9. Februar 2017

'Alles bleibt anders' von Siegfried Langer

Schlimm genug für Frank Miller, dass er sein Gedächtnis verloren hat. Doch nicht nur das - er wurde offiziell für tot erklärt! Als ihn nicht einmal seine Verlobte Claire wiedererkennt, verwandelt sich sein rätselhaftes Schicksal endgültig in eine Tragödie.

Es ist das Jahr 2008 und Franks langsam zurückkehrende Erinnerungen konfrontieren ihn mit einer unglaublichen Realität: mit einem Dritten Reich, das das Jahr 1945 überlebt hat, mit einer NSDAP, die mächtiger und grausamer ist als jemals zuvor. Über ganz Europa weht die Flagge mit dem Hakenkreuz. Franks Suche nach seiner Identität führt ihn in die deutsche Hauptstadt Germania, erbaut nach den tollkühnen Entwürfen Hitlers und Speers.

Dort erfährt er, dass er kämpfen muss - um sein Leben, um seine Liebe zu Claire und um das Schicksal vieler anderer.

Der Debüt-Roman von Siegfried Langer wurde unter anderem für den Deutschen Phantastik Preis nominiert.

Gleich lesen: Alles bleibt anders

Leseprobe:
Für einen Augenblick nahm er seine Umgebung als Park wahr.
Für einen Augenblick sah er Frauen mit Kopftüchern, Männer mit Schnurrbärten und dazwischen spielende Kinder. All diese Menschen bevölkerten die Wiesen ringsum und drängten sich um qualmende Grille. Er roch sogar die Fleischstücke und die Würste, die auf den Rosten lagen, doch auch dieser Sinneseindruck blieb nur für den Bruchteil einer Sekunde präsent, um dann für lange Zeit wieder aus seinem Bewusstsein zu verschwinden.
Der Geruch verflüchtigte sich genau so schnell, wie sich das Gebäude vor seinen Augen verwandelte. Die Architektur blieb die gleiche, aber an der Stelle, an der gerade noch 'Deutsch-Türkischer Sportverein' neben einem schwarz-rot-goldenen Halbmond auf weiß getünchter Mauer prangte, stand nun plötzlich 'Görlitzer Bahnhof' in gotischen Lettern auf dem unverputzten Backsteingebäude. Als hätten sein linkes und sein rechtes Auge unterschiedliche Informationen an sein Gehirn weiter gemeldet und dieses hätte binnen kürzester Zeit entschieden, welches die korrekte Umgebung zu sein hatte, die er da beobachtete.
Nur dieser Augenblick der Unsicherheit und des Schwindels. Dann stand er wieder mit beiden Beinen fest auf der Erde und hatte das, was er eben gesehen hatte, auch schon wieder vergessen.
»He, Sie da!«
Irgendjemand bellte ihn an und als er am Bahnhofsgebäude entlang sah, erkannte er Menschen, die zu ihm starrten: Zwei Männer mit Zylindern auf den Köpfen, in Anzug und Fliege, einer trug eine Zeitung unter den Arm geklemmt; eine junge Frau mit schulterlangem, blondem Haar, in einem fliederfarbenen, knöchellangen Kleid; ein ganzes Rudel Kinder im Alter von etwa acht Jahren in dunkelblauen Schuluniformen mit goldenem Emblem auf der Brust. Mehrere der Kinder glotzten mit offenem Mund zu ihm herüber, mitten unter ihnen eine ältere Dame in der gleichen Uniform, die ergrauten Haare zu einem Dutt nach oben gesteckt.
»Ja, Sie meine ich!«
Jetzt sah er auch den Mann, der da brüllte und ganz offensichtlich ihn meinte: ein stämmiger, vollbärtiger Mann, eine graue Uniform inklusive Schirmmütze tragend. Hätte er näher bei ihm gestanden, hätte er das Wort »REICHSBAHN« in schwarzen Buchstaben am Ärmel lesen können.
»Kommen Sie sofort da herunter!«
Was der Mann in der grauen Schaffnerkleidung mit 'da' meinte, bemerkte er, als er an sich herab sah und feststellte, dass er auf einer Schwelle stand, die zu einer Gleisanlage gehörte.
»Sind Sie lebensmüde?«
Jeder andere an seiner Stelle hätte schleunigst die Schienen verlassen. Er jedoch ging langsam und gemächlich auf den Bahnsteig zu, war sich der Gefahr gar nicht bewusst. Die dort Versammelten beobachteten jeden seiner Schritte.
»Mann, haben Sie ein Glück, dass der Elf-fünfundvierziger zehn Minuten Verspätung hat!«, sagte der Mann in grau und streckte ihm eine Hand entgegen; auch der Anzugträger mit der Zeitung unter dem Arm, nahm diese nun in die eine Hand und reichte ihm die andere. Er ergriff sie beide und ließ sich auf den etwa achtzig Zentimeter erhöhten Bahnsteig hieven.
Der Schaffner vergewisserte sich mit einem Blick nach links, dass der erwartete Zug immer noch nicht in Sichtweite war, und zeigte Erleichterung, die sogleich von einem strafenden Ausdruck verdrängt wurde.
»Es ist Unbefugten verboten, den Gleiskörper zu betreten. Ich bin verpflichtet, darüber Meldung zu erstatten«, zitierte er und zog Notizblock und Stift aus seiner Brusttasche. »Wie heißen Sie?«
»Frank«, sagte der Angesprochene ohne zu zögern. 'Frank' war der Name, der ihm spontan eingefallen war und er wusste auch, dass es der Richtige war: der Seine. Er wusste nicht, wie er hier auf diesen Bahnhof kam, geschweige denn, warum er hier war; aber an seinen Namen, an den erinnerte er sich plötzlich wieder. Ähnlich einem alten Menschen, bei dem große Lücken im Gedächtnis klaffen und der dennoch stets das Datum seiner Geburt nennen kann, wenn man ihn danach fragt.
So bestätigte Frank mit der Aussprache seines Vornamens mehr sich selbst als dem Schaffner, wer er war.
Der Schaffner notierte. »Und Ihr Nachname?«
Frank wurde sich der Situation, in der er sich befand, immer noch nicht bewusst. Er fragte sich nicht, warum und wofür der Schaffner diese Informationen von ihm wollte. Nein, er war ihm dankbar, denn er wollte selbst wissen, wie sein Nachname war; in Gedanken suchte er ihn, konnte ihn aber nicht finden.
»Ihr Nachname?«, beharrte der Bärtige.
Dass die ältere Dame in der blauen Schuluniform mittlerweile dafür sorgte, dass ihre Schützlinge sich benahmen, nicht länger mit offenem Mund zu ihm herüberstarrten und mit ihr ein Stück zur Seite gingen, bemerkte er nur am Rande.
»Können Sie mich verstehen? Sprechen Sie deutsch?«
Auch der Mann mit der Zeitung wandte sich nun, zusammen mit dem anderen Anzugträger, von dem Gespräch ab, genau wie die junge Frau es auch schon getan hatte. Anstand war der Grund dafür, nicht etwa fehlende Neugierde.
Der Schaffner wusste sich schließlich nur noch damit zu helfen, den Fremden am Oberarm zu packen und mitzuzerren.
»Sie kommen erstmal mit zur Stationsaufsicht!«
Der endlich eintreffende Zug lenkte für einen Moment seine Aufmerksamkeit ab, und Frank gelang es, die Hand des Schaffners abzuschütteln und loszurennen.
Beim Schaffner, hin und her gerissen, ob er dem Flüchtenden nacheilen oder sich um die Abfertigung der eingefahrenen Bahn kümmern sollte, siegte das Pflichtgefühl.
Sollte dieser Lebensmüde doch machen, was er wollte, die Sicherheit am Bahnsteig ging vor. Den Mann ohne Nachnamen erwähnte er nur noch in seinem Dienstbericht, den er bei Schichtende seinem Vorgesetzten in dessen Fach legte. Darüber hinaus interessierte er ihn nicht mehr.
Und Frank rannte. Er rannte durch das große Portal hindurch, das den Bahnsteig mit der Bahnhofshalle verband, dann geradeaus, an einer breiten, nach unten führenden Treppe vorbei, die Zugang zu anderen Gleisen verschaffte, und schließlich durch die kuppelförmige Halle selbst. Unbewusst nahm er die Menschen wahr, die da standen, warteten, an einem Imbiss etwas aßen, sich gerade an den Auskunfts- und Fahrkartenschaltern eine Reiseverbindung ermitteln ließen oder ein Billet lösten. Dienstmänner, die schwere Koffer und Reisetaschen schleppten; Reisende, die schnellen Schritts die Halle durchquerten. Der eine oder andere drehte sich irritiert zu dem Rennenden um. Dann war Frank auch schon durch die Vorhalle hindurch und kam auf einem gepflasterten Bürgersteig zum Stehen. Nur für einen kurzen Moment hielt er inne, um zu erfassen, wo er war. Geradeaus standen mehrere Pferdedroschken, aber auch einige motorgetriebene Fahrzeuge, auf dem Trottoir selbst herrschte eine ähnlich geschäftige Betriebsamkeit wie in der Halle. Er lief weiter nach rechts den Bürgersteig entlang, immer weiter, bis er an den Bahnhofsgebäuden und den sich anschließenden Mietblöcken vorbei war. Dann bog er nach links ein, in eine Gasse, und weiter in die nächste. Dass er gar nicht verfolgt wurde, bemerkte er nicht. Erst als seine Kräfte nachließen, verlangsamte er seine Geschwindigkeit, nach Atem ringend und mit erhöhtem Puls. Mit dem Handrücken fuhr er sich über die nasse Stirn.
Im Schritttempo weiter, rastlos, ziellos, unter einer Hochbahn hindurch, passierte er stinkende Gassen und verschmutzte Straßen. Spielende Kinder, Männer und Frauen auf Fahrrädern und Hochrädern, ein von Pferden gezogener Bus. Bis er irgendwann, Stunden später, an eine Parkbank gelangte, sich niedersetzte und zu Boden starrte. Er erinnerte sich an die Szene am Bahnhof, ansonsten erinnerte er sich an nichts. Er fühlte sich absolut leer und ausgebrannt.
Wie war er dort nur hingekommen?
Sein Blick fiel auf seine schwarzen Lederhalbschuhe. Nein, er wusste nicht mehr, wann er sie gekauft, geschweige denn, wann er sie angezogen und zugeschnürt hatte. Die dunkelgrauen Wollsocken und die schwarze Stoffhose, erkannte er ebenso wenig wie die Schuhe oder sein Hemd aus weißer Baumwolle. Die beiden Anzugträger fielen ihm ein und er fasste sich auf den Kopf. Müßig: hätte er, wie die beiden einen Zylinder getragen, hätte er ihn längst beim Rennen verloren. Auch Krawatte oder Fliege trug er nicht.
Ein Griff an seine Gesäßtasche: keine Geldbörse mit Geld oder etwa einem Ausweis.
Dann entdeckte er etwas auf seiner Brust; er spürte Metall. Er öffnete die obersten beiden Hemdknöpfe und zog ein silbernes Medaillon hervor, an einem dünnen, aber stabilen Kettchen hängend. Neugierig, welches Bildnis wohl darin zum Vorschein kommen mochte, suchte er den Öffnungsmechanismus. Er fand ihn und drückte darauf. Der Deckel klappte nach oben. Doch nicht das erhoffte Antlitz aus einer ihm noch unbekannten Vergangenheit lächelte ihm entgegen, kein jüngeres Ebenbild seiner selbst oder das Gesicht einer früheren Liebe. Es sah aus wie ein Knopf, der sich eindrücken ließ. Vorsichtig fühlte er mit dem Zeigefinger über die schwarze Oberfläche: weich, aber stabil. Den Knopf zu betätigen, getraute er sich nicht. Jetzt fiel sein Blick auf die Innenseite des Deckels; in schnörkellosen Buchstaben stand dort: 'SG'. Initialen? Seine Initialen? Dann konnte er selbst nicht Frank heißen. Und wenn er Frank war, wer war dann dieser oder diese 'SG'? In Gedanken versunken lehnte er sich zurück, blickte auf und entdeckte seine Umgebung. Vor ihm ein schmaler Fluss, der langsam und träge durch sein begradigtes Bett glitt, links und rechts des Flusses das gemauerte Ufer, zur Absicherung ein Geländer. Jenseits des Flusses ein großer wuchtiger Bau, dahinter ein rotes, leicht deplatziert wirkendes Gebäude. Eine Kirche? Dazwischen Wiesen, noch nicht so grün und saftig wie im Sommer, aber auf dem besten Wege dorthin. Vor dem wuchtigen Bau eine breite Straße – Linden in der Mitte – die geradewegs auf eine Brücke zulief, die über den schmalen Fluss führte. Auf der Brücke acht Skulpturen aus weißem Marmor, jede aus einer Frau und aus einem Mann bestehend: Krieger und Kriegsgöttin.
Plötzlich ahnte er, was sich hinter ihm, in seinem Rücken befand. Er stand auf, drehte sich um und sah geradewegs auf ein großes imposantes Schloss, altes Gestein, reich verziert, in bestem Zustand. Links daneben der Dom und davor der Lustgarten. All das erkannte er wieder, glaubte er zumindest.

Im Kindle-Shop: Alles bleibt anders

Mehr über und von Siegfried Langer auf seiner Website.



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