24. Februar 2017

'Melody of Eden 2: Blutwächter' von Sabine Schulter

Allmählich beginnt Mel, sich an ihr neues Leben zu gewöhnen, und es dank Eden sogar zu genießen. Aber noch immer sorgt ihr Widersacher Rufus mit seinen perfiden Plänen für großes Chaos.

Die Vampire beschließen, ihn ein für alle Mal zu stoppen, und verbünden sich mit den Einheiten der anderen Bezirke. Dass daraufhin ausgerechnet die gutaussehenden und manipulativen Vampirzwillinge des Mittelbezirks ein Auge auf Mel werfen, passt Eden gar nicht. Er muss lernen, endlich zu seinen Gefühlen für Mel zu stehen, und das am besten so bald wie möglich. Denn wenn Rufus erst mal mit seiner Vampirarmee aufwartet, könnte es dafür bereits zu spät sein …

Der zweite "Melody of Eden"-Roman von Sabine Schulter.

Gleich lesen: Melody of Eden 2: Blutwächter

Leseprobe:
Melody
Keuchend rannte ich um die nächste Ecke, rutschte bei meinem schnellen Tempo aus und schlitterte über den kahlen Beton, bis ich mein Gleichgewicht wiederfand und weiterhetzte. Falls ich fallen oder auch nur innehalten sollte, würde ich auf der Stelle sterben.
Ich traute mich nicht, einen Blick zurückzuwerfen, aus Angst vor dem, was ich sehen könnte. Aber die hohen Schreie, die laut von den Wänden um mich herum widerhallten, verrieten mir bereits, dass die Wilden viel zu nah hinter mir waren. Trotzdem hielt ich die Augen starr auf den Gang vor mir gerichtet.
Die schmucklose Betonröhre, die so typisch für das Kanalsystem unter der Stadt war, zog sich in der absoluten Dunkelheit so endlos vor mir entlang, dass sich ihr Ende trotz meiner guten Sicht in der Ferne verlor. Aber das konnte eigentlich nicht sein, da sich die anderen doch direkt vor mir befinden mussten. Hatte ich sie etwa während der Jagd, die gerade auf uns gemacht wurde, verloren?
»Eden!«, schrie ich verzweifelt, wobei die nackten Füße der Wilden über den Boden hinter mir schabten. »Scott!«
Aber niemand antwortete mir.
Kaltes Entsetzen krallte sich in meinem Magen fest, als ich verstand, dass ich meine Begleiter tatsächlich verloren hatte. Und ohne sie würde ich niemals schnell genug einen Ausgang aus der Kanalisation finden, um der geifernden Masse hinter mir zu entkommen.
Tränen brannten mir in den Augen, aber ich würde nicht aufgeben! Ich legte alle Kraft in meine Schnelligkeit, erlangte ein Tempo, dass ein Mensch nur mit einem Auto erreichen konnte, und setzte meine Aura frei, um zumindest einige meiner Verfolger von mir fernzuhalten.
Ich keuchte erleichtert auf, als sich der Gang vor mir teilte und sich mir dadurch endlich ein weiterer Weg auftat. Doch meine Erleichterung wich augenblicklich Entsetzen, denn eine einsame Gestalt trat aus einem der Tunnel hervor und sah mir siegessicher entgegen. Sie erinnerte beinahe an einen Menschen, doch ihre Haut war so bleich wie die eines Geistes: Rufus. Kein einziges Haar bedeckte seinen mageren Körper mit den viel zu langen Gliedmaßen. Als er meine Verzweiflung bemerkte, grinste er schief und zeigte mir dadurch seine spitzen Eckzähne.
»Ich habe dir gesagt, dass du mir nicht entkommen wirst, Melody«, rief er mir in dem Moment zu, als ich über eine Unebenheit stolperte. Ich strauchelte, fiel und ließ in einem letzten verzweifelten Versuch mich zu retten, all meine vampirische Kraft frei.
Doch sie reichte nicht.
Bereits im nächsten Moment griffen magere und doch kraftvolle Finger nach mir und zerrten mich mitten unter die Wilden, die gierig zischten. Ich schrie voller Verzweiflung und schlug wie wild um mich, aber meine Hände wurden gepackt und unbarmherzig zu Boden gedrückt.
»Mel, beruhige dich!«
Die bekannte Stimme ließ mich innehalten und die Augen aufschlagen. Der dunkle Tunnel war verschwunden und stattdessen sah ich in Edens dunkelbraune Augen, die mich besorgt musterten. Schwer atmend brauchte ich mehrere Sekunden, ehe ich verstand, dass ich nur geträumt hatte.
»Es ist alles gut«, versicherte mir Eden, der über mir hockte und meine Hände auf die Matratze unter uns drückte. »Du bist hier in Sicherheit.«
»Ja, ich weiß«, brachte ich noch hervor, bevor im nächsten Moment die Tür zu Edens Zimmer hier im obersten Stockwerk des westlichen Polizeireviers aufgestoßen wurde. Neben einer fauchenden Ivy, stürmten auch Scott und Rich herein – die beiden letzteren noch in ihrer Schlafkleidung. Aber als sie Eden sahen, wie er auf mir saß und mich quasi ans Bett pinnte, hielten sie überrascht inne.
»Also ehrlich«, beschwerte sich Rich und stützte die Hände in die schmale Hüfte. »Mir ist es ja egal, was ihr hier so treibt, aber wenn ihr dabei ungestört bleiben wollt, dürft ihr nicht so einen Lärm machen.«
»Was?«, brachte ich hervor und wurde auf der Stelle knallrot. »Was bitte läuft denn in deinem Kopf für ein Film ab? Da ist immerhin noch eine Decke zwischen uns!«
»Mel hatte einen Albtraum und hat wie wild um sich geschlagen«, erklärte Eden ruhig und stieg von mir herunter. »Ich musste sie irgendwie davon abhalten, das Fenster einzuschlagen.«
Mein Blick flackerte zur Seite. Tatsächlich lag ich nah an einem der zwei Fenster, die mir eine weite Aussicht über die tausenden Dächer des Westviertels boten, wenn sie nicht wie gerade mit schweren Vorhängen verdeckt waren. Dadurch, dass sich das Fensterbrett auf einer Höhe mit Edens Bett befand, hätte ich nur kurz zur Seite ausschlagen müssen, um es zu treffen. Und mit meiner übermenschlichen Kraft hätte ich es sofort zerstört.
»Hm«, brummte Scott. Der beeindruckende Mann mit dem dichten Vollbart verschränkte die Arme vor der breiten Brust, während Ivy auf die Matratze kletterte und sich an meine Seite lehnte, um mich weiter zu beruhigen. »Die Sache in den Kanälen steckt dir wohl noch schwer in den Knochen, hm?«
»Euch würde es doch ähnlich gehen, oder?«, fragte ich und dachte an die Falle, die uns Rufus in der letzten Nacht gestellt hatte.
Allein bei dem Gedanken daran, wie ich vor dieser durchsichtigen Mauer stand und keinen Ausweg wusste, erzitterte ich, bemühte mich aber, Ivy anzulächeln, damit sie sich nicht sorgte. Doch es fiel mir schwer.
Das bemerkte auch die kleine, wie ein zehnjähriges Mädchen wirkende, Vampirin, denn ihr sonst so unsteter Blick aus den blassblauen Augen blieb ungewöhnlich lang auf mir ruhen.
»Da kannst du Recht haben, aber leider können wir dir nicht dabei helfen, das Geschehene besser zu verarbeiten«, meinte Scott und verzog den Mund.
»Das müsst ihr auch nicht«, versicherte ich ihm und sah zu Eden auf, der nun im Schneidersitz neben mir saß. »Ihr tut schon genug für mich.«
Denn seit mich vor beinahe fünf Wochen ein Wilder in den Knöchel gebissen hatte, waren die Vampire des Westbezirkes für mich zu einem Teil meiner Familie geworden. Zu den Menschen gehörte ich nämlich nicht mehr.
»Schön, dass du das so siehst, Schäfchen«, meldete sich Rich zu Wort und strich sich das blonde Haar zurück. »Aber dann versuch, deine inneren Konflikte etwas leiser zu verarbeiten. Ich mag es nicht sonderlich, mitten am Tag aufgeschreckt zu werden.«
»Aber wenn du schon einmal wach bist, können wir uns wenigstens an die Vorbereitungen für unser Treffen mit den anderen Vampiren setzen«, sagte Scott mit einer Spur Humor in der Stimme.
»Was?«, fragte Rich entsetzt. »Hast du mal auf die Uhr geschaut? Es ist gerade einmal vierzehn Uhr.«
»Eine gute Zeit, um an die Arbeit zu gehen, findest du nicht?« Amüsiert klopfte Scott ihm auf die Schulter, als Rich ein tiefes Seufzen ausstieß und den Raum verließ. Dann winkte der große Mann Ivy zu sich heran, die nur ungern den Platz an meiner Seite verließ, aber wie immer die Anweisung ihres Blutpartners befolgte und an ihm vorbei durch die Tür verschwand.
»Ihr beide steht am besten ebenfalls auf. Ich weiß, dass ihr müde seid, aber im Moment sollten wir die wenige Zeit, die wir haben, nutzen«, meinte Scott noch zu uns, ehe er Rich und Ivy aus dem Zimmer folgte und die Tür schloss.
»Tut mir leid, dass ich dich aufgeweckt habe«, sagte ich gefolgt von einem tiefen Seufzen und sah Eden entschuldigend an.
»Das muss es nicht, Mel. Du hast eben einiges zu verarbeiten«, erwiderte er und öffnete die Arme für wenige Zentimeter, was ich als Einladung aufnahm.
Ich schob die Decke beiseite und setzte mich direkt auf seine überkreuzten Beine. Dadurch konnte er mich gut umfassen und seinen Kopf an meine Brust lehnen. Ich genoss die Nähe zu dem meist verschlossenen und oftmals undurchschaubaren Vampir, und strich durch sein schwarzes Haar, wodurch meine innere Ruhe zurückkehrte.
»Hast du wirklich von den Kanälen geträumt?«, fragte mich Eden nach einer Minute.
»Ja«, gab ich widerwillig zu, denn mir fiel das überraschend schwer. Ich wollte nicht, dass mich das Erlebnis der letzten Nacht so schwer traf. Aber ich war dem Tod nur knapp entkommen.
»Es tut mir leid«, sagte Eden leise.
Sofort packte ich etwas mehr von seinem Haar und zog unsanft daran. Ich mochte es nicht, wenn er der alten Schuld verfiel, die das Erlebnis zwischen ihm und Rufus vor fünf Jahren ausgelöst hatte.
»Hatten wir das nicht schon besprochen? Dir muss nichts leidtun«, rügte ich ihn.
Als er zu mir aufsah, erkannte ich zu meiner Überraschung ein hauchfeines Lächeln auf seinen Lippen. »Ja, das weiß ich und werde mir daher keine Schuld daran geben. Aber es darf mir doch noch leidtun, wenn du Albträume hast, oder?«
Ich verzog den Mund. »Viel ist daran nicht auszusetzen.«
Eden zwinkerte mir zu, umfasste mich dann fester und legte mich zurück auf die Matratze.
»Möchtest du noch etwas schlafen?«, fragte er, als er mir folgte und sich neben mir abstützte.
»Scott hat doch gesagt, dass wir aufstehen sollen.«
»Aber er würde uns auch schlafen lassen, wenn wir seiner Aufforderung nicht nachkommen.«
Kurz dachte ich darüber nach, schüttelte dann aber den Kopf. »Ich fühle mich eigentlich fit genug. Außerdem bin ich sehr neugierig, was wir noch über die Katze herausfinden, die wir in den Kanälen gefunden haben.«
Kurz glaubte ich, in Edens dunklen Augen Resignation zu erkennen. Aber er konnte seine Gefühle so perfekt verbergen, dass ich mir nicht ganz sicher war.
»Dann lass uns aufstehen«, pflichtete er mir bei und richtete sich auf.
Mit einem Grinsen sah ich ihn an und rührte mich nicht. »Kann es sein, dass du gern weitergeschlafen und am Ende meine Müdigkeit als Grund vorgeschoben hättest?«
Eden verzog den Mund minimal, was mich nicht nur in meiner Annahme bestätigte, sondern auch zum Lachen brachte. »Du bist so ein Morgenmuffel!«
»Denk daran, dass du mich nicht gerade sanft geweckt hast. Ich habe also allen Grund, schlechte Laune zu haben«, erwiderte er ungerührt.
Auch wenn seine Worte einen gewissen Vorwurf enthielten, wusste ich, dass er mir das raue Wecken nicht übelnahm. Schnell rappelte ich mich auf die Knie hoch.
»Wenn du es mir heimzahlen willst, komm nur her«, forderte ich ihn heraus.
Als Reaktion bekam ich aber nur eine hochgezogene Augenbraue zu sehen. Das war eben typisch Eden.
»Komm schon«, sagte ich und federte immer wieder auf der Matratze auf und ab.
»Woher hast du nur diese Energie?«, fragte Eden mit einem Kopfschütteln, kniete sich dann aber tatsächlich auf das Bett. Doch statt mit mir zu rangeln, drängte er mich einfach zurück, bis ich umfiel. Voller Vorfreude wartete ich darauf, dass er mir folgte, um mich zu küssen. Doch stattdessen beugte er sich zu meinem Bauch hinunter, schob mein Shirt hoch und presste den Mund auf die bloße Haut. Als er mit Druck die Luft ausstieß, ertönte ein lautes Geräusch, das aber in meinem kreischenden Lachen unterging. Es kitzelte so sehr, dass ich glaubte, vor Lachen zu sterben.
»Eden!«, brachte ich hervor und drückte ihn verzweifelt zur Seite.
»Na?«, fragte er ungerührt, als er von mir abließ. »Hast du genug für einen Morgen?«
Ich wollte nur zu gern antworten, aber ich musste immer noch lachen und krümmte mich zur Seite. »Du bist so blöd«, brachte ich dann schließlich hervor.
Eden schnaubte belustigt, was seine Art des Lachens war, und gab mir einen Klaps auf den Po, ehe er sich erneut aufrichtete und das Zimmer verließ.
Ich blieb noch eine Weile liegen und genoss das Hochgefühl, das der junge Vampir in mir auslöste. Eden war so vollkommen anders als ich, aber er wusste verdammt gut mit mir umzugehen. Nie hätte ich erwartet, dass ich einmal so froh sein würde, kein Mensch mehr zu sein. Aber erst nachdem ich meine Verwandlung akzeptiert hatte und nun langsam in meinem neuen Leben ankam, wurde mir bewusst, wie langweilig mein altes Leben doch gewesen war.
Ich dachte an meine neue Nachtsicht, die schnelle Wundheilung und meine enorme Stärke. Aber das Leben eines Vampirs brachte mir nicht nur Freuden. Ich hatte meinen Job verloren, meine Menschlichkeit und im Prinzip mein komplettes altes Leben. Bis auf meine beste Freundin Daisy wusste niemand von meiner Veränderung - nicht einmal meine Familie.
Und dann war da noch Rufus …
Ich verdrängte den Gedanken an den Anführer der wilden Vampire und dachte viel lieber wieder an Eden. An ihn und die Bindung zwischen uns. Denn ihm hatte ich es zu verdanken, dass ich nicht zu einer Wilden wurde und stattdessen immer mehr Zuneigung für den schwarzhaarigen, manchmal etwas kaputten Vampir empfinden konnte. Er war mein Blutgefährte und inzwischen gehörte ihm auch mein Herz.
Bei dem Gedanken an das, was wir erst vor ein paar Stunden miteinander geteilt hatten, zog ich sein Kissen heran und atmete tief Edens Geruch nach Wind und Nacht ein. Ja, daran erinnerte ich mich viel lieber als an dunkle, enge Kanäle.

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