorierte seine schäbige Aufmachung. „Wo bin ich hier?“
„Nicht weit von Oakland, Ma’am.“
„Oakland?“ Sie hatte keine Ahnung, wo das sein sollte.
„Hat Ihr Pferd Sie abgeworfen, Ma’am?“
Pferd? Verständnislos starrte sie ihn an. Was stimmte mit dem Kerl nicht? Es wurde ihr unheimlich. Und warum gaffte er so, als sei sie ein Alien? Sie wollte so schnell wie möglich dort verschwinden.
„Bringen Sie mich einfach nur hier weg“, fauchte sie gereizt.
„Jawohl, Ma’am.“
Sie wollte aufstehen, Schwindel erfasste sie, stöhnend sank sie zurück. Der Schwarze kniete an ihrer Seite. „Sie sollten sich nicht bewegen. Haben Sie Schmerzen, Ma’am?“
Wenigstens war er freundlich, das hielt ihre Angst in Grenzen. Sie bemühte sich, um eine gleichmäßige Atmung, um den Schwindel und das flaue Gefühl im Magen zu unterdrücken.
„Sie haben Glück, da kommt Mr. Craven.“ Er erhob sich und winkte jemandem zu.
Nathalie hatte niemanden kommen gehört. Verwundert blickte sie zum Weg.
Ein Reiter stoppte hinter dem Pferdewagen. Der Mann saß ab und kam die Böschung heruntergeeilt. „Was ist hier passiert?“, wollte er wissen.
Der Schwarze verdeckte ihr mit seinem breiten Kreuz die Sicht. Mit wenigen Worten gab er dem Neuankömmling Auskunft.
Ein attraktiver Mann, ein Weißer, erschien in ihrem Blickfeld. Ein amüsiertes Grinsen huschte über seine Züge, als sich ihre Blicke trafen. Er musterte sie mit hochgezogenen Augenbrauen. „Wen haben wir denn hier?“
Nathalie konnte ihn nur verdutzt anstarren. Warum war er so merkwürdig angezogen? Drehten sie in der Nähe einen Film? Sie konnte sich schwach an einen Artikel in der Zeitung erinnern, in dem für einen historischen Film Statisten gesucht worden waren. Aber sollten die Dreharbeiten nicht erst im Herbst beginnen?
„Nun?“, hakte er nach.
„Mein Name ist Nathalie Brennan“, sie senkte den Blick, „und um Ihre Frage vorwegzunehmen, ich kann mich nicht erinnern, was geschehen ist.“
„Verstehe!“ Seine Belustigung war verschwunden. Er kniete sich neben sie und begutachtete ihren Kopf. „Sie bluten an der Schläfe.“
Erschrocken befühlte sie die Kopfseite. Das Blut war bereits angetrocknet. „Mein Kopf tut weh“, hauchte sie den Tränen nah.
„Das kann ich mir vorstellen. Sie müssen unverzüglich zu einem Arzt. Woher kommen Sie, Miss Brennan?“
„Aus Carlisle.“
Er sah sie mit gefurchter Stirn nachdenklich an. Der Mann hatte wunderschöne, klare Augen. Sie konnte nicht sagen, warum ihr gerade das auffiel. Verlegen wich sie seinem Blick aus.
„Bedaure, ich kenne diesen Ort nicht.“
„Er liegt zwischen den Städten Middletown und Dayton.“
Er schüttelte den Kopf. „Es sagt mir leider nichts, aber ich denke, das können wir auch später klären. Ich bin Hank Craven. Etwa zwei Meilen entfernt befindet sich die Plantage meiner Familie, dort wird man sich hinreichend um Sie kümmern.“
„Sie haben nicht zufällig ein Handy dabei?“
Er sah sie an, als hätte sie etwas vollkommen Irrsinniges gesagt. Qualvolle Sekunden ruhte sein eigenartiger Blick auf ihrem Gesicht, bevor er ihn abwandte und den Hang hinter ihr absuchte. „Waren Sie etwa ganz allein unterwegs?“
Sie wusste nicht, was sie ihm darauf antworten sollte und nickte lediglich.
Missbilligend schüttelte er den Kopf. „Das war sehr töricht.“
Hank Craven erhob sich und wandte sich dem Schwarzen zu, der einige Schritte zurückgetreten war. „Samuel, hast du eine Decke auf dem Karren?“
„Da müsste eine sein, Sir.“
„Gut, dann hol sie.“
„Mir ist nicht kalt“, erklärte Nathalie.
„Das glaube ich Ihnen. Aber in Ihrem sonderbaren Aufzug würden Sie zu großes Aufsehen erregen.“
„Was soll das heißen?“, empörte sie sich und sah an sich hinunter. Ihre Jeans wies seitlich am Oberschenkel ein paar Grasflecke auf und war teilweise etwas sandig. Kein Grund, sie deshalb zu beleidigen.
Sein Gesicht zeigte ein breites Grinsen und sein Blick maß unverhohlen ihren Körper.
„Mit Verlaub, Miss Brennan, Sie tragen Beinkleider.“
„Bein … was?“ Perplex starrte sie ihn mit offenem Mund an. In seinen Augen stand ein amüsiertes Funkeln. Allmählich wurde ihr die Sache zu dumm. Was bildete dieser arrogante Kerl sich eigentlich ein? Nur weil er offenbar zur Filmcrew gehörte und im Stil des neunzehnten Jahrhunderts gekleidet war, bedeutete es längst nicht, dass er sich auch so zu verhalten hatte. Sie gehörte nicht zum Team und ihr Auftritt stand nicht im Drehbuch. Ihr war weiß Gott was widerfahren, und der Kerl wagte es, sich lustig zu machen. Zorn stieg in ihr auf.
„Entschuldigen Sie, dass ich momentan nicht über Ihre primitiven Witze lachen kann, Mr. Craven“, zischte sie erbost. „Mein Schädel droht zu explodieren, und ich fühle mich gerade ziemlich miserabel. Also heben Sie sich derartige Scherze für einen anderen Zeitpunkt auf.“ Verärgert sprang sie auf die Beine. Sogleich begann sich alles um sie herum zu drehen.
„Miss Brennan!“
Sie spürte seine Hände an ihrem Körper; sie registrierte es wie in Trance. Augenblicke später hob er sie in seine Arme und marschierte mit ihr, anscheinend mühelos, die Böschung hinauf.

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Mehr über und von Emilia Doyle auf ihrer Facebook-Seite.



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