16. März 2017

'Die Rivalen am Lago di Bènaco' von Sabina Gabriel

Italien, anno 1267. Der junge Edelmann Giacomo wird nach dem Ableben des Vaters Burgherr und Gutsbesitzer.

Als Mastino I. aus Verona die Edelleute am Lago di Bènaco zusammenruft, um den jungen Hohenstaufener Konrad, den Enkelsohn Kaiser Friedrichs von Sizilien, im Kampf gegen Karl I. von Anjou zu unterstützen, zieht er in Betracht sich zu vermählen, um nicht in den Krieg ziehen zu müssen. Doch er kann seine Jugendliebe Mariella nicht vergessen, die von seinem Vater vom Hof verbannt wurde, da sie nicht standesgemäß war.

Als er Maresca begegnet, verliebt er sich, doch das Mädchen birgt ein Geheimnis. Burgherr Giacomo und Graf Federico gehen dem auf die Spur und geraten selbst in eine Intrige, die letztendlich Federico in den Kerker bringt. Währenddessen plant Conradino, wie der 15jährige Konrad von den Italienern genannt wird, mit Unterstützung der Kaisertreuen den Kampf gegen Papsttreuen seinen Zug nach Italien.

Gleich lesen: Die Rivalen am Lago di Bènaco: Historischer Roman

Leseprobe:
IM Hafen von Sirmiù
Bevor sich Giacomo mit den Galeerenbesitzern bezüglich des Warentransportes zwischen Padenghe sul Garda und Sirmiù auseinandersetzen wollte, stieg er vom Pferd und führte es zu einem großen Stein, auf den er sich setzte und tief einatmete. Er liebte die Luft am Lago Benàco und den Anblick des Sees mit dem Funkeln der Sonne auf der Wasseroberfläche. Er war ganz in seinen Gedanken vertieft, als es um ihn herum ziemlich laut wurde.
Plötzlich hörte er einen lauten Aufschrei und sah einen kleinen Jungen humpelnd davonlaufen. Er rannte an ihm vorbei und Giacomo hielt ihn im letzten Moment am Arm fest.
»Was hast du verbrochen, dass die ganze Meute hinter dir her ist?«
Bevor der Junge antworten konnte, wurde Giacomo von einer Gruppe aufgebrachter Fischer angesprochen.
»Gehört der Bengel zu Euch? Schöne Nachzucht, die Ihr heranzieht! Er hat uns Fischer beklaut und nicht das erste Mal.«
Der Junge versteckte sich hinter dem Rücken des Edelmannes.
»Erstens ist es nicht mein Junge und zweitens hüte deine Zunge, du stehst vor einem Ritter und Edelmann. Da sollte dir erst mal das richtige Benehmen einfallen. Hier hast du ein paar Gulden und jetzt verzieht euch alle zusammen. Ich möchte keinen Kommentar mehr hören, der Junge bleibt in meiner Obhut und wird den Schaden abarbeiten.«
Murrend verzog sich die Meute und Giacomo war mit dem Jungen alleine. Er packte ihn am Kragen und schimpfte: »Was fällt dir ein, ehrliche Leute zu berauben?«
»Es tut mir leid, aber ich muss mich um meine kranke Mutter und meine kleine Schwester kümmern. Ich kann sie ja nicht verhungern lassen.«
»Ist das wahr, oder ist das ein Bettelmärchen?«, fragte Giacomo den Jungen mit hochgezogenen Augenbrauen. Trotzig blickte der Junge weg und gab keine Antwort von sich. Dann wurde er verlegen.
»Also gelogen! Jetzt will ich die Wahrheit hören! Wie heißt du überhaupt?«
»Ich heiße Piro. Ich habe meine Eltern verloren, mein Vater starb, als ich noch klein war. An ihn kann ich mich nicht mehr erinnern. Und meine Mutter starb ebenso, vor ein paar Jahren, auf dem Krankenbett. Sie war schwer krank und ich musste sie pflegen. Geschwister habe ich keine.«
Nun schimmerten Tränen in den Augen des Jungens und Giacomo war gezwungen, ihm die Geschichte zu glauben.
»Vielleicht wäre sie noch am Leben, hätte ich Geld für Medizin gehabt, aber ich war noch so klein und keiner gab mir Arbeit.«
Er stoppte in seiner Erzählung und wischte sich versteckt die Tränen aus dem Gesicht.
»Als ich letztes Jahr auch noch unter die Räder einer Kaufmannskarre geriet, verweigerte man mir jede Arbeit.«
Verächtlich fuhr er mit seiner Erzählung fort.
»Wer will schon einen Krüppel beschäftigen? Ich kann immer noch gut arbeiten, aber es gibt einem ja keiner eine Gelegenheit. Also besorge ich oft Waren für die Bauern, die am Hafen rumliegen.«
»Soso, rumliegen, mh, wie alt bist du?«
»Acht oder neun, ich weiß es nicht. Vielleicht auch zehn. Obwohl, für zehn bin ich eigentlich zu klein. Ich habe nicht mitgezählt. Ich lebe schon seit einigen Jahren auf der Straße«, fuhr er traurig fort.
»Würdest du einen Gutsherrn ebenso bestehlen, wenn du dort einen Schlafplatz und Essen bekommen würdest und dafür im Stall helfen müsstest?“
»Oh, nein, mein Herr, sicher nicht«, stieß Piro aus und seine Augen funkelten vor Freude.
»Ich werde sehen, was ich für dich tun kann. Du wartest hier. Ich muss noch mit dem Besitzer der Galeere reden, dann werden wir eine Lösung für dein Problem finden. Rühr dich nicht von der Stelle! Ich finde dich, solltest du nicht gehorsam sein«, fügte Giacomo im strengen Ton zu.
»Piro, passe auf mein Pferd auf, während ich mit den Leuten am Hafen spreche.«
Er hätte es auch an den Zügeln mitnehmen können, aber so sah er für den Jungen weniger Gelegenheit, wieder fortzulaufen. So dreist, sein Pferd zu stehlen, würde er wohl nicht sein.
Nachdem Giacomo die Verschiffung seiner Güter mit den Schiffseignern abgesprochen hatte, kehrte er zu dem Jungen zurück. Piro sprach zu dem Pferd und machte keine Anstalten, zu flüchten. Giacomo stellte die Überlegung an, ob er ihn auf sein Gestüt holen sollte. Aber da er dem Jungen noch nicht so recht traute und er oft unterwegs war, wäre es wahrscheinlich besser, ihm einen behüten Platz in Sirmiù zu suchen.
Eigentlich könnte er Federico fragen, denn er konnte sich gut vorstellen, dass sich sein Sohn mit dem Jungen anfreunden könnte. Beide konnten sich gegenseitig stützen, der eine wegen seiner Behinderung und der andere, weil er der uneheliche Sohn eines Edelmannes war. Zu zweit waren solche Tatsachen weit besser wegzustecken, als wenn man alleine dagegen ankämpfen musste.
Giacomo wusste, wovon er sprach, denn Knappen waren nicht immer nette Burschen und Gehässigkeit stand oft auf der Tagesordnung. Vor allem suchten sie sich dafür immer die Schwächeren aus.

Im Kindle-Shop: Die Rivalen am Lago di Bènaco: Historischer Roman

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